Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Der grösste Schlag für Liselotte aber war der Tod der Kurfürstin Sophie von Hannover, die im Jahre 1714 aus dem Leben schied. Die Verwandten in Hannover wagten es nicht einmal, ihr die Todesnachricht direkt mitzuteilen; denn sie wussten, wie tief ergriffen sie davon sein würde. Man bat den Beichtvater, es der Herzogin von Orléans so schonend wie möglich beizubringen, dass ihre «herzliebe» Tante nicht mehr unter den Lebenden weile. Liselotte war 62 Jahre alt, aber immer noch hing sie wie ein Kind an dieser Tante, die ihr soviel im Leben bedeutet hatte. Ihr Einfluss war trotz der langen Trennung und trotz der Entfernung ein so starker, dass Liselotte nicht nur in ihrer Denkungsweise, sondern auch in ihren Ausdrücken und Urteilen immer das wandelnde Ebenbild der hannoverschen Kurfürstin zu sein schien. Und nun war sie nicht mehr, die ihr in allem als nachahmenswertes Beispiel voranging!

Als Liselotte die Nachricht von ihrem Tod erfuhr, erbleichte sie und war einer Ohnmacht nahe. Ihr ganzer Körper begann wie von Fieberfrost geschüttelt zu werden. Eine Viertelstunde vermochte sie weder ein Wort hervorzubringen noch zu weinen, aber ihre Brust keuchte, und es war ihr, als sollte sie ersticken. Dann kamen die Tränen in Strömen. Unaufhaltsam weinte sie Tag und Nacht um dieses so sehr geliebte Wesen. Nichts hält sie mehr auf Erden zurück. Sie möchte am liebsten auch sterben. Es ist indes nicht der Gedanke eines Wiedersehens mit der Tante oder den lieben verstorbenen Freunden. An ein Leben im Jenseits glaubte Liselotte ebensowenig wie an Geistererscheinungen. Sie ist auch nicht eine von denen, die durch irdische Leiden Sehnsucht nach einem besseren Leben im Himmel bekommen. «Die Störche wissen, in welch Land sie ziehen», meinte sie, «aber wir armen Menschen wissen nur, wo wir sein, also gar kein Wunder, dass wir nicht so gross Empressement und Eil haben, wegzuziehen, als die Störche ... Es ist nicht die geringste Apparentz, um alle wieder zu sehen, so man verloren hat.» Dennoch wäre es ihr ganz lieb, wenn auch sie von der Welt verschwinden würde. Was blieb ihr schliesslich von diesem Leben an einem Hofe, wo der Tod ebenfalls mehrmals Einkehr gehalten hatte? Der König war ernst und traurig gestimmt; man konnte sich ihm kaum noch nähern. Ueber Liselottes Sohn streute man die absurdesten Gerüchte in Verbindung mit dem plötzlichen Hinsterben der Familie des Dauphins aus, und diese furchtbaren Anklagen drückten die Mutter fast zu Boden.

Noch hatte sie freilich den König auf ihrer Seite, der diese Gerüchte zum Schweigen brachte und Liselotte so gut es ging zu trösten suchte. Aber auch Ludwigs Stunde hatte geschlagen. Im August 1715 erkrankte er ernstlich. Liselotte war vollkommen fassungslos bei dem Gedanken, dass sie nun vielleicht bald auch ihren besten und einzigen Freund am Hofe verlieren sollte. Immer hatte sie ihn geliebt, mehr als sie sich zugestehen wollte. Um so schmerzlicher berührte es sie, dass der von ihr vergötterte Mann in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr auf der geistigen und körperlichen Höhe wie früher stand. Sie vermochte es kaum zu ertragen, wenn jemand etwas über die abnehmende Gesundheit des Königs oder gar über seine sich vermindernden Geistesfähigkeiten sagte. Nicht selten geriet sie darüber in den hellsten Zorn und sagte, es sei eine abscheuliche Verleumdung, zu behaupten, Ludwig XIV. werde kindisch. Er habe immer noch einen guten Kopf, das wisse sie. Sie hingegen werde alt und schwach und habe gar kein Gedächtnis mehr.

Damit wollte sie sich selbst täuschen. Sie wollte nicht daran denken, dass auch er ihr genommen werden könnte. Als sie aber schliesslich einsehen musste, dass auch ein Mann wie Ludwig XIV. sterblich sei, da war sie ganz verzweifelt. Der König, der sich seinem Ende nahe fühlte, hatte sich auf den Tod vorbereitet und nach dem Abendmahl den kleinen Dauphin, den zukünftigen Ludwig XV., an sein Sterbebett gerufen. Nachdem er ihm seinen Segen gegeben, liess er die Herzogin von Berry, Liselotte und alle seine Töchter und Enkel zu sich kommen, um Abschied zu nehmen. Besonders an Liselotte richtete er so gütige, liebe Worte, dass sie sich wunderte, vor Rührung nicht ohnmächtig geworden zu sein. Er versicherte ihr, dass er sie immer lieb gehabt, ja mehr als sie selbst geglaubt hatte, und er bedaure, dass er ihr bisweilen Kummer bereitet habe. «Madame», sagte er, «man hat alles getan, um Sie mir hassenswert zu machen, aber es ist ihnen nicht geglückt.» Dabei verwandte er keinen Blick von der demütig an seinem Bett stehenden Frau von Maintenon. Das berichtet Liselotte mit besonderer Genugtuung. Und während sie noch vor ihm auf den Knien lag, sprach er zu den anderen Prinzessinnen seines Hauses und ermahnte sie, sie möchten immer in Eintracht miteinander leben. Liselotte glaubte, diese Worte seien auch an sie gerichtet. Unter Schluchzen antwortete sie, sie würde seinen Rat jederzeit beherzigen. Da lächelte Ludwig gütig und meinte: «Ich sage das nicht zu Ihnen; denn ich weiss, Sie sind vernünftig und haben einen solchen Rat nicht nötig. Ich meine die andern Prinzessinnen.» Liselotte erhob sich, im Herzen voller Stolz und Dankbarkeit für so viel Güte. Es war für sie eine grosse Genugtuung, dass das der König in seiner letzten Stunde zu ihr vor allen gesagt hatte. Nun stand sie doch gerechtfertigt da.

Erst am Sonntag darauf starb Ludwig XIV. Liselotte war des besten und mächtigsten Freundes beraubt, den sie besessen hatte. Drei Generationen des königlichen Hauses hatte der Tod in kurzen Zwischenräumen hinweggerafft. Liselottes Sohn war plötzlich in den Vordergrund gerückt. Ihm war es bestimmt, das im Sinken begriffene Staatsschiff als Regent des noch minderjährigen Ludwigs XV. weiterzulenken.

Wir wissen, dass die Herzogin von Orléans sehr stolz auf ihren begabten Sohn war. Mit viel Geschick und grossem Verständnis hatte er die Staatsgeschäfte in die Hand genommen, und es erwies sich, dass er nicht nur ein tüchtiger Feldherr, sondern auch ein ausgezeichneter Politiker war. Aber als Mensch war er, wie sein Vater, ein Wüstling. Der Mutter waren seine Ausschweifungen nicht unbekannt, und sie konnte sich nicht recht des grossen Glücks erfreuen, das Philipp nach dem Tod Ludwigs XIV. auf den Thron Frankreichs erhoben hatte. Sie sah voraus, dass ihr Sohn erst recht in den Strudel der Leidenschaften mit fortgerissen werden würde, sobald er tun und lassen konnte, was er wollte und keinen Gebieter mehr über sich fühlte. Ein gewisser Trost in dieser trüben Voraussicht war ihr nur, dass sein Herz bei allen Fehlern nicht verdorben war und nicht verderben konnte. Philipp war nur durch den Zynismus einer überaus leichtlebigen und sinnlichen Umgebung verwildert. Das verderbliche Beispiel seines Vaters, das er von frühester Jugend an vor Augen gehabt hatte, überhaupt das ganze verführerische Leben an Ludwigs epikuräischem Hofe hatte viel zu den Neigungen des jungen Herzogs beigetragen. Was jedoch Liselotte, die so wenig Glück und Liebe in der eigenen Familie kennengelernt hatte, wirklich erfreute, war der Umstand, dass ihr Sohn ihr stets die grösste Achtung und Ergebenheit erwies, selbst als Regent. Wenn er auch nicht immer mit seiner Mutter übereinstimmte, so vermochten doch niemals die Intrigen des Hofes ihn ganz von ihr zu entfernen.

Nur mit der Schwiegertochter, dem «Mausdreck», war die Herzogin von Orléans nie einverstanden. Sie behauptete, die junge Herzogin beherrsche ihren Sohn vollkommen und mache mit ihm, was sie wolle. Liselotte fürchtete und hasste zugleich diesen Einfluss, mehr als jeden anderen; denn sie kannte ihres Sohnes Gemahlin als getreue Verbündete ihrer grössten Feindin, der Madame de Maintenon. Es war überdies nicht eine ganz unbegründete Angst der Mutter. Beinahe wäre es den Brüdern der jungen Herzogin, besonders dem Herzog von Maine, gelungen, sich nach des Königs Tode an Philipps Stelle auf den Thron zu setzen. Und in dieser Intrige spielte die eigene Gattin Philipps keine unbedeutende Rolle. Jedenfalls waren Madame de Maintenon und ihre einstigen Zöglinge die Hauptführer der Hofverschwörung gegen den Regenten.

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