Emma kann sich schon denken, warum er nachfragt. „Stefan ist mein Bruder“, antwortet sie. „Zudem ist er einer der Truppenführer beim SEK. Herr Danberg ist sein Vorgesetzter.“
„Nun wird mir einiges klar. Daher die schnelle Unterstützung.“
Sie erreichen den Raum, in dem sowohl die Duisburger als auch die Düsseldorfer Kriminalisten versammelt sind.
Markus öffnet die Tür und lässt Bodo Danberg an sich vorbei eintreten, hält Stefan und Emma jedoch zurück, um sein Anliegen zu äußern: „Bitte nennen Sie mich Markus. Immerhin haben wir schon einiges gemeinsam.“
„Und was?“, erkundigt sich Stefan.
„Wir kennen alle meinen Bruder. Oder?“
Die beiden Männer lachen auf, während Emma nur verwundert den Kopf schüttelt. Gemeinsam betreten sie den Besprechungsraum, um den Plan für die Durchsuchung am nächsten Morgen auszuarbeiten. Es ist schon fast Abend, als sich das Team rund um Emma Wolf von den Duisburger Kollegen verabschiedet. Um fünf Uhr in der Frühe werden sich alle am Einsatz beteiligten Polizisten in voller Montur am festgelegten Treffpunkt im Duisburger Containerhafen treffen.
Die neununddreißigjährige Oberkommissarin Nina Birkholz achtet sorgfältig darauf, dass niemandem auffällt, wie sie in der Nähe des Haupteingangs auf ihren Kollegen Reinhardt Schrade wartet. Der Kommissar ist nicht nur Teil des Ermittlungsteams rund um Björn Klostermann, sondern hat auch lange mit Nina im Team gearbeitet.
Gerade als er das Gebäude verlassen will, taucht die schlanke 1,76 Meter große Polizistin hinter ihm auf. „Hallo, Reinhardt. Habt ihr endlich Feierabend?“
Der Kollege dreht sich zu der hübschen Blondine um. „Ja, endlich! Wieso bist du noch hier? Machst du Überstunden?“
Wie konnte sie nur denken, dass ihm das nicht auffällt? Sie braucht rasch eine gute Erklärung. „Nein, ich habe noch trainiert. Wegen der Leistungsprüfungen. Es ist einfach später geworden.“
„Stimmt, die stehen uns ja auch noch bevor.“
„Ja. Aber jetzt haben wir erst einmal Feierabend.“
„Aber nicht für lange. In ein paar Stunden müssen wir wieder anfangen.“
„Was ist denn so dringend, dass ihr euren Feierabend nicht normal genießen könnt?“
Der Kommissar ist sich bewusst, dass er diese Informationen nicht weitergeben darf, also übergeht er die Antwort und zuckt stattdessen nur die Schultern. „Woran arbeitest du denn zurzeit?“, fragt er im Gegenzug.
„An nichts Besonderem. Ihr habt mich doch aus dem Team gekickt. Warum eigentlich? So schlecht war meine Arbeit bestimmt nicht.“
„Hör zu, Nina. Das hat mit deiner Arbeit nichts zu tun. Es geht nur um den Fall. Klostermann hat Recht, wenn er dabei die Frauen außen vor lässt.“
„Ach ja? Dann habe ich zwei Fragen an dich. Was ist an dem Fall, was Männer können und Frauen nicht? Und wieso ist in dem anderen Team eine Frau mit dabei? Leugne es nicht! Ich habe sie gesehen.“
„Zu dem Fall darf ich dir nichts sagen. Aber zu der Kollegin kann ich dir Folgendes berichten. Sie ist die stellvertretende Leiterin in dem Team aus Düsseldorf.“
„Unmöglich. Sie ist mindestens zehn Jahre jünger als ich.“
„Ist aber so“, beharrt er. „Entschuldige, ich muss jetzt dringend in die Kiste. Immerhin müssen wir alle morgen um fünf Uhr wieder fit sein. Mach’s gut.“
Nina schaut ihm nachdenklich hinterher. Sie sollte besser einmal nachsehen, ob in dem Besprechungszimmer etwas zu finden ist. Den ganzen Tag über hat sie sich bemüht, in die Nähe des Besprechungsraumes zu gelangen, was aber nicht funktioniert hat. Auf dem Absatz macht sie kehrt, um sich kurz darauf in dem Raum umzublicken, in dem sich gerade erst die beiden Teams für den Einsatz gegen das organisierte Verbrechen zusammengetan hatten. Doch die gähnende Leere der Schreibtische bietet ihr keine Anhaltspunkte. ‚Dann muss ich eben zum Boss gehen‘, empfiehlt sie sich selbst.
Zwei Minuten später kann Nina gerade noch sehen, wie Björn Klostermann, in Jacke und Mütze, sein Büro verlässt. ‚Es ist viel zu voll auf diesem Flur, um lange unbemerkt zu bleiben‘, erkennt sie. Aber wenn sie mit ihrer Vermutung richtig liegt, muss sie dringend an die Einsatzpläne herankommen. Sie sucht sich ein geeignetes Versteck, um in aller Ruhe abzuwarten. ‚Eigentlich gehöre ich in dieses Team!‘, holt sie sich in Erinnerung. ‚Nur Klostermann verdanke ich es, in diesem Fall auf dem Abstellgleis zu stehen.‘ Auch sie hat nicht zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass der leitende Hauptkommissar keine allzu hohe Meinung von Frauen im Polizeidienst hat. ‚Das wird Gabriel bestimmt nicht gefallen‘, geht es ihr durch den Kopf. Obwohl sie schon eine ganze Weile mit Gabriel Kanthak liiert ist, kann sie spüren, dass der Freund sie auf Abstand hält. Sie erinnert sich daran, wie er sie glücklich angestrahlt hat, als sie ihn über die Durchsuchung seiner Container informierte. ‚So ganz korrekt war das nicht‘, gibt sie vor sich selbst zu, entschuldigt ihr Vergehen aber damit, dass ihre Kollegen bei der Durchsuchung enorme Schäden an den teuren Möbeln hinterlassen haben. ‚Gabriel war richtig deprimiert, als er mir davon berichtete‘, fällt ihr ein. ‚Dass ich ihn vor mutwillig verursachten Schäden bewahre, ist nur gerecht!‘
Als es endlich ruhiger in dem langen Gang wird, schlüpft sie in das Büro des Vorgesetzten. Systematisch durchsucht sie dessen Unterlagen, doch auch hier findet sie keinen Hinweis auf den kommenden Einsatz.
‚Was soll das nur? Die tun gerade so, als ob es ein Staatsgeheimnis wäre.‘ Sie nimmt an seinem Schreibtisch vor dem Computer Platz. ‚Vielleicht hat er die Daten schon eingegeben.‘ Normalerweise ist ihr Chef bei seiner Arbeit absolut korrekt, lässt keine halbfertigen Sachen liegen und sorgt für saubere Abschlüsse.
Sie hat keine andere Wahl, als sich mit ihrem eigenen Passwort einzuloggen. Bis sie die heute angelegten Dateien findet, muss sie eine ganze Weile suchen. Es gibt insgesamt vier neue Dateien, von denen sie die ersten drei ungehindert einsehen kann. Sie alle haben nichts mit dem heutigen Treffen der Kollegen oder einem kommenden Einsatz zu tun. ‚Mal sehen, was mir die letzte Datei zeigt.‘ Sie klickt mit dem Mauszeiger auf den Ordner, woraufhin sich sofort ein graues Eingabefeld öffnet. Der Computer fordert die Eingabe des Passworts, ohne welches sie diesen Ordner nicht öffnen kann.
„So ein Mist“, flucht die Beamtin leise vor sich hin und versucht, das Passwort zu finden, doch weder Rechner noch Schreibtisch des Hauptkommissars weisen auf dieses hin. ‚Die tun ja gerade so, als ob sie an einer Verschwörung arbeiten. Wieso ist das alles nur so geheim? Das hat wohl kaum etwas mit Gabriels Geschäften zu tun. Da geht es lediglich um Antiquitäten. Auch wenn er sie teilweise nicht ganz legal aus den fremden Ländern mitbringt, ist das wohl kaum einen solchen Aufwand wert.‘ Trotzdem sucht sie weiter, da sie mittlerweile neugierig genug ist, um den Grund für diese Heimlichtuerei wissen zu wollen.
‚Das könnte etwas sein!‘, stutzt sie plötzlich. ‚Klostermann hat sich zwei zivile Fahrzeuge für eine Fahrt zum Duisburger Hafen reserviert. Zum Duisburger Containerhafen! Ob es doch um Gabriels Ware geht?‘ Sie schaut auf ihre Armbanduhr. Schon nach halb zehn. Es kann nicht schaden, wenn sie Gabriel vorwarnt. Sie loggt sich aus, dann verschwindet sie ungesehen aus dem Gebäude. Kaum dass sie außer Sichtweite ist, ruft sie Gabriel an, dessen Mailbox erst nach mehrfachem Klingeln anspringt.
In Thailand, sechs Stunden voraus, verbringt Gabriel, der bekommen hat, was er wollte, die Nacht zufrieden schlafend in seinem Hotelbett. In ein paar Stunden wird er sich darum kümmern, dass die Container ordnungsgemäß für den Flug nach Düsseldorf verladen werden. Den Anruf, der bei ihm eingeht, nimmt er nicht wahr.
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