‚Markus hat nicht zu viel versprochen‘, erkennt Emma. ‚Er kann sehr gut mit dem riesigen Ungetüm umgehen.‘ Punktgenau landet Emma auf dem Container, ohne dass eine der Zielpersonen etwas mitbekommen hätte. Um eine gute Schussposition in alle Richtungen zu erhalten, entscheidet sie sich gegen eine liegende Stellung, sondern stützt sich lediglich auf einem Knie ab, das andere Bein angewinkelt nach vorn gestellt. Durch ihre geduckte Körperhaltung ist sie zudem weitgehend vor den Kugeln ihrer Gegner geschützt. Sorgfältig visiert sie ihr erstes Ziel an, ehe sie abdrückt.
Tödlich getroffen bricht der Mann auf dem Container zusammen.
Noch bevor seine beiden Kumpane begreifen, was da passiert, wird auch der zweite Mann durch eine Kugel aus Emmas Waffe niedergestreckt.
Der dritte Mann springt auf, reißt seine Maschinenpistole herum, die er auf Emma anlegt, um sie an weiteren Schüssen gegen ihn und seine Kumpane zu hindern, doch weiter kommt er nicht.
„Flamme, Achtung!“
Von Stefans Kugel getroffen stürzt der Mann mit einem Aufschrei vom Container.
„Vorrücken!“, tönt der Befehl von Bodo Danberg durch die Kommunikationsgeräte, da der Weg für die Spezialeinsatzkräfte jetzt nicht mehr behindert wird.
Zwar stehen auf jeder Seite des Ganges zwei ihrer Gegner, aber dem Ansturm durch die Elite-Polizisten können sie nicht lange standhalten, sodass sie sich in den schützenden Gang zurückziehen. Von allen Seiten eingekesselt geben sie ihren Widerstand bald auf.
„Es fehlen noch drei von den Kerlen“, stellt Stefan beim Umschauen fest.
„Ausschwärmen!“, kommandiert der zweite Truppenführer. „Je fünf Mann! Sucht alles gründlich ab.“
Hannes Wachtl ist klar, wie dieser Kampf ausgehen wird, da sie dem Einsatzkommando nicht mehr allzu viel entgegenzusetzen haben. Seine Gedanken sind nur noch mit seiner Flucht beschäftigt.
„Los, kommt mit!“, befiehlt er seinen beiden Gefährten.
Sie umgehen die aufgestapelten Container bis ans äußerste Ende, doch auch hier finden sie keinen Ausgang. Der hohe Zaun läuft ohne Lücke um das gesamte Areal herum. ‚So ohne weiteres kommen wir da nicht hinüber‘, begreift Hannes. Er hört die Schüsse hinter sich, die Schreie seiner getroffenen Männer. ‚Was soll ich tun? Es wird nicht lange dauern, bis die Polizisten auf uns drei aufmerksam werden.‘
Im gleichen Moment erblickt er Markus Goldschmidt, der von dem Kran herunterklettert. Mit zwei Schritten ist er hinter dem Beamten, dem er seine Waffe an den Hals drückt. „Besser, du machst keine hastige Bewegung“, empfiehlt er Markus drohend. „Waffe weg!“
Mit der linken Hand zieht der Hauptkommissar vorsichtig seine Dienstwaffe hervor, die er wütend über sein Missgeschick von sich wirft, damit sie erst in einiger Entfernung des Mannes auf dem Boden landet. „Sie kommen hier nicht weg. Geben Sie auf.“
„Überlassen Sie das ruhig mir. Den Schlüssel“, verlangt Hannes, drückt diesen aber direkt einem seiner Männer in die Hand. „Klettere da hinauf. Wir brauchen den Lasthaken. Damit reißen wir den Zaun ein. Unser Fluchtfahrzeug steht bereits auf der anderen Seite.“ Mit der Hand weist er auf den VW Passat Kombi der Düsseldorfer Polizisten, den Emma vorhin am Zaun abgestellt hat.
Sein Handlanger kommt dem Befehl eilends nach.
Markus hofft vergebens darauf, dass sich der Kerl in dem Führerhaus des Krans nicht zurechtfindet. Es dauert zwar eine kleine Weile, aber dann hat der Mann den Dreh heraus. Der Lasthaken reißt den Zaun ein, der auf einer Länge von circa vier Metern umstürzt.
„Gehen wir.“ Hannes schubst den Polizisten vor sich her. „Du fährst! Los!“
Markus bleibt neben der Fahrertür stehen, greift nach dem Türgriff, nur um sich beim Aufblicken das Grinsen zu verkneifen. „Abgeschlossen. Ich habe keinen Schlüssel. Das ist der Wagen meiner Kollegin.“
Hannes schiebt seinen Gefangenen zur Seite. „Mach du das“, fordert er seinen Kumpan auf.
Der schlägt mit dem Knauf der Pistole das Fenster ein, um anschließend das Fahrzeug zu öffnen, ungeachtet dessen, dass die Alarmanlage losgeht. Die kurze Zeit, die sie brauchen, um den Wagen startklar zu machen, reicht den umstehenden Polizisten auf keinen Fall für einen Zugriff aus.
„Na bitte, geht doch“, nickt Hannes zufrieden.
Bevor sie in das Fahrzeug einsteigen, geschweige denn es für die Fahrt kurzschließen können, fällt der erste Schuss.
Emma, die von oben den Weg der Einsatzkräfte sichert, hört das Bersten der Scheibe, wirbelt herum noch ehe die Alarmanlage einen ersten Ton von sich gibt und erkennt sogleich, in welcher Gefahr sich Markus Goldschmidt befindet. Ihr ist klar, dass sie die Männer schleunigst ausschalten muss, wobei ihr nicht viel Zeit zum Zielen bleibt. Ohne zu zögern nimmt sie den ersten Mann ins Visier, dann drückt sie ab.
Mit einem Aufschrei stürzt Hannes’ Helfer vom Kran herunter.
Entsetzt sehen seine beiden Kumpane auf den abstürzenden Mann, bis er auf dem Boden aufschlägt, wo er mit weit aufgerissenen Augen in ihre Richtung starrt. Ihre Verblüffung sorgt dafür, dass sie ihren Gefangenen nicht im Auge behalten und auch ihre Pistolen nicht auf ihn ausgerichtet bleiben. Das Verhalten macht sich Emma zu Nutze, indem sie mit einem weiteren Schuss den Mann an der Fahrertür ausschaltet. Durch den Aufprall der Kugel wird dieser zurückgeschleudert, knallt mit dem Rücken gegen den Wagen, von wo aus er langsam abwärts rutscht, bis er auf dem Boden aufschlägt, doch das bekommt er nicht mehr mit.
Hannes starrt für einen Moment mit großen Augen auf seine Handlanger, dann zieht er seinen Gefangenen fest vor sich, ohne die Pistole von dessen Hals zu lösen. ‚So kann der Schütze mir nichts anhaben‘, denkt er. ‚Ich komme garantiert heil hier weg!‘ Allerdings hat er nicht mit Emmas herausragender Treffsicherheit gerechnet.
Sie weiß genau, wie sie schießen muss. Die einzige Angriffsfläche ist die Pistole neben dem Hals ihres Kollegen. ‚Der Schuss muss sitzen‘, macht sie sich klar. ‚Nur fünf Zentimeter zu weit nach rechts, dann ist Florians Bruder tot.‘ Sie visiert ihr Ziel genau an, lässt sich die Zeit, die sie braucht. „Bitte, halt still“, flüstert sie vor sich hin.
Markus erinnert sich an die Worte seines Bruders, an dessen Augen, als er ihm im Brustton der Überzeugung von Emma Wolf berichtete. Der Hauptkommissar ist überzeugt davon, dass diese Frau es schafft, die Situation zu ihren Gunsten zu entscheiden. Ruhig wartet er ihre Reaktion ab, bis der Schuss fällt.
„Ahh!“ Mit einem Aufschrei lässt Hannes die Waffe fallen, die seine zerschossene Hand nicht halten kann.
Markus wirbelt herum, wobei er seinem Gegner einen gewaltigen Schlag verpasst, in dem seine ganze Wut steckt.
Hannes verdreht die Augen und stürzt bewusstlos zu Boden.
„Ja!“ Emma springt auf. „Guter Schlag!“, ruft sie laut.
Markus, der das Lob der Kollegin hören kann, wagt erst jetzt aufzuatmen. Ohne sie würde er wahrscheinlich nicht mehr leben. „Flo hat Recht, die Frau ist spitze!“, murmelt er.
Mit Hilfe der herbeieilenden Kollegen legt er Hannes Handschellen an.
Der schwarze Iveco Daily, hinter dessen Steuer Ludwig Prager zu erkennen ist, erscheint auf dem Gelände, rollt langsam auf die Sammelstelle der Einsatzkräfte zu und hält dort an, bevor die vier Kollegen aussteigen.
„Das Fahrzeug stand verlassen in einer Parkbucht ganz in der Nähe. Der Schlüssel steckte noch. Anscheinend hatte da jemand vor, möglichst schnell zu verschwinden“, berichtet der Hauptkommissar.
Die Aufräumaktionen sind in vollem Gang. Gemeinsam mit den vor Ort befindlichen Mitarbeitern der Zollbehörde sehen sie sich die Container an.
„Nicht ein einziges Siegel der gelisteten Container ist beschädigt“, berichtet Bodo Danberg den leitenden Beamten. „Es ist nicht zu erkennen, ob sich jemand Zutritt zu den Containern von Michail Orlow verschafft hat.“
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