Roven Vogel wirbelt
Die größten deutschen Hoffnungen ruhten bei der Jugend-WM in Porto Carras/Griechenland eigentlich in der Altersklasse U12. Vincent Keymer gilt ja als ein Jahrhunderttalent; er hat schon Großmeister besiegt und sich neulich sogar mit Garri Kasparow getroffen. Rückblick: Im Mai war Vincent bei den deutschen Jugendmeisterschaften als Zehnjähriger in der U16 angetreten – und wurde Zweiter! Auch den favorisierten Roven Vogel hatte er besiegt. Vogel wurde Vierter. Trotzdem ließen sie ihn nun bei der WM in Porto Carras mitspielen, glücklicherweise. Denn während Vincent in der U12 wider Erwarten leer ausging, wurde der 15-jährige Roven in Porto Carras überraschend U16-Weltmeister!
Hinterher dankte der für den USV Dresden spielende Gymnasiast seinen Eltern, „die meine große Leidenschaft fürs Schachspiel ertragen und mich ausgezeichnet unterstützen“. In der Schlussrunde hatte er mit Weiß wieder seine Figuren wirbeln lassen, bevor er dem Gegner, Parham Maghsoodloo, die letzte Feinheit vorsetzte. Welche?
Lösung: 1.Tg6+! Kd7(Nicht 1…fxg6?? 2.Txf8. Und falls 1…f6, gewänne 2.De1!, z. B. 2…Lxa4 3.Tgxf6+ Dxf6 4.Txf6+ Kxf6 5.Dh4+ und 6.Dxd8.) 2.Dxf8(Nun läuft der h-Bauer.) 2…Txf8 3.h7 Tc5(Oder 3…Th8 4.Txf7+ Ke8 5.Tb7.) 4.Tg8 Tcc8 5.Txf8(Schneller gewann 5.h8D.) 5…Txf8 6.Txf7+ Txf7 7.h8D Te7 8.Da8… (Weiß steht auf Gewinn. Nach einigen weiteren Zügen gab Schwarz auf.) 1:0.
Das zehnjährige Supertalent Vincent Keymer und Garri Kasparow, Weltmeister von 1985 bis 2000, im Oktober 2015 bei einer spontanen Trainingssitzung in einer Berliner Hotelsuite.
Weltelite im Kinosaal
Zweihundert Schachmeister, ja sogar Weltmeister saßen im Berliner „Kino International“. Zur Eröffnung der Blitz- und Schnellschach-WM stand „Pawn Sacrifice“ (Bauernopfer) auf dem Plan, ein neuer amerikanisch-kanadischer Spielfilm über den 2008 verstorbenen Exweltmeister Bobby Fischer und dessen legendären WM-Kampf gegen Boris Spasski anno 1972. Der echte Spasski, seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzend, war auch da. Als es dunkel wurde, ließ er sich aber aus dem Saal rollen. Er hatte den Film schon gesehen. Wladimir Kramnik indes blieb rechts in der ersten Reihe sitzen. Der 40-jährige Russe, Weltmeister von 2000 bis 2007, kam nach eigenen Worten ohne große Erwartungen nach Berlin, vor allem im Hinblick auf die Blitz-WM (drei Minuten Bedenkzeit pro Partie). „Blitzen ist etwas für junge Leute“, sagte er. Fünf Tage später gewann Kramnik ausgerechnet in dieser Disziplin Bronze.
Noch besser lief es zuletzt in Skopje/Slowenien, wo er sein Team, Siberia, grandios zum EM-Titel führte: Wie bezwang Kramnik mit Weiß Wesselin Topalow?
Lösung: 1.Txd5!(Nicht 1.Dg3+? Dg6 2.Txc3 Txc3 3.Dxc3?? Dg2 matt.) 1…exd5 2.e6! T3c7(Falls 2…Dxe6, gewinnt 3.Dg5+ Kf8 4.Dg7+ Ke8 5.Lxc3; bzw. 2…T3c6 3.Td3! Txe6 4.Tg3+ Kf7 5.Dh6! Txf6 6.Dg7+ Ke6 7.Te3+.) 3.Txd5 Dxe6 4.Dg5+ Kf8 5.Txf5(Die drei Angreifer sind nicht zu bändigen.) 5…Tf7 6.Dh6+ Ke8 7.Te5 Tc6 8.Dxh5 1:0.
Ein Lebenskünstler
Wenn ein Gesprächspartner den Konjunktiv II ständig mit „würde“ bildete, konnte Helmut Reefschläger ziemlich spöttisch lächeln. Er war eben nicht nur ein Internationaler Meister im Schach und ein promovierter Mathematiker, er verstand sich auch als Sprachästhet. Einige Jahre hatte er Wissenschaftskolumnen für die „Hörzu“ geschrieben; sein Doktortitel habe ihm die nötige Seriosität verliehen, verriet er im kleinen Kreis einmal selbstironisch. Eigentlich war Reefschläger eher ein Lebenskünstler. Und wie kaum ein anderer konnte der Gebildete die eigene Spielkunst reflektieren. Wenn er am Brett etwas vorführte, bekamen selbst dröge Partien Frische. In der Bundesliga spielte er für die SG Porz, den Hamburger SK und den Delmenhorster SK. In den letzten Jahren saß er für OSG Baden-Baden II am Brett, zum Beispiel in einem Zweitligakampf gegen Böblingens Peter Bauer: Wegen der Grundreihenschwäche schien Reefschläger, mit Weiß am Zug, in Not zu sein. Er jedoch wendete das Blatt. Wie?
Helmut Reefschläger ist am 3. Dezember 71-jährig verstorben.
Lösung: 1.f8D+! Dxf8 2.Dd7+! Kh6 3.Dd3!(Kontrolliert das Feld f1 – so dass die Dame f8 nun wirklich bedroht ist und auch der Läufer e3.) 3…Dxf1+(Falls 3…Lf4, gewänne 4.Dc3!, z. B. 4…Tb1 5.Dc2 Ta1 6.g3 bzw. 4…Td1 5.g3 Ld2 6.Dxd2+.) 4.Dxf1 Ld2 5.Df8+ Kh5 6.Dxc5+ g5 7.g4+ Kxg4 8.Df5+ Kh4 9.Dxh7+ Kg4(zugleich aufgegeben) 1:0.
Fridmans Bauernpower
Brillante Kombinationen sind für gewöhnliche Schachspieler mitunter schwer zu ergründen. Auf den ersten Blick erscheint es zum Beispiel erstaunlich, wie der Bochumer Großmeister Daniel Fridman im Dezember bei der deutschen Meisterschaft in Saarbrücken gegen Igor Khenkin ans Ziel kam. Was zunächst wie eine Mischung aus Zauberei und exakter Berechnung erscheinen mochte, war im Grunde auch der Lohn einer tiefgründigen strategischen Vorarbeit, die wiederum auf Kenntnis bestimmter Muster gründete. Konkreter ausgedrückt: Fridman hatte mit Schwarz bewusst auf die Bildstellung hingearbeitet; vor allem dürfte er schon frühzeitig eine Vorstellung von der potenziellen Kraft seiner Bauern am Damenflügel gehabt haben.
Die Frage war bloß, ob beziehungsweise wie er seine übrigen Figuren aktivieren könnte, um die den Bauern innewohnende Energie zu entladen. Zugegeben, auch mit diesen Hilfestellungen bleibt die Gewinnführung schwierig. Erkennen Sie trotzdem, wie Daniel Fridman als Schwarzspieler brillierte?
Lösung: 1… Txe3! 2.fxe3 Kc6!(Plant …Kb6-a5xa4.) 3.Kf3 Kb6 4.e4(Auch passives Abwarten half nichts mehr, z. B. 4.Ke2 Ka5 5.Kd1 Kb4 6.Ke2 Sxb2! 7.Txb2 c3.) 4…fxe4+ 5.Kxe4 Sxb2!(Nur so geht’s.) 6.Txb2 Ka5(Und Weiß gab auf. Falls 7.g4, gewinnt z. B. 7…Kb4 8.g5 c3 9.Txb3+ Kxb3 10.g6 c2 11.g7 c1D 12.g8D+ Dc4+.) 0:1.
In den Emiraten
Wer zufällig eine Landkarte vor sich hat, in der das große Sassanidenreich markiert ist, wird erkennen, dass der persische König Chosrau I. ungefähr ab 570 n. Chr. auch über das Gebiet des heutigen Emirats Katar herrschte. Dies könnte hier insofern von Belang sein, als manche Historiker davon ausgehen, das ursprüngliche Schach sei – nachdem es vermutlich in Indien erfunden worden war – im sechsten Jahrhundert ins Sassanidenreich gelangt, und zwar als kleine Beigabe einer umfangreichen, friedensstiftenden Schenkung seitens der Inder an Chosrau I. In Persien hatten sie es also schon viel früher gespielt; aus europäischer Perspektive galt Schach im Nahen Osten dennoch lange Zeit als exotisch.
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