‚Morgen hole ich Joseph aus dem Krankenhaus, dann geht es zurück nach Deutschland‘, versichert er sich selbst zufrieden.
In seinem Zimmer angekommen denkt er noch eine Weile über den Tag nach. Immer wieder muss er an die Begegnung mit der Europäerin in der Karaokebar denken. ‚Ob sie wirklich eine Ärztin aus dem Krankenhaus ist? Was hat sie dann in diesem Hotel verloren? Und ihr Mann? Den darf man garantiert nicht unterschätzen.‘ Er glaubt keineswegs, dass dieser Mann als harmlos abgetan werden kann. ‚Gut, dass wir morgen abreisen, dann brauche ich mir um die beiden keine Sorgen mehr machen.‘
Ihm soll es Recht sein, wenn er dieses Ehepaar nie wiedersieht!
5
Der Duisburger Kollege, der sie in Empfang nimmt, begleitet seine Besucher zu dem Besprechungsraum, in dem der Leiter der Abteilung bereits auf sie wartet. Neugierig begrüßt der vierzigjährige Björn Klostermann, 1,84 Meter groß, mit dunklem Kurzhaarschnitt und muskulöser Statur, das Team aus Düsseldorf. „Björn Klostermann, leitender Hauptkommissar, Kriminalkommissariat 12. Ich bin froh, dass Sie meiner Bitte nachkommen konnten. Es ist dringend an der Zeit, diesem Gesindel das Handwerk zu legen. Aber ohne Unterstützung werden wir das wohl nicht schaffen.“
„Mark Sievers“, stellt sich Emmas Partner vor. Mit festem Druck ergreift er die ihm dargebotene Hand. „Meine Kollegen und ich sind gern bereit, Ihnen unter die Arme zu greifen.“
„Dafür kann ich mich nur bedanken. Doch ich habe direkt eine Einschränkung. Mir ist aufgefallen, dass Sie eine Kollegin mitgebracht haben. Wir selbst haben darauf geachtet, keine weiblichen Mitarbeiterinnen in dieses Team zu holen. Womit wir es hier zu tun haben, trifft schon bei uns an die Grenzen des Aushaltbaren. Für die Frauen ist das sogar um einiges Schlimmer, noch dazu, wenn sie so jung sind.“ Der leitende Duisburger Hauptkommissar wirft Emma einen kurzen Blick zu.
‚Was für ein arroganter Wichtigtuer‘, urteilt Emma abweisend, ohne sich zu äußern.
„Ich kann Ihnen versichern, dass meine Kollegin ihre Arbeit einwandfrei erledigen wird“, verspricht ihm Mark, der über die frauenfeindliche Art des Abteilungsleiters nicht begeistert ist. „Dies ist übrigens meine Stellvertreterin, Hauptkommissarin Emma Wolf.“
„Ernsthaft?“, staunt Björn Klostermann. ‚Die Frau ist gerade einmal Mitte zwanzig‘, schätzt er. ‚Wie kann sie da schon Hauptkommissarin sein und eine stellvertretende Leitung innehaben?‘, grübelt er, kommt aber nicht zu einer Antwort, da er von einem seiner Mitarbeiter unterbrochen wird.
„Emma Wolf? ‚Die‘ Emma Wolf? Aus Berlin?“ Verblüfft mustert der Polizist die gutaussehende Kollegin.
„Das war einmal“, antwortet Emma vorsichtig. „Woher wissen Sie das?“
„Von meinem Bruder.“ Der Duisburger Kollege reicht ihr lächelnd die Hand. „Ich bin Markus Goldschmidt, der zweite Mann im Team von Björn Klostermann.“
„Sie sind der Bruder von Florian Goldschmidt?“, staunt Emma. Sie erinnert sich daran, wie sie vor einigen Monaten zusammen mit dem Leiter der Sicherungsgruppe SG2, einer aktiven Einheit des Bundeskriminalamts, gegen einen hochrangigen Staatsbeamten im Bundeskanzleramt ermittelt hatten. Gemeinsam konnten sie den Mann als eingeschleusten Maulwurf entlarven. Allerdings dürfte Florians Bruder das gar nicht wissen, da ihre gesamte Arbeit unter strengste Geheimhaltung fällt. Sie kann sich nicht vorstellen, dass Florian Goldschmidt diesen Befehl missachtet hat. „Was hat er Ihnen denn erzählt?“
„Nicht viel. Nur, dass Sie die fähigste Beamtin auf der ganzen Welt sind.“ Der achtunddreißigjährige Hauptkommissar schaut Emma verschmitzt an, wobei seine blaugrauen Augen humorvoll aufblitzen. „Es ist ganz klar, dass Sie dem Jungen das Herz gebrochen haben.“
„Wir sind befreundet“, betont sie fest.
„Ja, sag ich doch“, lächelt der Kollege. Wieder ernst richtet er sich an seinen Vorgesetzten. „Diese junge Polizistin ist absolut in der Lage, ihre Arbeit zu leisten. Davon bin ich überzeugt!“
„Also gut“, gibt Björn Klostermann mürrisch nach. „Dann beginnen wir. Oder hat noch jemand Einwände?“
Durchweg alle schütteln den Kopf, sodass der leitende Hauptkommissar mit seinem Bericht beginnt: „Also, zur Sachlage. In den letzten zwölf Monaten sind wir immer wieder auf junge Frauen gestoßen, die sich mit Sicherheit illegal hier aufhalten. Sie sprechen kein Wort Deutsch. Auch mit Englisch kommen wir nicht viel weiter. Diese Frauen sind, wenn sie Glück haben, gerade einmal volljährig. Sie kommen aus Kambodscha, Laos, Thailand oder Vietnam. Keine kann uns sagen oder will es nicht sagen, wie sie hierherkommt. Wenn die Betreiber der einschlägigen Lokale behaupten, dass die Mädchen freiwillig bei ihnen angeheuert haben, stimmen diese ihm zu.“
„Das ist anscheinend überall gleich. In unserem Rotlichtmilieu sieht das ganz genauso aus“, pflichtet Mark Sievers ihm bei.
„Wenn sie illegal hier sind, warum werden sie dann nicht nach Hause geschickt?“, hakt Emma nach.
„Das ist leider gar nicht so einfach. Die neue Masche dieser Zuhälter macht uns einen dicken Strich durch die Rechnung. Diese Frauen haben alle eine gültige Heiratsurkunde.“
„Demnach sind sie nicht mehr illegal in unserem Land. Reden wir hier von Zwangsverheiratung?“
„Keine Ahnung. Die Papiere sind auf jeden Fall echt. Die Überprüfungen ergeben immer wieder, dass es den passenden Ehemann gibt. Sie sind bei ihren Männern gemeldet und leben auch dort. Wir konnten bisher auch nicht nachweisen, ob die Männer an den Machenschaften der Zuhälter beteiligt sind.“
„Glauben Sie, es besteht ein Zusammenhang zwischen den Mädchen dieser Zuhälter und den toten Frauen, die Sie gefunden haben?“
„Das denke ich nicht. Zuhälter achten auf ihre Mädchen, schließlich wollen sie durch sie eine Menge Geld verdienen. Wir finden öfter die eine oder andere, die Verletzungen durch einen Freier davongetragen hat. Doch im Normalfall sorgen ihre Zuhälter für die ärztliche Versorgung. Tote Frauen bringen kein Geld ein.“
Markus Goldschmidt reicht die Aufnahmen der toten Mädchen und die Tatortfotos herum. „Diese Frauen haben wir zuvor nirgendwo gesehen. Auch die Kollegen des Zolls konnten uns nicht weiterhelfen. Vermisstenmeldungen gibt es keine. Erkennungsdienstlich sind sie nicht erfasst.“
Björn Klostermann beobachtet Emma dabei, wie sie sich eins der Bilder schnappt, um es ausgiebig zu betrachten. Zufrieden stellt er fest, dass sie sich nicht von dem grauenvollen Zustand der Leichen ablenken lässt, sondern auch die Fotos der anderen Mädchen intensiv ansieht.
„Diese Mädchen wurden nicht einfach nur verprügelt“, stellt sie fest. „Sie wurden systematisch totgeschlagen. Das waren keine Zuhälter. Die schlagen höchstens ein- bis zweimal zu, um zu bestrafen. Das hier ging über Stunden. Man kann es an den Verfärbungen gut erkennen. Diese Morde geschahen zur Abschreckung.“ Emma blickt den Leiter der Duisburger Kollegen fest an. „Kann es sein, dass sich bei Ihnen ein Kartell ausbreitet? Oder es zumindest versucht?“
Björn Klostermann hätte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet diese junge Polizistin den nötigen Sachverstand aufbietet, um die gleichen Schlussfolgerungen aufzustellen, die auch er und sein Team erarbeitet haben. „Wir haben da zwei Männer im Visier, denen aber absolut nichts nachzuweisen ist“, gesteht er. „Markus!“
Von seinem Vorgesetzten aufgefordert ergreift Markus Goldschmidt eine Akte, die auf dem Tisch hinter ihm liegt. „Michail Orlow, sechsundvierzig Jahre, 1,80 Meter, blond, blaue Augen. Er ist Russe, besitzt eine Villa in Mülheim-Saarn, die er mit seiner Frau und seinem Sohn bewohnt. Seine rechte Hand ist Gabriel Kanthak, ein Deutscher, neununddreißig Jahre, 1,82 Meter, dunkelhaarig, braune Augen. Früher hat er sein Geld als Boxer verdient, dann holte Orlow ihn zu sich. Zuerst als Leibwächter, von da an hat sich der Kerl hochgearbeitet.“ Er reicht die Fotos der beiden Männer herum. „Orlow ist millionenschwer. Er besitzt eine Import-Export-Firma mit Hauptsitz in Japan. Zweigstellen gibt es in Duisburg, Amsterdam und Shanghai. In Düsseldorf unterhält er zudem einen gutgehenden Catering Service, der sich einen ausgezeichneten Ruf aufgebaut hat. Sie arbeiten viel auf Messen, Tagungen und bei Hochzeiten. Alles Firmen, die ihm auf legale Weise seinen Reichtum einbringen.“
Читать дальше