Am Ende arbeitete der König sogar noch entscheidend im Turmendspiel mit. Leider zu komplex, um es hier zu zeigen. „Eine außerordentliche Partie“, sagt Großmeister Igor Stohl, der Navara als Sekundant begleitet hat. In diesem Meisterwerk sei der König quasi ein Lockvogel, „das macht es in meinen Augen einmalig“. Stohl verweist auf zwei historische Vorbilder mit Königsmärschen; in jenen Fällen sei der König aber als Angriffsfigur aufgetreten, etwa in der kaum bekannten Partie Robert Tibensky, oben mit Weiß am Zug, gegen Jozef Franzen im Jahr 1985.
Lösung: 1.Kh6!(Nun droht 2.Dxg6+! fxg6 3.Tg7+ Kh8 4.Tdd7 und Matt.) 1…Tfc8 2.Txf7! Kxf7 3.Dxg6+(Der schwarze König ist den Angreifern ausgeliefert.) 3…Ke7 4.Df6+ Ke8 5.Sd6+ cxd6 6.Dxe6+ Kf8 7.exd6 Tb7(Oder 7…Tc7 8.dxc7 Dxc7 9.Df5+ Df7 10.Dxf7+ Kxf7 11.Td7+.) 8.d7 Txd7 9.Txd7 Db6 10.Tf7+ Kg8 11.Tg7+(nebst Matt auf g8 bzw. h7) 1:0.
Totale Verstopfung brillant aufgelöst
Der Tag war heiß gewesen in Hamburg. Keine Abkühlung versprachen die Scheinwerfer im Studio, in dem wir abends die Partien aus St. Louis/USA live kommentieren sollten. Dass wir teils mit offenen Mündern und großen Augen dasaßen, lag aber weniger an der Wärme oder der späten Stunde, sondern an den atemberaubenden Duellen der sechsten Runde des Sinquefield-Cups. Vor allem der US-amerikanische Großmeister Hikaru Nakamura war im Begriff, eine der brillantesten Partien seiner Karriere zu spielen. „Wer von uns hätte gedacht, dass sich die f-Linie jemals öffnen würde?“, fragte mein Kommentator-Kollege Oliver Reeh die Internet-Zuschauer.
Wohl niemand hätte es gedacht. Außer Nakamura. Nur sieben Züge, bevor die Bildstellung erreicht war, hatte auf dieser f-Linie noch totale Verstopfung geherrscht, fast alle Felder waren besetzt. Dann legte Nakamura wild opfernd los und begann, diese Linie radikal zu öffnen. Kurz vor Mitternacht/MEZ entlud er, mit Schwarz gegen Wesley So, seine im Hintergrund schlummernden Energien. Wie?
Lösung: 1…Txf3! 2.Txd7(Falls 2.Lxf3 Dxf3+, gewänne 3.Dg2 Lxg4! bzw. 3.Kg1 Le3+!) 2…Tf1+! 3.Kg2 Le3!(Droht 4…Tg1+ und 5…Sg5 matt.) 4.Lg3(Oder 4.Lxf1 h3+! 5.Kxh3 Df3+ 6.Lg3 Sg5 matt.) 4…hxg3 5.Txf1 Sh4+! 6.Kh3 Dh6 7.g5 Sxg5+ 8.Kg4 Shf3(Idee: …Dh3 matt.) 9.Sf2 Dh4+ 10.Kf5 Tf8+ 11.Kg6 Tf6+ 12.Kxf6 Se4+ 13.Kg6 Dg5 matt – 0:1.
Ein Kunstgriff
In Baku haben sie kontrolliert, als ginge es um Terrorismus. Selbst die Mitnahme von Uhren und Kugelschreibern war untersagt. Das tägliche Ritual mit Metalldetektoren fand nicht am Flughafen der aserbaidschanischen Hauptstadt statt, sondern am Eingang eines Turniersaals: Beim Weltcup ging es für zunächst 128 Teilnehmer neben Geld auch um zwei begehrte Plätze im WM-Kandidaten-Turnier. Daher sollte in Baku heimliche Kommunikation nach außen unbedingt verhindert werden. Kurz, der Zweifel spielte diesmal nicht mit.
Die Nerven der Spieler waren offenbar dennoch extrem angespannt angesichts eines K.o.-Turniers mit nur zwei Partien pro Runde. Ein Fehler konnte schon das Aus bedeuten; folglich lag der Faktor Glück höher als sonst. Letzteres beanspruchte der Turniersieger Sergej Karjakin des öfteren. Mit welchem Kunstgriff befreite sich der Russe, oben mit Weiß im Achtelfinale gegen Dmitri Andreikin, aus einer zuvor schwierigen Lage?
Lösung: 1.Dh8+!(Ohne Damen kann der weiße König aufatmen.) 1…Kxh8 2.Sxf7+ Kg7 3.Sxg5 Txd3(Schwarz kann Karjakins Bauern-Duo nicht mehr sinnvoll aufhalten, z. B. 3…Tb1 4.Se6+ Kf6 5.Sxd4.) 4.exd3 Tc3 5.a5 Txd3(Oder 5…Txb3 6.a6 Ta3 7.Lb7 Kf6 8.Sf3 und Sf3xd4-c6.) 6.a6 Td2+ 7.Ke1 Ta2 8.Se6+ Kf6 9.Sc5 Ta5 10.b4 Ta2 11.b5 1:0.
Hajo Hechts Rochaden
Großmeister Hans-Joachim Hecht hat seine sechs Dekaden andauernde Karriere in einer Autobiografie verdichtet. Der Titel „Rochaden – Schacherinnerungen“ ist auch eine Anspielung auf Hechts folgenreiche Ortswechsel. Anfang der 1960er Jahre „Republikflucht“ von Ost nach West. In den 1970ern von Berlin nach Solingen. Seit den 1980ern lebt er in Fürstenfeldbruck. Hecht versteht es, interessant zu erzählen – und er versteht viel vom Schach. Obwohl nur kurze Zeit Profi (von 1970 bis 1974), waren „Hajos“ Können und seine Kollegialität auch dann noch gefragt, als er längst wieder in einen bürgerlichen Beruf rochiert hatte. So spielte er zwischen 1962 und 1986 bei zehn Schacholympiaden für Deutschland; unschön in Erinnerung blieb ihm Buenos Aires 1978. Dort hockten sie in den „engen Umgängen des River Plate Stadions“, bei ständigem Fluglärm und Schussübungen der Armee.
Trotz alledem kam Hecht, mit Weiß gegen den Waliser Iole Jones, konzentriert voran. Wie?
Lösung: 1.Td1! Db8(Denn 1...Dxd1 scheiterte an 2.Tc8+ Sxc8 3.Dxd1 und 4.Dd8+.) 2.Tcd2!(Die mächtigen Türme entscheiden die Partie.) 2...Ta8(Oder 2...Sc6 3.Dc4 b5 4.Dxc6.) 3.Td7 Kf8(Oder 3...a4 4.Dxa4!) 4.Da3 De8 5.Tc7 b5(Nicht 5...Td8 6.Txe7 Dxe7 7.Txd8 matt.) 6.Dc5 b4 7.Tdd7 Kg8 8.Txe7 Dd8 9.Ted7 De8 10.Txf7(Und Schwarz gab auf.) 1:0.
In der Bolle-Meierei
Fünf Tage „mit hohem Stress-Level“ seien es gewesen, sagte Magnus Carlsen nach der Blitz- und Schnellschach-WM in der Berliner Bolle-Meierei. Der norwegische Weltmeister empfand bestimmt mehr Stress als mancher Konkurrent. Sogar in den kurzen Pausen zwischen den Runden folgte ihm ein Kamerateam, so dass Carlsen oft einen gesonderten Ruheraum aufsuchte; nicht die Spieler-Lounge, wo rund hundert Großmeister mit Bananen, Nüssen und Kaffee in Ledersesseln entspannten oder fachsimpelnd herumstanden. Kurz vor Rundenbeginn eilte Carlsen dann immer wieder vorbei an den Zuschauern in dem Spielsaal mit den hohen, terrakottafarbenen Backsteinwänden. In seinem Schlusswort entschuldigte er sich bei all denen, deren Autogrammwünsche er verwehrt hatte: „Man muss sich ein bisschen konzentrieren.“
Immerhin, im Schnellschach (15 Minuten Bedenkzeit, plus zehn Sekunden pro Zug) reichte die Konzentration zur Titelverteidigung. Sehen Sie, wie Carlsen mit Schwarz gegen Sergej Schigalko die Kraft seines Freibauern nutzte?
Lösung: 1...Td6!(Bereitet in Ruhe die Schlusspointe vor, denn 2.Txd3 scheitert nun einfach an 2...Dxd2.) 2.a4(Falls 2.Kh2, so 2...f5 und ggf. 3...Dxe3! Und auf 2.Kf2 Df4+ 3.Ke1 gewänne 3...Dd4! leicht, z.B. 4.a4 Te6! 5.Txe6 Dg1 matt; bzw. 4.Kd1 Da1+ 5.Dc1 Da2 6.Dd2 Db1+ 7.Dc1 Db3+ 8.Kd2 Da2+ 9.Kd1 d2.) 2...Dxe3+!(Die Pointe.) 3.Dxe3 d2 4.De4+ g6 0:1(Schigalko gab auf, denn ...d1D entscheidet).
Schnell zum Ruheraum: Magnus Carlsen in der Berliner Bolle-Meierei
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