3.Wegweiser durchs Blätterrauschen
4.Die Rückkehr der Götter
5.Sprechende Natur
6.Schweigende Natur
I.Natürlich Natur! So viel Natur!
1. Fragmente fürs Ganze – vorsokratische Naturphilosophie
2. Die moderne Naturphilosophie im Gegenüber zur Naturwissenschaft
3. Die geheime Abhängigkeit und das geheime Leben der Pflanzen – biologische Aspekte
4. Vom Sog – was zieht uns in die Natur?
5. Pull and push – psychologische Aspekte
6. Natur tut gut – medizinische Motive
7. Ort der Resonanz
8. Wohin erhebt das Erhabene? – philosophische Zugänge
9. Wahrnehmungen in der Natur-Ästhetik
10. Pathische Existenz und die Aufgabe der Literatur – literarische Aspekte
11. Atmosphärische und leibliche Zugänge zur Natur
12. Achtsamkeit in der Natur
13. Erste Rast und erste Rückschau
II.Wo ist Gott zu finden? – Orte der Gegenwart Gottes
1.Gott im buchstäblichen Blätterrauschen – das reformatorische Schriftverständnis
2.Gott im Gefühl – Friedrich Schleiermacher und eine Theologie der Gefühle
3.Gott im Denken
3.1Das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann
3.2Gott denken
3.3Der Sinn des Sinns
III.Der Zwischenraum als der andere Ort der Gottesgegenwart
1.Der „Zwischenraum“ bei D. Winnicott
1.1Übergangsobjekte und Übergangserfahrungen
1.2Spiel und Kreativität
1.3Kulturelles Erleben
2.Auf der Grenze – Paul Tillich
3.Ein Streifen Fruchtland – Rainer Maria Rilke
4.Anwesend im intermediären Zwischenraum – Hartmut Raguse
5.Die berühmteste Blockhütte der Welt
6.Das Buch der Natur
7.Affektives Betroffensein
8.Religion – Gefühle mit der Autorität unbedingten Ernstes
9.„Beherrschende Wahrnehmungsqualitäten“
10.Verhalten aus Betroffensein
IV.Freestyle Religion in der Natur
1.In Gottes Gegenwart abtauchen
2.Leibliche Gewissheit der Gegenwart Gottes als Zielpunkt von Freestyle Religion in der Natur
3.Andere Orte, andere Zeiten – schwitzen, frieren, sich aussetzen Freestyle Religion jenseits der Bequemlichkeit
V.Praxis
1.Religion in der Natur erleben: Waldkirche
2.Allein in der Natur meditieren
2.1Atmosphären meditieren
2.2Naturelemente meditieren
Anmerkungen
Literatur
Dieses Buch über Religion und Natur wurde leider nicht in einer abgelegenen Berghütte bei Kerzenschein geschrieben. Es entstand nicht weitab von den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um eine angemessene Klimapolitik, den politischen Krisen, die weltweite Migrationsbewegungen auslösen, und dem kirchlichen Relevanzbröckeln in der Corona-Zeit. Ganz im Gegenteil. Obwohl dieses Buch sich dem scheinbar zeitlosen Thema Natur zuwendet, zielt es – und das werden die folgenden Seiten hoffentlich zeigen – ins Zentrum der Überlebensfrage nach unserem Verhältnis zur Natur, und es zielt zugleich ins Zentrum von Theologie und Kirche, die sich allzu lange mit ihrer vermeintlichen Lebensdeutungskompetenz von Natur- und Leiberfahrungen fernhielten.
„Theologie ist mehr und anderes als gedachtes und gedeutetes Leben.“ 1Nicht mehr, aber auch nicht weniger, soll dieses Buch zeigen.
Lässt sich Gottes Gegenwart in der Natur erfahren? Und was folgt daraus? Das ist die zentrale Frage, um die es im Folgenden gehen wird. Unser festgefügtes Welt-, Selbst- und Gottesverständnis könnten dabei ins Wanken geraten. Denn wenn Gott (in der Natur) erscheint, kommen wir nicht umhin, uns auf den Sog, den Riss und den Bruch einzulassen, den Gottes Gegenwart erzeugt.
Mit dem Abschluss dieses Buches geht ein langgehegter Wunsch in Erfüllung und ein langer Weg zu Ende. Sachlich führe ich mein Nachdenken über die „Konturen des Neuen“, also über zeitgemäße Spiritualität, weiter. Dabei knüpfe ich an das Ballastabwerfen im „Leben mit leichtem Gepäck“ und an die Grundlegung für eine „Freestyle Religion“ an, um der Erfahrung der Gegenwart Gottes in der Natur näher zu kommen
In klaren langen Mondnächten, in denen ich an diesem Buch schrieb, lag oft auf den Appenzeller Hügeln vor meinem Fenster und auf den in der Ferne sichtbaren Dächern St. Gallens ein mildes Licht. Ich hoffe, dass etwas von diesem Licht auch zwischen den Zeilen dieses Buches hindurchscheint und darin die alles gründende Gegenwart unseres Gottes spürbar wird – ohne Worte und ohne Sprache mit unhörbarer Stimme.
Gewidmet ist dieses Buch den Kolleginnen und Kollegen in St. Gallen, mit denen ich in den vergangenen Jahren so unglaublich abenteuerlustig die „Konturen des Neuen“ vermessen durfte.
St. Gallen/Rehetobel im Frühjahr 2022
Uwe Habenicht
unter der linde
am feldrand
warte ich
hoffnungsvoll
mit
leeren händen
da löst sich
vom ast
ein blatt
schwebt
mir in
denschoß
und
ich
t
a
u
c
h
e
hinein
Wann habe ich das zum letzten Mal gemacht: in ein Buch abzutauchen und selbstvergessen bei mir zu sein in einer anderen Geschichte?
Und wann versank ich zum letzten Mal im Sternenhimmel, in einer Blumenwiese, im Rauschen eines Baches?
Ist die Natur ein Buch, in dessen Seiten man einfach abtauchen kann? Welche Geschichte lesen wir darin? Ist es die Geschichte der Nähe Gottes?
Praxis: Mit den Sinnen eintauchen
Einen Baum suchen und darunter sitzen
mit geöffneten
leeren Händen.
Was fällt in die Sinne?
Der Stille mit all ihren Unterbrechungen zuhören
und dazu die Augen schließen.
Den Luftzug um die leeren Hände bemerken –
ebenfalls mit geschlossenen Augen.
Die Augen öffnen: mit weichem Blick in die Ferne schauen.
Dann im Stehen etwas Duftendes oder Riechendes
aus der nahen Umgebung in die Hände nehmen,
zerreiben und hineinatmen.
Den Übergang von einem Sinn zum nächsten nach eigenem
Zeitrhythmus gestalten.
Es muss ein inneres Reißen, ein unsichtbarer Sog sein, der sie nach draußen zieht. Ich sehe sie laufen und spazieren, schwimmen und tauchen, klettern oder einfach nur auf einer Bank am Wegesrand sitzen. Und oft bin ich einer von ihnen. Wir alle, Männer und Frauen gleichermaßen, können nicht widerstehen. Es hält uns nicht in den Wohnschachteln und Häusern, nicht auf Stühlen und Sofas. Nicht einmal vor Fernseher und Computer. Nichts hält uns in häuslicher Enge, nach draußen drängen wir. Wir, die Grünsüchtigen. Ins Weite, ins Grüne, aufs Blaue hinaus wollen wir. Hinter uns lassen wollen wir den vollgestopften Alltag, die mühsam errichteten sozialen Gebilde und mit Geduld errichteten Gleichgewichte aus Distanz und Freundlichkeit, Nähe und Abgrenzung, die glattpolierten Karrieresprossen, den angehefteten Status. Raus wollen wir. Bloß weg und raus. Vor allem. Zuerst.
Und dann abtauchen.
Eintauchen ins Andere, ins Fremde, ins Große. Ins Jenseits des Gewöhnlichen. Eintauchen in eine andere Gegenwart, in eine Gegen-Gegenwart, in der uns vielleicht auch der / die / das Andere begegnet.
Was genau das ist, dieses Andere, Fremde und Große, vielleicht sogar erhaben Göttliche, wissen wir nicht. Noch nicht. Können es noch nicht sagen, weil wir seine Sprache kaum mehr sprechen. Erahnen es die stillgestellten Körper mit ihren abgestumpften und verflachten Sinnen überhaupt noch? Fühlt der Kopf, dass das Denken allein zu wenig ist?
Vorerst kennen wir nur dieses Reißen, diesen Sog ins grünsüchtige Abtauchen. Damit beginnen wir. Diesem Sog folgen wir.
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