Vincent zuckt nur die Schultern und schaut mit leuchtenden braunen Augen zurück. Er weiß auch nicht, wohin das noch führen wird. Er weiß aber noch genau, wie alles anfing: „Ich kam morgens um sieben ans Bett meiner Eltern und hab gesagt, bringt mir Schach bei!“ Die Quelle dieses Wunsches blieb unklar; zu Hause stand irgendwo ein Brett herum, aber seine Eltern spielten überhaupt kein Schach. Damals war Vincent Keymer fünf. Nun ist er gerade zehn geworden – und ein Riesentalent! In seiner Altersklasse ist er hierzulande konkurrenzlos. Selbst Weltmeister Magnus Carlsen hatte erst mit elf Jahren eine ähnliche Wertungszahl wie Vincent heute (Elo 2116, im November 2014).
Das Gymnasium im rheinland-pfälzischen Nieder-Olm stellte den Fünftklässler neulich über eine Woche vom Unterricht frei, weil er die deutsche Einzelmeisterschaft mitspielen durfte. Und Vincent sammelte im niedersächsischen Verden immerhin 3,5 Punkte. Er besiegte sogar den Internationalen Meister Juri Boidman! Auch gegen Tomislaw Bodrozic sicherte sich Vincent mit Weiß am Zug klaren Endspielvorteil. Wie?
Lösung: 1.Dc6!(Sehr schlau. So wird der Freibauer bestens unterstützt. Falsch wäre 1.Lc5? Dc8.) 1…Sf6(Falls 1…Sxe3, nicht 2.Dc7?? Da8!, sondern 2.d7! nebst 3.Dc8, bzw. 2…Kf8 3.Dc5+! Kg8 4.Dc8.) 2.Lb6(Vincent sammelt nun einfach die Bauern am Damenflügel ein und steht auf Gewinn.) 2…Dd7 3.Da8+ Se8 4.Lxa5 f6 5.Lxb4 Kf7 6.Da6 e5 7.Dc4+ Kg6 8.f5+ Kxf5 9.Dg4 matt – 1:0.
Carlsen hat schlechte Laune
Warum saß Magnus Carlsen so genervt im Presseraum? Der eben errungene Turniersieg in Wijk aan Zee/Niederlande wäre doch ein Grund zur Freude gewesen. Seine schlechte Laune erklärte der Weltmeister mit einem „enttäuschenden“ Remis in der Schlussrunde. Als Perfektionist neigt er ohnehin dazu, Remispartien mit eigenem schwachen Spiel zu erklären. Lob für einen gut mitspielenden Gegner hört man selten. Er fühle sich an Wijk aan Zee 2010 erinnert, sagte Carlsen. Auch damals habe er ein starkes Turnier mit einer schwachen Partie beendet. „Ich hatte mir vorgenommen, beim nächsten Mal ein glückliches Gesicht zu machen. Das ist nun dabei rausgekommen.“ Allgemeine Heiterkeit im Presseraum. Humor hat er eben auch.
Nichts zu lachen gab es für seine Gegner in der Mitte des Turniers, als Carlsen sechs Partien in Folge gewann, unter anderem gegen Teimour Radjabow: Die Position sei sehr komplex gewesen, sagte Carlsen, „ich habe nicht wirklich verstanden, was vor sich ging“. Am Ende behielt er, mit Weiß am Zug, wieder den Durchblick.
Lösung: 1.Sxg7! Kxg7(Das Endspiel 1…Dxf5 2.Sxf5 Txe4 wäre mühelos gewonnen für Weiß, z. B. 3.Td8 Txf4 4.Txf8+ Kh7 5.Txf6.) 2.Dh5!(Neben dem Läufereinschlag auf h6 droht nun auch 3.Tg3+.) 2…Sh7 3.Lxh6+ Kh8 4.Dg6! Dg8(Falls 4…Tg8, führte 5.Td8! zum Matt.) 5.Lg7+! Dxg7 6.Dxe8+ Df8(Auch nach 6…Dg8 dominiert Weiß: 7.De7 c6 8.Td7 nebst e4-e5.) 7.De6 Dh6 8.e5 Dc1+ 9.Kh2 Df4+ 10.Tg3 1:0.
Sediert an Tisch fünf
Draußen ruht das Zwischenahner Meer, das eigentlich ein See ist. Paare gehen mit Kindern spazieren, ein Labrador schnüffelt im Schnee. Drinnen im warmen Saal scheint kaum jemand diese Sonntagmorgen-Idylle zu bemerken. Statt durch die wandhohen Glasscheiben, blicken hunderte Augenpaare stur auf Schachbretter: Nordwest-Cup im niedersächsischen Bad Zwischenahn. An Tisch fünf, beispielsweise, hat es Filiz Osmanodja, die Vize-Jugendweltmeisterin und Medizin-Studentin an der Berliner Charité, mit dem vierfachen bulgarischen Landesmeister Boris Tschatalbaschew zu tun. Keine Spur von Idylle. Der favorisierte Großmeister will sie offenbar im Mattangriff überrumpeln. Er sitzt in dieser kritischen Phase aber schon etwas geduckt da. Osmanodja hingegen wirkt selbstsicher, nur das Wackeln ihrer Beine verrät innere Anspannung. „Ich bin sehr nervös geworden“, wird sie später sagen, „weiß auch nicht, warum“. Hatte sie doch, mit Weiß, zur Ruhigstellung der schwarzen Angreifer die einzig wirksame Medizin verabreicht. Welche war‘s?
Lösung: 1.Db5!(Damentausch ist hier die richtige Medizin! Nicht 1.dxe7?! Tfb8!) 1…Sc3+(Nichts wäre 1…Dxb5? 2.Lxb5 und 3.dxe7.) 2.bxc3 Dxa3 3.Da6!(Damentausch!) 3…Dxc3(Nun wäre 4.Dd3 gut genug. Oder noch besser 4.Lc4!, Idee Td1-d3, z. B. 4…Lxd4 5.Txd4 und 6.dxe7. Osmanodja machte es mit 4.dxe7?! b3! wieder spannend. Am Ende gewann sie trotzdem.) 1:0.
Nervös geworden und ruhig gestellt: Filiz Osmanodja in Bad Zwischenahn
Wagner macht Tempo
Bei Dennis Wagner steckt Tempo im Leben. Abitur mit 16, Notendurchschnitt Einskommanull. Jetzt ist er 17 – und Schachgroßmeister. „Als ich zur Schule ging, hatte ich noch die Doppelbelastung“, sagt er. Seit einigen Monaten konzentriert er sich aufs Schach. Trainieren, in ferne Länder reisen, Turniere spielen. Dies hat dem Hessen bislang so viel Spaß gemacht, dass er sich vorstellen kann, ein weiteres Schachjahr dranzuhängen. Das angepeilte Studium („irgendwas Naturwissenschaftliches“) kann warten. Erst recht, wenn es so weitergeht mit den Erfolgen: Zweiter bei der deutschen Einzelmeisterschaft, Erster beim Open in Vandoeuvre und zuletzt in Gibraltar sensationell Sechster von 250 Teilnehmern, darunter etliche Topspieler. Viel Zeit nimmt sich Wagner auch am Brett nicht; flott spielend versucht er, die Gegner unter Druck zu setzen. „Ich habe gemerkt, welch große Rolle das spielt.“ Oben ein Fragment aus der Bundesligasaison 2013/14. Wie bezwang Wagner mit Schwarz Großmeister Alexander Rustemow?
Lösung: 1…Lxg2!(Zerrt den König ins Freie.) 2.Kxg2 Dg5+ 3.Kf3(Oder 3.Kh1 Dh4 4.Kg2 Dxh2+ 5.Kf3 Dh3+ 6.Kxf4 Txc3 und gewinnt.) 3…Ld6!(Nach diesem stillen Zug droht vor allem 4…Df4+ 5.Kg2 Dxh2+ nebst …Dh3+, …Tfe8+ und Matt.) 4.Tfe1(Falls 4.Tg1, so 4…Txc3+! 5.Dxc3 Dd5+!, z. B. 6.Ke3 Te8+ 7.Kd2 Dxa2+ 8.Dc2 Txe2+.) 4…Df4+ 5.Kg2 Dxh2+ 6.Kf3 Dh3+ 7.Ke4 Tfe8+(Weiß gab auf.) 0:1.
Polgars Gabe
„Ohne falsche Bescheidenheit kann ich sagen, dass ich von meinen frühen Jahren an unterhaltsam und ziemlich gut gespielt habe“, schreibt Judit Polgar im letzten Band ihrer Trilogie, die den bisherigen Lebensweg der Ungarin nachzeichnet, vom Wunderkind zur Weltklassespielerin. Unterhaltsam und ziemlich gut sind eher Untertreibungen, wenn man betrachtet, welch grandiose Partien sie selbst gegen Weltmeister wie Garri Kasparow und Magnus Carlsen gespielt hat. Der jüngste, auf Englisch erschienene Band („A game of queens“) handelt von Polgars Schaffen zwischen den Jahren 2001 bis zu ihrem Karriere-Ende 2014. Eine Mischung aus Schach-Biografie und Lehrbuch, unter Mithilfe des renommierten Autors Mihail Marin. Je ein Kapitel ist beispielsweise Polgars An- und Einsichten über Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel gewidmet. Besonders ausgeprägt wirkt ihr Blick für verborgene Taktikmotive. Diese Gabe kam ihr auch gegen Mustafa Yilmaz bei der EM 2014 in Jerewan zugute: Was hatte Polgar mit Weiß im Sinn?
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