Anfangs hielt der König sein Verhältnis zu Madame d'Etioles geheim. Er fürchtete besonders die Jesuiten, die ihm die Beziehungen zu einer anerkannten Atheistin sehr übel genommen hätten. Die Partei der Königin und vor allem die des devoten Dauphin schrie Zetermordio über die Erhebung einer Bürgerlichen zur Geliebten des Königs. Denn solange er seine Geliebten aus dem hohen Adel wählte, aus der Hofgesellschaft selbst, hatte man gegen seine ausserehelichen Passionen nichts einzuwenden. Das gehörte zur Tradition der französischen Könige. Der Herzog von Nesle, der seine vier Töchter eine nach der andern dem Harem des Königs einverleiben liess, genoss dadurch nur noch grössere Achtung und grösseren Einfluss. Dass nun aber eine Frau Etioles, eine geborene Poisson, der Herzogin von Châteauroux als Nachfolgerin gegeben wurde, war einfach unerhört. Als man gar noch erfuhr, dass er ihr versprochen hatte, sie zur offiziellen Mätresse zu erheben, wenn er aus dem Feldzug in Flandern zurückgekommen sei, war man schier ausser sich, und es bildete sich eine Liga, die alles versuchte, um diese neue Geliebte schon jetzt zu stürzen. Aber Madame d'Etioles schien ihrer Sache gewiss. Sie verhielt sich vollkommen ruhig und indifferent.
Am 6. Mai 1745 nahm Ludwig zärtlichen Abschied von ihr. Sie war klug genug, ihm nicht, wie ihre Vorgängerin, ins Feld zu folgen. Wusste sie doch, dass die erste Trennung zu Beginn einer neuen Leidenschaft sehr schmerzlich für Ludwig sein und ihn nur noch fester mit ihr verknüpfen werde. Sie berechnete alles sehr klug. Auch in Versailles blieb sie nicht während seiner Abwesenheit, sondern sie zog sich auf ihre Besitzung zurück. Dort lebte sie beinahe in klösterlicher Abgeschiedenheit.
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Im Schlosse Etioles, einsam, von aller Welt abgeschlossen, erwartete die neue Favoritin die Rückkehr des Königs aus dem Felde. Brief um Brief flog von Ludwig zu ihr. Er schien das Wiedersehn mit seiner neuen Geliebten kaum erwarten zu können. «Treu und verschwiegen» hatte er ihr als Devise geschrieben, und sie wusste, dass sie bald die erste Frau an seinem Hofe sein werde. Die Ankunft des Königs stand kurz bevor. Eine fieberhafte Tätigkeit begann in Versailles. Die Gemächer der Herzogin von Châteauroux wurden zum Empfang der königlichen Mätresse instandgesetzt. Madames Ehrgeiz war befriedigt. Alle Welt wusste, dass der König sie auszeichnete. Mit Stolz konnte sie bereits im Juli, nachdem der König kaum zwei Monate von ihr fern war, allen ihren Bekannten achtzig Briefe von der Hand Ludwigs zeigen, und einer der letzten war adressiert: «An die Marquise von Pompadour.» Er enthielt ausserdem die Urkunde, die sie zum Tragen dieses Titels berechtigte.
Zwei Tage nach der Rückkehr des Königs, am 9. September 1745, fand das offizielle Galadiner im Rathaus statt. In einem abseits gelegenen Zimmer feierte Madame de Pompadour mit andern Damen inkognito durch ein nicht weniger königliches Mahl diesen denkwürdigen Tag ihres Lebens. Denn noch war die neue Marquise nicht bei Hofe vorgestellt. Aber auch dieses Ereignis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Sechs Tage später bot Ludwig der Welt ein Schauspiel, das alle Neidischen zum Schweigen brachte, die seine Leidenschaft nur als vorübergehende Laune hingestellt hatten. Madame de Pompadour wurde dem König, der Königin, dem Dauphin, den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses vorgestellt. Es war ein grosses Ereignis für Paris. Wie üblich hatte man für Maria Leszczinska im voraus ein paar nichtssagende Worte vorbereitet. Aber die Königin wollte individuell sein. Die umstehenden Höflinge konnten sich vor Staunen nicht fassen, als sie Maria Leszczinska auf die Marquise zugehen sahen und sehr liebenswürdig fragen hörten: «Wie geht es Madame de Saissac? Es war mir angenehm, sie bisweilen in Paris gesehen zu haben.» Also Ihre Majestät und die neue Marquise hatten eine gemeinsame Bekannte! Das hatte man nicht vermutet. Man wusste ja nicht, dass Madame de Pompadour längst in der Umgebung der gütigen Königin ihre Netze ausgeworfen und die Stimmung zu ihren Gunsten vorbereitet hatte. Dennoch war sie über so viel Güte und Liebenswürdigkeit sehr verlegen und verwirrt. Das hatte sie doch nicht erwartet, dass Maria Leszczinska die Mätresse ihres Gatten mit so viel Takt und Natürlichkeit empfangen würde. Nur stammelnd brachte sie die Worte heraus: «Madame, es ist mein leidenschaftlicher Wunsch, Ihnen zu gefallen.» Aber ihr Hofknix war dann doch tadellos und graziös. Man konnte ihr weder Unbeholfenheit noch Verlegenheit vorwerfen.
Die Freunde des Königs und der Marquise waren natürlich über die Wahl Ludwigs entzückt. Sie feierten beide in den Stufenleitern der Schmeichelei und Bewunderung. Bernis und Voltaire besangen die neue Mätresse wie eine Göttin der Tugend und Keuschheit. Gentil- Bernard, Duclos, Marmontel, Fontenelle konnten sich nicht genug tun in lobenden Gesängen auf sie und den König. Aber abgesehen von diesen Weihrauchverbreitern und Rosenstreuern sah man die Erhebung der Madame d'Etioles am Hofe mit sehr kritischen Blicken an. Besonders konnten sich die hohen Damen nicht beruhigen, dass eine Bürgerliche den «Posten» einer königlichen Mätresse innehaben sollte. Aus den Augen der Frauen begegneten Madame de Pompadour überall feindselige, gehässige, neidische Blicke. Man beobachtete alles an ihr: ihre Bewegungen, ihren Gang, ihre Manieren, ihre Sprache, ihr Lächeln, ihre Unterhaltung. Spöttisch und unverhohlen betrachtete man diese frischgebackene Marquise, die sich bemühte, sich den Anschein von wirklicher Grösse und Vornehmheit zu geben.
Im Oktober bezog Madame de Pompadour die Gemächer, welche die Herzogin von Châteauroux vor ihr innegehabt hatte. Trotz dieses Vorzugs erschien sie jedoch fast nie öffentlich bei Hofe, sondern empfing den König in ihrer intimen Gesellschaft. Die neue Marquise hatte jedoch nicht nur die sanfte stille Königin für sich zu gewinnen. Es gab noch viele Menschen am Hofe, bei denen sie ihre ganze Klugheit aufbieten musste, um sie sich, wenn nicht zu Freunden, so doch wenigstens nicht zu Feinden zu machen. Da war vor allem der Dauphin. Mehr wie allen anderen Mätressen seines Vaters zeigte er der Marquise von Pompadour die tiefste Verachtung. Unter dem Einflusse seines geistreichen Vertrauten, des Herzogs von Ayen, scheute er sich sogar nicht, die grössten Skandalgeschichten über sie zu verbreiten. Er und die Dauphine nannten sie nie anders als «Madame putain». Fast ebenso erging es ihr mit dem Herzog von Richelieu, der sonst leicht von schönen und koketten Frauen zu gewinnen war. Aber er konnte es Madame de Pompadour am wenigsten verzeihen, dass sie als Bürgerliche den Platz in den intimen Gemächern des Königs erobert hatte. Seit dem ersten Souper, das sie in Gesellschaft Ludwigs eingenommen hatte, war sein Hass ein unversöhnlicher. Unter allen, die sich über die bürgerlichen Gewohnheiten derjenigen lustig machten, die es gewagt hatte, sich einem Throne zu nähern, war Richelieu der ärgste und bissigste Spötter. Ihm gegenüber war sie machtlos.
So war es jedoch nicht bei allen ihren Feinden. An Richelieu, dem Dauphin und den Töchtern des Königs konnte sie sich nicht rächen. Aber alle anderen liess sie es hart fühlen, wenn sie sich nicht vor ihr beugten, gleichviel, ob es Prinzen von Geblüt oder hohe Würdenträger waren. Anfangs konnte sie nur durch ihr persönliches hochmütiges Wesen die Personen strafen, die es ihr gegenüber an Respekt fehlen liessen. Später, als sie die allmächtige Herrscherin über Staat und Volk wurde, drohte jedem die Bastille oder Verbannung, der sich nur das geringste gegen die Mätresse des Königs zuschulden kommen liess. Wie gross ihr Einfluss schon in den ersten Monaten war, beweist, mit welcher Arroganz sie oft die nächsten Verwandten des Königs behandelte, von denen sie wusste, dass sie nicht zu ihren Freunden gehörten. Dagegen erweist sie sich äusserst verschwenderisch und freigebig gegen ihre Schmeichler. Dem Herzog von Chartres verschaffte sie eine Rente von 900 000 Franken auf sein Gouvernement der Dauphiné. Die Marschallin von Mirepoix erhielt durch ihre Vermittlung nach dem Tode ihres Gatten eine Pension von 20 000 Franken und viele andere Vergünstigungen für ihre Familie. Bald sahen die Höflinge ein, dass sie weiter kamen, wenn sie der verhassten Kurtisane schmeichelten, und so bildete sich mit der Zeit auch um Madame de Pompadour ein Kreis von Schmeichlern und Schöntuern.
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