Borussia Dortmund hieß der Gegner am 24. Juni 1961 vor 82.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion von Hannover. Die von Max Merkel trainierten Westfalen, deutscher Meister 1956 und 1957 (mit, einmalig im deutschen Fußball, exakt derselben Elf) gingen aufgrund ihrer großen Erfahrung als Favorit in das Finale. Beim FCN hoben die beiden „Senioren“ Morlock (36 Jahre) und Heiner Müller (27) das Durchschnittsalter der Club-Elf gewaltig an – auf 23,7 Jahre.
Mit den Worten „Wir wollen versuchen, gut über die ersten 20 Minuten zu kommen“, schickte Morlock seine Mannschaftskameraden auf den Rasen. Doch damit gaben sich die ob ihrer unbekümmerten, forschen Spielweise landauf, landab nur „junge Wilde“ genannten Nürnberger nicht zufrieden. Nach einer Flanke von Joe Zenger köpfte der 19-jährige Kurt Haseneder schon in der sechsten Minute aus kurzer Distanz zur überraschenden Führung ein. Gegen sichtlich geschockte Dortmunder erhöhte Müller kurz vor der Pause sogar auf 2:0.
Auch nach der Pause, als die Borussia auf den Anschlusstreffer drängte, blieben die fränkischen Milchgesichter erstaunlich kühl. Überstanden die kritische Phase mit Glück – ein Tor der Borussia wurde wegen Behinderung von Torhüter Roland Wabra nicht anerkannt, einmal sprang der Ball von der Querlatte zurück ins Feld – und Geschick, und entschieden die Partie in der 67. Minute endgültig für sich: Nach einem weiten Abstoß Wabras enteilte Müller auf der linken Seite allen Gegenspielern, passte zum mitgelaufenen Mittelstürmer Heinz Strehl, der zum 3:0-Endstand einschob. „Aus jeder Handlung, aus jedem Pass, aus jeder direkten Kombination spürte man das ideale Ineinandergreifen der einzelnen Mannschaftsteile“, schwärmte das Sport-Magazin .
Nach dem Abpfiff bejubelten die jungen Wilden ausgelassen die achte Meisterschaft, mit der sich der FCN wieder zum alleinigen Rekordmeister aufschwang. Der vorbildliche Kapitän Max Morlock hatte sich seinen größten Traum erfüllt und nochmals einen Titel mit dem Club errungen. Als i-Tüpfelchen auf eine überragende Saison wurde er im Herbst von den deutschen Sportjournalisten zum Fußballer des Jahres 1961 gekürt. So sehen Sieger aus.
DAS ZIEL KNAPP VERFEHLT |
1969 |
Natürlich lautete das Ziel Titelverteidigung. „Wir wollen wieder vorne mitspielen“, verkündete Max Merkel, Trainer des deutschen Meisters 1. FC Nürnberg, vor der Saison 1968/69.
Warum auch nicht. Sicher, der Club hatte seine Leistungsträger Gustl Starek (zum FC Bayern), Charly Ferschl und Franz Brungs (beide Hertha BSC) ziehen lassen. Vor allem der Verkauf von Torjäger Brungs, der in der Meistersaison stolze 25 Treffer erzielt hatte, für nicht einmal 200.000 Mark Ablöse stieß auf großes Unverständnis rund um den Valznerweiher. Gleichzeitig hatte Merkel 13 neue Spieler verpflichtet. Er wolle „aus der Bauernkapelle ein Sinfonieorchester formen“, erklärte der Österreicher im Juli 1968 und fing, wie Rechtsverteidiger Horst Leupold erzählt, „mit fast allen Spielern Zirkus an, auch mit mir“. Merkel habe ihn nach dem Titelgewinn zu sich ins Büro gerufen und gesagt: „Dich haue ich raus aus der Mannschaft, für dich habe ich schon einen Besseren in der Hinterhand.“ Der Trainer habe ihn und andere Meisterspieler „in der Öffentlichkeit zerrissen“.
In der Saisonvorbereitung mussten die Club-Spieler Bergabläufe über Geröllfelder bestreiten, unten ging es dann in Bleischuhen weiter. „Als die Saison begann“, sagt Leupold, „waren wir in einem katastrophalen körperlichen Zustand.“ Prompt setzte es am ersten Spieltag eine 1:4-Heimschlappe gegen Alemannia Aachen, „und im Lauf des Jahres“, so der Abwehrspieler, „wurde es immer schlimmer mit ihm“.
Am 7. Juni 1969 schließlich war das Unfassbare Wirklichkeit geworden. Die Bundesliga hatte den dramatischsten Abstiegskampf aller Zeiten erlebt, drei Spieltage vor Schluss zitterten noch neun Mannschaften um den Klassenerhalt. Am Ende trennten den Zweiten, Aachen, vom Letzten, Kickers Offenbach, ganze zehn Punkte, und der zweite Absteiger neben den Hessen hieß 1. FC Nürnberg.
Ein viel zu spät, Ende März, vollzogener und zudem halbherziger Trainerwechsel – Merkel, der den Bodenkontakt nach dem Titelgewinn gänzlich verloren hatte, wurde zunächst durch seinen Assistenten Robert Körner ersetzt, ehe mit Kuno Klötzer ein gestandener Fußballlehrer kam – und das Eingreifen des großen Idols Max Morlock als moralische Stütze konnten den FCN nicht mehr retten. Trotz der 8:4 Punkte in den sechs Spielen unter Klötzer stürzte der Club ins Bodenlose, auch, weil er im entscheidenden Heimspiel gegen den direkten Konkurrenten Dortmund am 33. Spieltag über ein 2:2 nicht hinauskam. Torhüter Jürgen Rynio, der nach Saisonende zur Borussia wechselte, sah bei beiden Gegentreffern durch Lothar Emmerich und Willi Neuberger nicht gut aus – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Nach dem 0:3 im Saisonfinale beim 1. FC Köln verließen viele Nürnberger Profis, allen voran Abwehrspieler Leupold, hemmungslos weinend das Müngersdorfer Stadion. Das Ziel Titelverteidigung knapp verfehlt: Zum einzigen Mal in der Geschichte der Bundesliga stieg der amtierende Meister ab.
Es schien ein Rekord für die Ewigkeit zu sein. 16 ihrer 17 Auswärtsspiele verlor die Berliner Tasmania in der Saison 1965/66, lediglich beim 0:0 in Kaiserslautern am achten Spieltag konnte der schlechteste Absteiger der Bundesligageschichte einen Punkt ergattern.
Doch der Club bewies, dass es sehr wohl noch schlechter geht. Schon 1982/83 hatte er bei seinen letzten zwölf Auftritten in der Fremde zwölf Niederlagen kassiert, war dank der 23:11 Punkte zu Hause aber nie in ernsthafte Abstiegsgefahr geraten. Ganz anders in der Saison 1983/84. Vom ersten Spieltag an fand er sich im Tabellenkeller wieder, wieder brachte er auswärts kein Bein auf den Boden. 0:3 in Leverkusen, 1:2 in Düsseldorf, 0:2 in Bremen, 0:1 beim SV Waldhof, eine Schlappe jagte die andere. Am 5. November 1983 fing sich der FCN beim späteren Meister VfB Stuttgart mit 0:7 eine seiner zwei höchsten Bundesliganiederlagen aller Zeiten ein: Nach einem 0:0 zur Pause musste Torhüter Rudi Kargus, der in der 13. Minute noch einen Elfmeter von Karl Allgöwer gehalten hatte, in 45 Minuten sieben Mal hinter sich greifen. „Kargus‘ Vorderleute klappten zusammen“, schrieb der kicker über das Scheibenschießen in der zweiten Halbzeit. Nur ein Vierteljahrhundert später, am 26. September 2018, ließ sich der von Michael Köllner trainierte Club im Dortmunder Signal-Iduna-Park noch ein zweites Mal mit 0:7 zerlegen.
Zurück ins Jahr 1984. Auch die drei Trainerwechsel von Udo Klug zu Rudi Kröner, von Kröner nach nur 41 Tagen und 1:9 Punkten zu Fritz Popp und von Popp zu Heinz Höher liefen ins Leere. Unter Höher, der in der gesamten Rückrunde auf der Bank saß, ging es sogar noch weiter abwärts: Am 27. April kassierte der Club, erneut gegen den VfB Stuttgart, mit einem 0:6 die höchste Heimniederlage seiner Bundesligazeit. Mit zehn Pleiten am Stück verabschiedete er sich sang- und klanglos aus der deutschen Eliteklasse. Allein bemerkenswert an diesem dritten Abstieg die blamable Auswärtsbilanz: 17 Spiele, 17 Niederlagen, 9:46 Tore. Vielleicht ein Rekord für die Ewigkeit.
OFFENSIV IN DEN ABGRUND |
2014 |
Mit seiner wallenden blonden Mähne sah er aus wie eine Mischung aus Rod Stewart und Keith Richards. Dass die kurze Zeit des Niederländers Gertjan Verbeek als Trainer des 1. FC Nürnberg trotz einer trostlosen Bilanz mitunter noch immer verklärt wird, liegt jedoch nicht an seiner Frisur, sondern an rund 70 Bundesligaminuten.
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