Einer der glühendsten Verehrer des herangewachsenen Mädchens war der Neffe des alten Herrn von Turneheim, der vierundzwanzigjährige Charles Guilleaume Lenormand. Jeanne Antoinette war eben fünfzehn Jahre alt geworden, als die Heirat zwischen ihr und dem jungen Mann von ihrer Mutter und Turneheim zustande gebracht wurde. Der Gatte hatte äusserlich nichts Verführerisches an sich. Er war klein und schlecht gewachsen, sein Gesicht eher hässlich als hübsch. Aber er war eine glänzende Partie für das junge Mädchen. Sein reicher Onkel gab ihm als Mitgift die Hälfte seines Vermögens und das Schloss Etioles zum Wohnsitz. Dass er ein herzensguter Mensch war und vor allem ein Ehrenmann, spielte für die Poissons weiter keine Rolle.
So wurde Jeanne Antoinette Poisson Madame Lenormand d'Etioles, ohne dass man sie um ihre Meinung gefragt hätte. Sie kümmerte sich auch gar nicht viel um diese Angelegenheit ihres Lebens. Von Natur aus schien sie ein kalter, egoistischer Charakter zu sein, dem Vergnügen, Luxus, Reichtum mehr galten als seelisches Glück. Sie kannte weder Leidenschaft noch Liebe. Ihr Gatte liebte sie zärtlich und vergötterte sie. Sie selbst hatte ihm weiter nichts zu geben als ihre äussere Schönheit, ihre junge Person, die seine Salons mit dem ihr eigenen Zauber erfüllte. Merkwürdigerweise war Herr von Etioles trotz so vieler Reize seiner Gattin nicht eifersüchtig. Er liess ihr alle Freiheit. Sehr oft war er abwesend, sie aber nahm ohne Verlegenheit oder Aengstlichkeit von ihrer Rolle als Schlossherrin Besitz. Stets war sie der anziehende Mittelpunkt ihrer Gesellschaft, die sich aus den bedeutendsten Geistern des alten und neuen Frankreich und aus der hohen Finanzwelt zusammensetzte. Es bildete sich ein kleiner Hof um die reizende Frau, und mancher hoffte sie für sich erobern zu können, um so mehr, da man bald merkte, dass sie sich sehr kühl mit Herrn Etioles verheiratet hatte und in keiner Weise seine Leidenschaft erwiderte. Der junge Ehemann schien jedoch nichts von dieser Kälte zu spüren. Er war glücklich in seiner Liebe zu ihr, besonders als sie ihm Kinder schenkte. Das erste war ein Knabe, der aber bereits nach sechs Monaten starb. Das zweite Kind kam 1743 zur Welt und war jene kleine Alexandrine, die später von der Marquise von Pompadour wahrhaft vergöttert wurde. Aber die Ehe war für Jeanne Antoinette Poisson weder Ziel noch Anfang oder Ende gewesen, sondern nur Mittel zum Zweck. Auf jeden Fall kam sie ihr für ihre kühnen Zukunftspläne zustatten.
Die nun neunzehnjährige Madame d'Etioles nährte nämlich fast seit ihrer Kindheit einen einzigen heissen Wunsch: einst vom König, der damals vierzig Jahre alt war und im Rufe eines Wüstlings stand, ausgezeichnet zu werden. Dieser kühne Wunsch war durch die Wahrsagerin Lenormand in ihrem jungen Herzen lebhaft geworden. Die zynische Mutter tat das ihrige, um in dem Kinde den Gedanken zum sehnlichsten Wunsche zu entwickeln. Hatte sie doch mehr als einmal im Beisein ihrer Tochter vor ihren Gästen entzückt ausgerufen: «Jeanne Antoinette ist ein Bissen für den König!»
So träumte das heranwachsende Mädchen nur von dem Glück, einmal die Geliebte des galanten Königs zu sein, in Versailles eine Rolle zu spielen. Als Madame d'Etioles erweiterten sich ihre Pläne in dieser Hinsicht. Sie nahmen bereits Gestaltung an. Sie machte sich die phantastischsten Vorstellungen von den Auszeichnungen, die ihrer am Hofe Ludwigs XV. harrten.
Der König jagte gewöhnlich mit einer grösseren Gesellschaft im Walde von Sénart, in der Nähe des Schlosses Etioles. Es hätte sich für die junge Schlossherrin keine günstigere Gelegenheit bieten können, um des Königs Weg wie von ungefähr zu kreuzen. Jedenfalls legte sie das grösste Raffinement und die gesuchteste Koketterie in diese gewollten flüchtigen Begegnungen. Sie erreichte, dass es dem König auffiel, auf der Jagd stets einer schönen jungen Frau zu begegnen, die ihre Blicke bewundernd zu ihm erhob und doch so ehrerbietig bescheiden zu grüssen verstand. Bald erschien sie in elegantem Jagdkostüm zu Pferd, bald in einem mattblauen oder zartrosa Phaeton, das sie selbst lenkte. Einmal sass sie in einem ganz aus Bergkristall gebauten Wagen, der die Form einer Muschel hatte. Zwei feurige Goldfüchse folgten ihrer kundigen Lenkerhand. Sie sah aus wie die Schaumgeborene selbst. Ein duftiges rosa Seidengazekleid umhüllte ihre zarten Glieder. Brust und Arme zeigten sich den Blicken in antiker Nacktheit. Der König und sein Gefolge sprachen noch lange von jener zarten Erscheinung im Walde von Sénart, die diesmal lieblicher und schöner denn je gewesen war. Man nannte sie seitdem kurzweg die Waldnymphe.
Aus Anlass der Hochzeit des Dauphins mit der Infantin Maria-Theresia fand am 28. Februar 1745 im Pariser Rathaus ein grosser Maskenball statt, an dem nicht nur der Hof und die Hofgesellschaft, sondern auch die hohe Finanzwelt und die vornehmen Bürger teilnahmen. Einer Maske war es gestattet, sich dem Herrscher ohne Zeremonie zu nähern und ihn wie jeden andern zu necken. Madame d'Etioles hatte ihren Plan. Sie erschien als Diana. Mit dem Köcher über der Schulter, in der Hand den silbernen Bogen, erschien sie auf der für die Damen der hohen Bürgerschaft reservierten Estrade. Alle Blicke richteten sich auf die wunderschöne Jägerin. Der König selbst wurde aufmerksam; denn Diana hatte sich keinen Geringeren als gerade ihn zum Ziele ihrer Pfeile ausgesucht. Unter der kleinen Gesichtsmaske, die nur den hübschen Mund freiliess, funkelten ihre Blicke nur für Ludwig. Ludwig war ganz ergriffen von ihrer bezaubernden Art. Schliesslich bat er sie inständig, sie möge nur einen einzigen Augenblick ihre Maske heben, damit er ihr Gesicht sehen könne. Die Göttin war kokett genug, ihrem königlichen Bewunderer diese Gunst nicht zu versagen. Wie überrascht war Ludwig, die Nymphe des Waldes von Sénart vor sich zu sehen. Noch ehe er etwas erwidern konnte, entfloh Diana mit einem schelmischen Lächeln, jedoch nicht ohne wie zufällig ihr Taschentuch fallen zu lassen. Galant hob es Ludwig auf und warf es der fliehenden Schönen nach. Es ging ein Murmeln durch die lachende, fröhliche Menge. «Das Taschentuch des Sultans ist geworfen», hiess es.
Nicht lange darauf sollte der Hof von Versailles eine Ueberraschung erleben. In den ersten Wochen des April fand italienische Oper statt. Da sah man die junge Frau von Etioles in einer märchenhaft schönen Toilette in einer Loge sitzen, die von der vergitterten Loge des Königs aus gut zu beobachten war. Man sah, wie Ludwig kein Auge von der reizenden Frau wandte. Versailles hatte einen neuen Gegenstand für die «Chronique scandaleuse». Am folgenden Tag speiste der König in seinem Zimmer, ohne jemand zu seiner Tafel hinzuzuziehen. Das war immer das Zeichen, dass ein neuer Stern am Himmel des Monarchen aufgegangen war. Die Eingeweihten wussten, dass Madame d'Etioles mit dem König soupierte und taten das ihrige, dass es kein Geheimnis blieb. Ludwig erschien auch nach dem Essen nicht zum gewöhnlichen Abendempfang bei Hofe, sondern begab sich sofort in die intimeren Gemächer der Beletage. Madame d'Etioles aber verliess Versailles erst in einer sehr vorgerückten Stunde der Nacht, tief verschleiert. Ihr sehnlichster Wunsch, dem König anzugehören, war erfüllt. Mit stolzen Zukunftsträumen und -plänen kehrte sie aus dem Schlosse nach Hause zurück. Aber ihre Hoffnungen sollten noch einmal enttäuscht werden. Der König liess nach diesem ersten vertraulichen Beisammensein lange nichts von sich hören. Es war, als habe er ein leises Misstrauen gegen diese Frau, die ihn so lange und hartnäckig umworben hatte.
Ein zweites Mal empfing Ludwig die junge Frau, diesmal in Gegenwart einiger Höflinge. An jenem Abend amüsierte man sich sehr gut beim König. Richelieu sprühte von geistreicher Arroganz, und Madame d'Etioles war ihm eine schlagfertige Partnerin. Die kleine Gesellschaft war äusserst lustig, der König sehr aufgeräumt, und wie es schien, sogar ein wenig verliebt. Erst in der Morgendämmerung verliess Madame d'Etioles das Schloss in Versailles, und ein Wagen des Königs führte sie ihrer eigenen Besitzung zu.
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