Als uns der kleine Grenzforscher Janisch von gestern Abend entgegenkam, vertieft in eine Unterhaltung mit einem anderen Mann, griff ich nach Karins Arm, zog sie in eine Seitengasse und sagte, ich wolle einmal einen anderen Weg probieren.
Als ich wieder das Hotelzimmer betrat, war es kurz nach zehn. Ich setzte mich zu Maja ans Bett. »Wir haben das Frühstück verpasst«, sagte ich.
»Wir haben auf dieser Reise jedes Frühstück verpasst.«
»Nicht das in Reichenau.«
»Aber da gab es keine Brötchen mehr!«, rief sie, immer noch verbittert deswegen.
Sie rieb sich die Augen, zerrte an ihren Haaren, streckte sich, zog die Knie an die Brust und schloss wieder die Augen.
»Holst du mir einen Himbeersaft mit Bläschen?«, sagte sie mit träumerischem Lächeln.
Ich seufzte. »Und wenn sie kein Kracherl haben?«
»Einen Almdudler. Aber bitte mach, dass sie ein Kracherl haben.«
Am Morgen nach unserer ersten gemeinsamen Nacht wollte sie auch ein Kracherl haben. Ich lief im Regen durch den südburgenländischen Ort, in dem ich mein Schreibseminar abhielt, und klapperte die zwei Gasthäuser und die Tankstelle auf der Suche nach Himbeersoda ab.
Meine erste Begegnung mit Maja: Ich stand an der Bushaltestelle von Hasendorf, es war Ende Oktober vor eineinhalb Jahren, und ich erwartete die ersten drei von insgesamt sechs Seminarteilnehmern. Ich hatte alle, die sich mit einer Arbeitsprobe beworben hatten, angenommen, denn ich war abgebrannt und brauchte ihre Seminargebühren, um zwei Kronen im Mund und ein paar Termine beim Osteopathen bezahlen zu können. Aber die Texte von Maja, die gefielen mir, sie waren böse und ungezwungen, und ich war neugierig auf die Frau.
Sie stieg aus dem Bus, groß und dünn, enge grün-schwarz gestreifte Röhrenhosen, ein Wollschal, den sie zehnmal um ihren Hals geschlungen hatte, die blonden Haare verwuschelt, überladen mit Rucksack, Reisetasche und Laptopbeutel. Sie knallte die Tasche auf den Boden, ließ sich darauf nieder und zündete sich eine Zigarette an, während sie mit ihren hellblauen Augen wenig begeistert die Atmosphäre von Hasendorf einsog. Damals wusste ich noch nicht, dass die Provinz unser Schicksal war, dass wir am Dorf am glücklichsten waren und in der Stadt einfach nicht miteinander klarkamen.
Ich stellte mich vor ihr auf, fragte: »Maja?«
Sie sah zu mir hoch, blinzelte, reichte mir die Hand.
Ich sagte: »Herzlich willkommen in der Literaturgemeinde Hasendorf!«
Sie sah mich an, als sei das ein Witz, und das war es ja auch.
»Bin ich die Einzige hier, und es kommt auch niemand mehr, und du brauchst bloß jemanden für deinen Bauernhof?«
»Ich rechne mit fünf weiteren Literaturnarren, und wir werden an diesem Wochenende viel über das Schreiben, uns selbst, und ein Leben ohne Pizzalieferanten lernen.«
»Na, mal sehen«, sagte sie und hievte sich hoch.
»Bist du aus Bayern?«, fragte ich.
»Saarland«, sagte sie.
»Aha«, sagte ich, denn dazu fiel mir nichts ein.
»Wieso findet das eigentlich hier statt und nicht in Wien, wo du ja auch wohnst, wenn das Internet da nicht lügt …?«, fragte sie.
Die Antwort auf Majas Frage war: Mein Freund Manfred, der auch mein Agent war, stellte mir den Seminarraum seines Hofs zur Verfügung, und so günstig und komfortabel war so etwas in Wien natürlich nicht zu bekommen. Plus wir bekamen eine nette Förderung vom Land Burgenland.
Stattdessen sagte ich: »Der Hasendorf-Spirit. Wegen dem. Komm, ich zeig dir das Rückhaltebecken. Ist jetzt aber leer.«
»Sollten wir nicht noch auf die anderen warten?«
Jetzt fiel mir auf, dass noch zwei weitere Menschen unentschlossen auf der Verkehrsinsel standen, ein junger Mann in Lederjacke und eine Frau Mitte fünfzig, die einen Poncho trug. Ich fragte sie, ob sie zu mir gehörten, und schließlich stiegen wir zu viert in meinen Volvo und fuhren die achthundert Meter zum Hof meines Freundes.
Am ersten Abend unseres Seminars saßen wir zusammen in Manfreds riesiger Bauernstube, und er kochte für alle. Nach dem Essen tranken wir Rotwein und plauderten, und erst gegen Mitternacht verabschiedeten sich die Leute, um zur Pension zu marschieren, die zehn Minuten entfernt war und in der außer meinen Schülern nur ungarische Motorradtouristen übernachteten. Alle gingen, bis auf Maja. Sie blieb bei uns sitzen, die Füße auf der Bank, eine von Manfreds Katzen auf dem Schoß. Sie erzählte uns von ihrem Leben in Wien: Sie kellnerte, spielte ein bisschen Theater und dachte daran, ein YouTube-Star zu werden. Das Schreiben war für sie nur ein weiterer Versuch, ihr schwer fassbares Talent in einer konventionellen Form zu kanalisieren.
Als Manfred ins Bett ging, holte sie den Wodka aus dem Regal und begann zu mir aufzurücken. Ich erklärte ihr, dass ich an und für sich schon der Richtige für so eine Situation sei, wir aber den ganzen nächsten Tag schreiben würden, und ich das gerne einigermaßen ausgeschlafen und ohne Kopfweh machen würde. Außerdem ließe ich mich auch nicht mit einer Seminarteilnehmerin ein, jedenfalls nicht während des Kurses. Sie trank ihren Wodka in einem Schluck aus, dann sagte sie: »Weißt du, das finde ich jetzt richtig gut von dir.«
Trotzdem gelang es mir nicht, ihr zu verbieten, die Nacht bei mir im Kingsize-Bett in Manfreds Gästezimmer zu verbringen. Sie trug einen Schlumpf-Pyjama, eine Zahnspange und zwei Paar Socken und schlief ein, während ich mir noch die Zähne putzte. Als ich um halb sieben in der Früh aufwachte, war sie verschwunden.
Die nächsten zwei Abende verliefen ganz ähnlich. Als die Seminarteilnehmer am Montag wieder abreisten, hatte ich mich schon an Majas Röcheln neben mir gewöhnt und fand sie auch sonst recht bemerkenswert. Trotzdem hatte sie beschlossen, nach Wien zurückzufahren, und ich brachte sie als Letzte zur Bushaltestelle in den Ort.
»Du bleibst also noch?«, fragte sie mich, die Zigarette zwischen den Mundwinkeln, während sie sich die Haare zusammenband.
»Ich arbeite noch an dem Text. Außerdem sind jetzt Wildwochen. Manfred kriegt eine Rehhälfte, wäre dumm, jetzt zu fahren.«
»Verstehe.«
Sie warf die Zigarette weg, nahm einen Schluck von ihrem Apfelsaft, dann küsste sie mich. Als der Bus kam, knutschten wir immer noch, und er fuhr ohne Maja weiter.
»Hast du Kondome im Haus?«, fragte sie mich.
»Ich hab sicher eines.«
» Eines ?«, sagte sie verwundert, und dann gingen wir zum Auto und fuhren in den Nachbarort zum Drogeriemarkt.
Bei uns im Hotel Heide hatten sie kein Kracherl, also spazierte ich zu dem Gasthaus, in dem wir gestern gegessen hatten, und wo auch Franziska und ihr Anhang wohnten. Dort verkaufte man mir ein Keli Himbeer , unter der Voraussetzung, ich brächte die Flasche später zurück. »Vergessen Sie es nicht«, sagte die Wirtin eisig. Ich sah vor mir, wie die Kleinstadtbewohner mit Taschenlampen den Wald durchkämmten, auf der Suche nach der Flasche Keli, die nie zurückgebracht worden war.
Zurück nahm ich meiner Erinnerung an Jugendtage folgend einen anderen Weg. Ich ging einen Pfad entlang, der zwischen Obstgärten und einem waldigen Hang außen um das Zentrum des Städtchens herum verlief. Er führte mich nach ein paar Minuten, in denen meine hübschen Wadeln vom Unkraut zerkratzt wurden, zum Teich von Heidenholz, einer der Natur überlassenen, von Weiden und Pappeln gesäumten Wasserflohlacke, von deren Existenz die Urlauber nichts zu wissen schienen. Die Holzbude am Ufer, wo man in meiner Jugendzeit Eis und Bier kaufen konnte, sah aus, als fiele sie bald in sich zusammen, der Steg war morsch, die Wiese in diesem Jahr noch nicht gemäht worden. Ich sah, dass dennoch eine Frau im See schwamm, und erkannte – an ihrem Nacken, ihrer Kopfhaltung – meine Ex-Frau Franziska.
»Franzi!«, rief ich, aber der Wind rauschte durch die Blätter, und sie hörte mich nicht.
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