„Es ist im übrigen nicht die einzige Pandemie, welche nach seinen Prophezeiungen über die Menschheit hereinbricht. Es gab in der Vergangenheit exakt 13 Heimsuchungen mit mehr oder weniger globalen Verläufen, aber stets folgten die Krankheitsverläufe - die Infektionswege lehnten sich passgenau an die jeweiligen Handelsrouten an, ob Antike, Mittelalter oder industrielles Zeitalter, ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten und Zyklen. Besonders eingeprägt in das Gedächtnis der Menschen haben sich die Pocken- und Pestepidemien, welche sogar die Bevölkerungsdichte ganzer Kontinente in erschreckendem Ausmaß ausdünnten, teilweise bis zu einem Viertel der Bewohner, wobei sich die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert als erste durchschlagende Pestpandemie des Mittelmeerraumes hervortat, eingeschleppt aus Indien oder subsaharischen Regionen, dann der Schwarze Tod - auch als Beulenpest bekannt, der im 14. Jahrhundert 1/3 Drittel der Bevölkerung des damaligen Europas hinraffte, später folgte die Große Pest zu Beginn des 18. Jahrhunderts und schließlich die Dritte Pest Pandemie Ende des 19. - Anfang des 20. Jahrhunderts mit rund 15 Millionen Opfern. Allerdings war die Medizin in der Erforschung und Behandlung dieser Erkrankungen auf dem Vormarsch, und so gelang es dem Schweizer Forscher und Mediziner Alexandre Yersin das Pest Bakterium zu identifizieren, welches sich über Flöhe bei Säugetieren, vornehmlich Ratten - ausbreitet. So ging der Name Yersinia Pestis als Schreckensbegriff für den Schwarzen Tod in die Medizingeschichte ein. Im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert haben andere, nicht minder verheerende Erregerseuchen weltweit für Aufsehen, Pandemien, Schrecken und mehr als 100 Millionen Toten gesorgt - Tendenz ungebrochen und steigend----“ stieß Bruder Aramis die letzten Worte seiner Einführungsansage trotzig und mit einem spürbaren Anteil von Wut in ihnen aus sich heraus in die Runde der Zwölf Apostel, die seinem Schreckensgemälde vom Ende der menschlichen Zivilisation mit emotionalem Schütteln folgte und bei den meisten ein fast schon ungläubiges Entsetzen auslöste, das sich wie ein feiner Schleier über die Anwesenden legte. Bruder Aramis sog die weiterhin einströmende frische Luft durch Nase und Mund in gierigen Schüben ein, was ihm in mehrfacher Hinsicht Erleichterung, Wohlbefinden und mentale Klarheit verschaffte, derer er in den kommenden Stunden nötiger als alles andere bedurfte. Die Wogen im Disput um den Untergang des Planeten Erde samt seiner Erdlinge und des damit einhergehenden Endes vielfachen Lebens um das Sein der Menschen trieb seine Brüder und Schwestern um, was ihn zweifellos in einen Diskussionskonflikt stürzen würde, am Endergebnis und der Akzeptanz um das zu erwartende Szenario keinen Handlungsspielraum zuließ. In dieser ungewöhnlich engagierten und aufgeladenen Gesprächsrunde entführten Bruder Aramis Gedanken den Geist des Mannes in jene frühen Jahre, als er selbst noch Kind war und zu jung um zu verstehen, wie die Zusammenhänge und Geschehnisse einer kurzlebigen zeitlichen Epoche ihre langwelligen düsteren Schatten wie die Sendboten eines aufziehenden Gewitters den Planeten Erde in ihren bedrohlichen Mantel hüllten, um alles Leben, Werden und Gedeihen für immer aus ihm heraus zu saugen. Er sah seinen Großvater auf seinem Lieblingsplatz neben dem großen Ofen sitzen, den Rücken an die wärmende Wand der Heizkaverne gelehnt, wie er ihm und seinen Geschwistern aus dem Stegreif heraus die Märchenwelt ihrer Vorfahren in bunten und mystischen Bildern vor ihren Augen erstehen ließ, so lebendig, vital und vollkommen, wie er hernach niemals wieder einen Menschen die Genese seiner Herkunft in derart traumhaft schönen Farben und Formen hatte vor ihm ausbreiten können. Die Träume - ja - das ist es - was wäre die Welt doch ohne Träume, ohne Märchen. Wie arm wäre unser Leben, gäbe es nicht unsere Träume und Wünsche, Sehnsüchte und die Hoffnung. So möge es denn sein, dass es immer Träume gibt, Träume so schön und bunt, aus denen dann die Märchen und Geschichten werden, die unsere Vorfahren und die Alten uns an den langen Winterabenden im Haus der Geschichten erzählen.“
Die Pandemie forderte einen hohen Blutzoll. Mehr als Hundert Millionen Individuen des Homo Sapiens Sapiens fielen ihr zum Opfer. Das 20. Jahrhundert war reich an Katastrophen und Völkermorden, zu denen auch zwei verheerende Weltkriege neben anderen Kriegen zählten, welche aber weder von der Anzahl der Opfer noch von der Geschwindigkeit ihres Ablebens auch nur entfernt an jene große Pandemie heranreichten, die im letzten Jahr des ersten großen Krieges dieser Welt mit rund 17 Millionen Opfern begann und im Jahre 1920 ihr vorerst erschöpfendes Ende fand. Selbst in den entlegenen Ortschaften Nordamerikas - so Alaskas, fegte diese Pandemie die Menschen dahin; in der eher unbedeutenden, kleinhäusigen Ansiedlung Brewster Ferry auf der Halbinsel Seward, wo die wenigen Menschen vom Fischfang und der Rentierzucht lebten, dort - im westlichsten Zipfel Alaskas, tötete das Virus von achtzig Einwohnern mehr als siebzig, ein verheerender Blutzoll. Was in diesem Ort in jener Zeit und in späteren Jahrzehnten geschah, ist allerdings von elementarer Bedeutung für die derzeitige Pandemie, die unter dem Namen Corona - SARS-CoV-2 COVID 19 mit derweil mehr als Hundert Millionen registrierten(Tendenz rasant steigend) Infizierten sowie Millionen Toten, und das Virus hat gerade erst Tritt gefasst und die zweite Welle eingeläutet, die einen weiteren Kriegsschauplatz - die Mutation - eröffnet hat.(Inzwischen vervielfachen sich die Ausfallzahlen weiter). In dieser kleinen Ortschaft in Alaska starben 1918 innerhalb weniger Tage bis auf acht Personen alle. Acht Menschen überlebten - eigentlich unfassbar, aber so ist es tatsächlich geschehen. Man ging daran den Permafrostboden durch Feuer aufzutauen, um den Verstorbenen ein würdiges Begräbnis zu geben. So wurde es dann auch zelebriert. Weiter wusste man nichts über den Erreger außer, dass der Ursprung der Pandemie auf die „Spanische Grippe“ zurückzuführen sei, die - so die damalige Annahme, in einer ländlich geprägten Region mit Massentierhaltung in Hanson County in Kansas auftrat. Der dort tätige Landarzt Lennard Maxwell ward über die Heftigkeit der Symptome und dem äußerst aggressiven Verlauf der Erkrankung dermaßen entsetzt, dass er sich an die Gesundheitsbehörden in Washington D.C. wandte mit der Bitte um dringende Unterstützung. Dort hatte man ganz andere Sorgen, nämlich die Verquickung der USA in den europäischen Krieg zwischen Deutschland, Frankreich und England. Den galt es zu gewinnen, alles andere sei sekundär - darum sollten sich die Landärzte kümmern. Tragik der Geschichte - einer der Infizierten wurde als Rekrut in ein Ausbildungslager der Army eingezogen - wo Zehntausende Männer auf engem Raum ihre Grundausbildung absolvierten. Dort begann nachweislich der traurige Siegeszug des Influenza Virus H1N1, der binnen eines Jahres wie eine Sturmflut über den Globus hereinbrach und auf allen Kontinenten seine mörderischen Aktivitäten entfaltete. Der Hauptschlag in Europa ging von den Abertausenden US- Soldaten aus, die per Schiff nach Frankreich und England transportiert und von dort zunächst in die Auffanglager eingewiesen wurden, wo sich das Virus weiter zügig ausbreitete. Man versuchte so gut wie möglich die noch „Gesunden“ von den bereits „Erkrankten“ zu separieren, was mehr schlecht als recht gelang. Die Lage war sehr Ernst, denn es starben an dieser Influenza mehr Männer in den Ausbildungslagern, auf den Truppentransportern und in den Kasernen Europas als Soldaten auf den Schlachtfeldern. Ebenso hartnäckig hielt sich die Geschichte von der Einschleppung des Virus durch deutsche Agenten in die USA und nach Südeuropa; in letzterem Fall in der Absicht, die Zehntausende spanischer Saisonarbeiter zu infizieren, die von Frankreich angefordert wurden. Diese Auffassung hielt sich trotz besserem Wissen Jahrzehnte, gleichwohl sind sich aber die weltweit renommiertesten Forscher, Wissenschaftler und Ärzte einig, dass die erste Form der „Spanischen Grippe“ in der zuvor erwähnten Ortschaft in den USA auftrat und den dort tätigen Landarzt in einem Maße beunruhigte, dass dieser in Washington D.C. um Verstärkung ersuchte - was aber im Hinblick auf einen „normalen grippalen Effekt“ und die „Einbindung in den Krieg gegen Deutschland„, so die Bürokraten in Washington D.C., für nicht angemessen angesehen wurde. Welch ein fataler, medizinisch-wissenschaftlicher Fehlschluss, der in die katastrophalste Pandemie des 20. Jahrhunderts weltweit führte, welche die moderne Zivilisation bis dahin erlebt hatte. Den Namen „Spanische Grippe“ erhielt diese rasant um sich greifende Pandemie durch die Erkrankung des spanischen Königs Alfons XIII und der damals schon üblichen reißerischen und unzensierten Pressemeldungen besonders aus Spanien. Damit war der Begriff „Spanische Grippe“ manifestiert, der sich bis dato gehalten und Eingang in die allgemein gültige Historie über Seuchen und Pandemien gefunden hat. Immerhin war einem Arzt in einem der zahlreichen Sterbelazarette trotz der aussichtslos hoffnungslosen Lage ein wenig mehr Weitsicht beschieden, und so entnahm der Schüler des Hippokrates den Verstorbenen Gewebeproben ihrer Lunge um sie zu konservieren. Mehr schlecht als recht, denn man kannte nur Formalin und das Paraffinieren, was dem Erbgut nicht sonderlich gut bekam, aber das stellten Forscher erst Jahrzehnte später fest, als sie die archivierten Proben in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts analysierten. Dennoch blieben Teile der DNA erhalten, aus denen sich zumindest eine Anfangsstruktur entwickeln ließ. Zuvor machte ein amerikanischer Student der Pathologie im Verlauf von Forschungsarbeiten 1951 seinen Kollegen 1996 in Sachen „Spanische Grippe“ den Vorschlag, in den Gräbern der Verstorbenen, die sich noch immer im ewigen Permafrostboden befanden, Exhumierungen durchzuführen, um so an die begehrten verwendbaren Gewebeproben zu kommen. Dieser Vorschlag wurde begeistert aufgenommen, da es sich bei diesem Mediziner a.D. kurioser Weise um jenen jungen Mann handelte, der den Verstorbenen der zwanziger Jahre während seiner pathologischen Studienzeit 1951 Bestandteile ihrer Lunge entnahm und konservierte. Die Veranstaltung verlief organisatorisch zufriedenstellend, aber die Entnahme und der Transport des kontaminierten Gewebes in die Labors der Kernstaaten der USA ließen an der Professionalität der Beteiligten ernste Zweifel aufkommen, zusätzlich genährt zu der in den USA bereits grassierenden „Anti - Kommunistischen -Epidemie“ ,die in jeder akademischen Aktion außerhalb der Bundeshauptstadt eine kommunistische Verschwörung sah. In den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war es dann erneut soweit - eine in der Tat exquisite Mannschaft aus Forschern, Wissenschaftlern, Medizinern, Geologen und Archäologen machte sich auf nach Alaska in jenen kleinen Ort, wo im Permafrostboden die Opfer jener verheerenden Pandemie weiterhin still und friedlich ruhten, wenn auch die vergangenen Eingriffe an verschiedenen Gräbern nicht zu übersehen waren. 1996 ließ es sich jener Medizinstudent von damals nun als rüstiger Rentner nicht nehmen, selbst als Mitglied an dieser Expedition teilzunehmen, um den Leichen jene berühmt berüchtigten Gewebeproben aus der Lunge zu entnehmen (welche Vorstellungen oder Gedanken mögen den Mediziner zu dieser Handlung angeleitet haben). Konserviert und tiefgekühlt, als würden sie nur darauf warten ihr tödliches Geheimnis um jenes Virus endgültig preiszugeben, dem die medizinische Wissenschaft und Forschung seit Jahrzehnten hinterher jagte. Das Forschungsteam musste zunächst den durchfrorenen Boden wie ehedem durch intensive Beheizung auftauen, um die Körper der Leichname ihren Tiefkühlkammern zu entnehmen. Dabei stellten sie zu ihrer großen Überraschung fest, dass sich die Leichen in einem ausgezeichneten Zustand befanden in der Art, als wären sie erst vor kurzem bestattet worden. Selbst das Totenhemd eines Knaben in kräftigem Karminrot wies keinerlei Spuren irgendwelcher Vergänglichkeit auf, ganz zu Schweigen vom Zustand der körperlichen Verwesung, die praktisch gegen Null ging. Jetzt hieß es rasch, konzentriert und effizient zu arbeiten, um das noch sezierfrische Lungengewebe optimal zu erhalten und entsprechend für den Transport zu konservieren. Hier leistete die Vakuumtechnik hervorragende Dienste, denn sie sorgte dafür, dass der Befall des Gewebes mit Fremdpartikeln, welche die Proben Verunreinigen könnten, auf Null gehalten wurde. Nachdem die Mannschaften ihre gefährliche Arbeit abgeschlossen und die Sezierten in ihre eisigen Totenkammern zurück gelegt hatten, ließ der Leiter der Expedition, ein gewisser Yoshua Rosenstrauch (Name geändert), ein schlichtes Kiefernkreuz errichten, das von den Geologen, Medizinern und Pathologen mittig zwischen die nun wieder geschlossenen Gräber eingegraben wurde.
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