»Tanzbuden?«, fragte Maja.
»Ja. Unterhaltungslokale.«
»Pardauz, hier gab es Unterhaltungslokale! Da hat sicher mancher Schwerenöter seinen Sparstrumpf geschröpft, um in den besten Gamaschen seine Mamsell zu treffen!«
»Ich rede von den Fünfzigerjahren, von dem, was mir meine Großeltern erzählt haben. Man sprach damals von Tanzbuden .«
Maja stach mir mit einem Finger in die Brust, dann sagte sie ernst: »Jakob, bring deine Sprache mal ins einundzwanzigste Jahrhundert.« Sie griff wieder nach ihrem Koffer und ging flotten Schrittes voraus Richtung Stadt.
Ich rief ihr hinterher: »Meinst du jetzt meine Alltagssprache? Oder …«
Ohne sich umzudrehen sagte sie: »Vielleicht lag’s diesmal ja am Mönch.«
Ich rief: »Diesmal ?!«
Sie reagierte nicht, und wir marschierten weiter Richtung Stadt. Auf der linken Seite tauchte nach einiger Zeit die Wasserburg mit der mächtigen Zugbrücke auf. Beim Eingang zum Burggrund befand sich direkt ans Gemäuer angeschmiegt ein hölzernes Kaffeehäuschen, das mit seinen roten Sonnenschirmen mit dem Logo der Eisfirma und den alten Klappstühlen auf der Holzterrasse noch genauso aussah wie früher. Auf der rechten Seite begann das Ortszentrum mit der barocken Kirche, den gepflegten zweistöckigen Häusern in rosa, gelb oder hellblau, dem Brunnen und den mit Blumenkisten geschmückten Gässchen. Familien gingen spazieren, ein paar Radfahrer kamen vorbei – so sah er aus, der sanfte Tourismus. Ich starrte dem Verlauf der Bundesstraße nach, die sich am Ortskern vorbei nach Westen wandte und nach etwa zweihundert Metern in den Wald führte.
»Es ist weg«, sagte ich.
»Was?«
»Das Haus meiner Großeltern. Es ist weg!«
Ich ging die Straße hinunter, immer noch den Trolley hinter mir herziehend, vorbei an drei alten, baufälligen Häusern, bis ich vor einem von Bäumen beschatteten Grundstück stand, auf dem jemand unter einer Plane Baumaterial gestapelt hatte.
»Hier war es. Hier war es!«
»Oh, da ist ja gar nix mehr«, sagte Maja, bevor sie sich nach links und rechts an mir vorbeibog, ob sie nicht vielleicht doch noch irgendwo ein Stück Haus entdecken konnte.
»Hier war das Haus. Und hier …« – ich deutete auf das ebenso leere Nachbargrundstück – »… hier war das Haus der Nachbarin, der Frau Hohenecker.« Ich drehte mich um und sah über die Straße. Auf dem Grund gegenüber war ein kleiner Garten mit einem Geräteschuppen und Hochbeeten. »Dort drüben war das Gehege für die Hühner. Dort liefen sie herum. Rechts war ein kleiner Verschlag, links das Plumpsklo. Wir mussten jedes Mal über die Straße gehen und an den Hühnern vorbei, wenn wir aufs Klo wollten.«
Maja verzog den Mund, als wäre sie dafür nicht zu haben gewesen.
Ich wandte mich wieder dem Grund zu, auf dem das Haus meiner Großeltern gestanden hatte. »Hier war das Vorhaus, links die Küche, dann die Stube, rechts das Gästezimmer, in dem mein Bruder und ich geschlafen haben. Und hier, hier war die Selchkammer. Ein dunkles, stinkendes Schränkchen.« Ich sah den Schlund der Kammer vor mir, konnte ihre rußige Ausdünstung riechen. »Und hier, hinterm Haus, verlief ein kleiner Bach. Wieso ist sogar der Bach weg? Mein Bruder und ich haben uns hineingestellt und gewettet, wer weiter pinkeln konnte. Natürlich nur, wenn meine Oma nicht da war. Sie ist Lehrerin gewesen, sie hat uns den Sommer über immer diktiert, und wenn wir einen Satz nicht richtig schreiben konnten, hat sie ihn sich auf einem Streifen Papier notiert und in ihre Schürze gesteckt und ihn uns am nächsten Tag wieder diktiert, so lange, bis wir ihn konnten. Mein Opa war ein hoher Beamter in der niederösterreichischen Landesregierung. Unsere Oma hat uns erzählt, dass er als Kind vom Kindermädchen fallen gelassen worden war, deswegen hatte er einen krummen Rücken. Er verschränkte immer die Hände hinter dem Rücken, so hielt er sich aufrecht.«
Maja setzte sich auf ihren Koffer, stützte ihr Kinn mit den Händen ab und sah mich belustigt an.
»Meine Oma war keine so überragende Köchin: Das Kartoffelpüree hatte ganz glasige Augen, uns hat es geekelt. Wir haben jeder einen Schilling bekommen, wenn wir aufgegessen haben, also haben wir es halt runtergeschluckt.« Ich sah wieder hinaus in Richtung Straße, auf der nur selten mal ein Auto vorbeikam. »Die Straße war noch nicht asphaltiert damals. Dort sind die Gänse herumgelaufen. Überall waren sie, laut schnatternd, auch mitten im Ort, und haben ihren grünen Schiss hinterlassen. Gott, die Tiere! Wir haben die Schweine schreien gehört, wenn sie geschlachtet wurden. Und die Gänse wurden gestopft, der Maisbrei ist ihnen … Ach, na ja, grausam.«
Ich ging ein paar Schritte zur Straße und sah in Richtung des Waldes. » Bei uns liegt der Osten im Westen , haben sie hier gesagt. Weil Tschechien von hier aus im Westen liegt. Dort, in vielleicht fünfhundert Metern, ist die Grenze. Meine Oma hat gesagt: Dort ist das Niemandsland, da dürft ihr nicht hin. Niemandsland , das hat unsere Fantasie natürlich angeregt! Der Opa hat uns erzählt, dass die Leute manchmal zu nahe an die Grenze gingen und dann einfach verschwanden. Schwammerlsucher, Spaziergänger. Sie kamen erst Tage oder Wochen später wieder, und nie haben sie davon gesprochen, was ihnen passiert ist. Wie in der Twilight Zone … Mein Bruder und ich standen dort auf der staubigen Straße und haben nach Westen gesehen, wo die Sonne untergegangen ist, wo der Ostblock war, der Eiserne Vorhang.«
»Wie weit seid ihr gegangen?«, fragte Maja.
»Du meinst in Richtung Grenze? Nicht weit. Vielleicht hundert Meter. Weiter haben wir uns nicht getraut.«
»Ich hätte mir das aus der Nähe ansehen wollen …«
»Ja, du! Aber hier war das nicht so. Alle Kinder haben sich von der Grenze ferngehalten. Dort gab es nichts mehr, das hat man akzeptiert.«
Ich starrte die Straße hinunter, hinein ins Niemandsland, das nun wieder Jemandsland war.
»Wann warst du hier?«, fragte Maja.
»Die ganzen Achtziger durch. Das letzte Mal dann so mit siebzehn. Da gab es den Vorhang noch.«
»Magst du jetzt hinübergehen?«
»Über die Grenze?«
Maja nickte.
»Nein. Gehen wir ins Hotel.«
»Ja?«
»Es ist schon fast fünf. Ich bin ganz geschockt.«
»Wegen dem Haus?«
»Ja, ganz verloren fühle ich mich grad.«
»Du hast zu lange gewartet.«
»Ach ja, danke, dass du es aussprichst.«
Auf dem Weg fiel mir noch mehr ein: »Alle Frauen trugen Kopftücher. Am Sonntag kamen sie heraus und fegten die Stiegen und Vorgärten mit Reisigbesen. Am Montag wurde eingekauft: Dort vorne, wo der Friseur ist, da war das Geschäft . Alles hatten sie dort, Lebensmittel, Haushaltswaren, Kleider, Spiele, alles. Für uns Kinder war das natürlich ein Anziehungspunkt, wir sind mit den paar Schilling, dir wir uns durchs Z’amm’essen oder Zaunflicken verdient hatten, hin und haben uns Spielkarten oder ein Eis oder eine Micky Maus gekauft.«
Ich dachte, wie seltsam es war, dass die Vergangenheit ein Ort sein konnte, kein verblassendes Gewesensein oder Erlebthaben weit hinten auf der Zeitachse, sondern eine Straße, Häuser, ein Geruch, alles da, im Hier und Jetzt.
Wir zogen unsere Koffer knatternd über das Kopfsteinpflaster des Ortskerns, vorbei an dem Wirtshaus, das immer dort gewesen war, vorbei auch an einem Pub, das neu zu sein schien. Das Hotel Heide lag etwas abseits zwischen den Obstgärten, die zu den Häusern im Stadtkern gehörten.
Ein junger Tscheche namens Marek begrüßte uns, erinnerte mich daran, ich möge bitte eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn im Rathaus sein, und gab uns die Schlüssel.
In unserem Zimmer ließ ich mich auf das Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen. Ich dachte an die Lesung, an die Textstellen, die ich ausgewählt hatte. Ich versuchte, mir den Saal im Rathaus, in dem ich nie gewesen war, vorzustellen und überlegte, ob wohl genug Leute kommen würden – auf den Straßen waren wir kaum jemandem begegnet. Dann drifteten meine Gedanken wieder ab, ich sah meine Kumpel, meine Freundin Marianne und mich, wie wir am Teich hinter dem Ortszentrum saßen und Bier tranken. Marianne, die Bauerstochter, die immer hier lebte, nicht nur im Sommer wie ich. Marianne, mein erster Sex.
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