Noch ehe Egon richtig vor den Bildschirmen sitzt, hat er die Handgriffe verrichtet, die jetzt nötig sind. Wenn jemand darauf achten würde, könnte er hören, wie das Schloss am Eingang leise klickt, ehe das Tor ein Stück weit aufspringt.
„Fertig, ihr könnt loslegen. Sagt Bescheid, wenn ihr wieder herauswollt“, gibt Egon über das Kommunikationsgerät an die vor der Tür wartenden Männer weiter.
Der Transporter fährt bis an das Eingangstor heran, wo er abwartend stehenbleibt, während die vollständig schwarz gekleideten Männer aus dem Heck des Fahrzeugs springen. Das Tor hinter sich wieder ins Schloss ziehend schlüpfen die vermummten Gestalten auf das Gelände.
Mittlerweile ist es vier Uhr dreißig.
Hannes schaut sich gründlich um. Seit die Hafenarbeiter mit ihrer Schicht begonnen haben, arbeiten sie an der Löschung der diversen Ladungen, doch hier sind sie fertig, haben das Lager verschlossen und gesichert, weshalb niemand mehr in Sichtweite ist. Selbst wenn weitere Container in das Lager gebracht werden sollten, weiß Hannes, dass die Arbeiter bis dahin eine gewisse Vorlaufzeit benötigen, doch viel Spielraum bleibt ihnen nicht. „Beeilen wir uns!“
Den Standort des Containers, welcher die spezielle Ware von Michail Orlow beherbergt, machten sie schon ausfindig, bevor sie ihre Aktion starteten, sodass sie sich, ohne lange zu suchen, am passenden Lagerplatz einfinden.
Die seetauglichen Container sind praktikabel und platzsparend aufgereiht, jeweils drei Stück nebeneinander, zwei Reihen hintereinander. Die restlichen sechs Container stehen darauf.
„Dort!“ Hannes zeigt auf den Container, um den es ihnen geht.
Ihr Pech ist es, dass er nicht ebenerdig steht, sondern in der oberen Reihe angeordnet ist, doch die Türen sind frei zugänglich.
„Mist! Das hält uns auf. Wir haben höchstens eine halbe Stunde. Legt los!“
Auf einen Wink von ihrem Boss wird ein Gabelstapler mit einer Europalette5 an den Container herangefahren. Er befördert zwei darauf stehende Männer nach oben. Sie brechen das Siegel an dem Schloss auf, um den Container zu öffnen. Nacheinander gelangen sechs von Hannes’ Leuten in den geräumigen Stahlbehälter, wo sie die Kisten und Kartons mit den diversen Handelswaren schnell zur Seite rücken, um an den Mechanismus zum Öffnen des Zwischenbodens zu gelangen. Die achtzehn schlafenden Mädchen, die sie dort finden, werden von den ersten Männern aus ihrem Versteck geholt, an die hinter ihnen stehenden Kumpane weitergereicht und aus dem Container getragen.
Der schwarze Iveco Daily steht abwartend vor dem Tor. Sobald der 140 PS starke Transporter das Zeichen von seinem Anführer bekommt, wird er auf das Gelände fahren, um die Ware in Empfang zu nehmen.
Hannes selbst bringt das neue Siegel an dem Container an. Anschließend überzeugt er sich davon, dass keine Auffälligkeiten darauf hinweisen, dass sich jemand an diesem Container zu schaffen gemacht hat. Wieder bei seinen Männern auf dem Boden stehend will er den Befehl zum Abholen an den Fahrer des Transporters ausgeben, doch dazu kommt es nicht mehr.
Obwohl sie über Funk mit der Einsatzzentrale verbunden sind, in der der Führungsstab bis hin zum Polizeipräsidenten gespannt auf den Ablauf der Operation wartet, hat Bodo Danberg sich entschlossen, den Einsatz vor Ort zu leiten.
Das mobile Einsatzkommando überwacht seit einigen Minuten das Zollgelände, indem sie sich über die installierte Überwachungsanlage des Geländes Sichtkontakt verschaffen. Indessen warten die einsatzbereiten Elite-Polizisten der Spezialeinsatzkommandos an ihren Fahrzeugen auf den Zugriffsbefehl.
Keine fünfhundert Meter entfernt vom Eingang des Zollgeländes trifft das Duisburger Team auf die Mitarbeiter rund um Mark Sievers, welche die Kollegen bereits ungeduldig erwarten.
„Wie sieht es aus?“ Björn Klostermann will umgehend erfahren, was die Überwachung ergeben hat.
„Es ist alles ruhig. Sobald die Kollegen vom MEK das Grundstück abgelichtet haben, werden wir beim Wachpersonal Einlass fordern.“
„Gut.“
Der SEK-Chef tritt mit besorgniserregenden Neuigkeiten auf die beiden leitenden Beamten zu. „Das sollten Sie sich einmal ansehen, meine Herren.“ Mit der Hand weist er ihnen den Weg zum Überwachungstransporter.
Die drei Männer wenden ihre Blicke auf die Überwachungsmonitore, während Bodo Danberg ihnen erläutert, was sie dort zu sehen bekommen: „Auf dem Gelände befinden sich elf vermummte Gestalten, die sicher nicht zum Hafenpersonal gehören. Die Container, an denen sie sich zu schaffen machen, könnten laut Standplatz die Container von unserer Liste sein. Vor dem Eingang wartet ein schwarzer Transporter der Marke Iveco mit laufendem Motor und abgeklebten Kennzeichen.“
„Die Absichten, die dahinterstecken, können wir uns sicher alle denken“, bemerkt Björn Klostermann.
„Richtig“, stimmt Mark zu. „Wie gehen wir jetzt weiter vor?“
Der Chef der Spezialeinheiten gibt die Informationen zu dem bevorstehenden Einsatz weiter: „Einige unserer Männer melden sich beim Wachmann. Sie werden Einlass verlangen und den Mann aus der Schusslinie bringen. Anschließend verteilen sie sich so im Gelände, dass sie alles überblicken können. Es sollte nicht mehr als ein paar Minuten dauern, bis wir diese Kerle festsetzen können. Schade nur, dass wir nicht zehn Minuten früher hier waren, dann hätten wir jetzt ein paar Scharfschützen oben auf den Containern. Es geht aber auch so. Immerhin wissen die nichts von uns.“
Bodo Danberg wird noch feststellen, wie sehr er sich mit dieser Annahme irrt.
Zufrieden mit dem Einsatzplan nickt der Duisburger Hauptkommissar ihm zu. „Was ist mit uns? Welche Aufgaben haben Sie für uns geplant?“
„Halten Sie sich so lange zurück, bis wir das Gelände gesichert und diese Kerle in Gewahrsam genommen haben. Sobald die Container gefahrlos betreten werden können, rufen wir Sie hinzu.“
Niemandem aus den Reihen der Kriminalpolizei behagt es, tatenlos abzuwarten, doch sie wissen, dass die jetzt notwendigen Handlungen in das Aufgabengebiet der Spezialisten gehören. Die leitenden Kommissare begeben sich zu ihren Leuten, um auch diese zu informieren.
„Geht es jetzt los?“, erkundigt sich Markus Goldschmidt.
„Ja. Aber wir müssen uns noch eine Weile bedeckt halten.“
„Wieso? Was ist passiert?“ Emma begreift sofort, dass da etwas nicht nach Plan läuft.
„Uns sind ein paar Typen zuvorgekommen, die sich gerade an den Containern zu schaffen machen.“
„Die Einsatztruppen bereiten sich soeben darauf vor, das Gelände einzunehmen“, ergänzt Björn Klostermann die Antwort seines Düsseldorfer Kollegen. „Vorher holen sie den Wachmann da heraus.“
Emmas Nackenhaare stellen sich auf. ‚Da stimmt doch etwas nicht. Verdammt, ich habe es gewusst!‘, ärgert sie sich über ihre Achtlosigkeit. „Wie sind die Kerle auf das Gelände gekommen? Warum hat der Wachmann nicht Alarm geschlagen?“
„Was meinen Sie?“ Björn Klostermann kann der Polizistin nicht folgen.
„Die sind, ohne den Alarm auszulösen, auf das Grundstück gelangt. Außerdem sind sie während ihrer Handlungen da drinnen gut sichtbar. Der Wachmann kann sie gar nicht übersehen.“ ‚Natürlich! Wie dumm von uns!‘, begreift sie plötzlich. „Verdammt! Wie konnten wir das übersehen? Er gehört dazu! Sie dürfen ihn nicht behelligen, sonst warnt er diese Typen.“ Sie wirbelt auf dem Absatz herum und stürmt im Eilverfahren in die Überwachungszentrale des mobilen Einsatzkommandos, ohne sich aufhalten zu lassen.
„Was haben Sie hier zu suchen?“, schnauzt der SEK-Chef verärgert. „Bleiben Sie bei Ihren Leuten.“
Emma lässt sich durch seine burschikose Art nicht abschrecken. „Stoppen Sie Ihre Einheiten! Sofort!“, verlangt sie. „Der Wachmann gehört dazu.“
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