„Mehr ist auch nicht nötig. Sobald der Krankentransporter angekommen ist, machen wir uns an die Arbeit, danach geht es dir schlagartig besser. Morgen Früh kannst du hier heraus.“
Tuptim hat schon lange keinen Dienst mehr. Sie wartet nur noch auf ihre Schwester, damit sie sich gemeinsam auf den Heimweg machen können. Um ihrer Kollegin zu helfen übernimmt sie solange die Betreuung des neuen Patienten. Jetzt begibt sie sich mit Wasser und Tee bestückt in das Krankenzimmer.
Beide Männer wenden sich der eintretenden Frau zu, der Gabriel verblüfft in das Gesicht starrt. Im ersten Moment glaubt er, die junge Frau aus der Karaokebar vor sich zu haben, doch dann erkennt er, dass es sich um ein jüngeres Mädchen handelt. ‚Die beiden sind mit Sicherheit verwandt‘, denkt er. Bei der Idee, die in seinem Kopf ganz langsam Formen annimmt, muss er lächeln. ‚Das sollten wir auf jeden Fall für unsere Zwecke ausnutzen!‘
Tuptim, die sich bei der ausgiebigen Musterung des Mannes unwohl fühlt, errötet und senkt beschämt den Kopf, sodass sie das zufriedene Aufblitzen in Gabriels Augen nicht wahrnimmt.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so anstarre, aber ich habe das Gefühl, als hätte ich Sie heute Mittag schon einmal gesehen“, erklärt der Deutsche sein Verhalten.
„Wo soll das gewesen sein?“, erkundigt sich Tuptim.
„Am Ufer des Mekong in der Provinz Loei. Ich bin Antiquitätenhändler und habe dort in einer Bar einige alte Möbel gekauft, die ich mit nach Deutschland nehmen möchte.“
„Ich verstehe. Dann haben Sie wahrscheinlich meine Schwester Malee getroffen“, überlegt die junge Thailänderin. „Sie war heute mit unserer mobilen Klinik unterwegs.“
„Faszinierend. Sind alle Frauen in Ihrer Familie so schön?“
Das Mädchen errötet befangen.
Gabriel lächelt sie an. „Vergessen Sie meine Frage. Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Aber Ihrer Schwester würde ich gern sagen, wie sehr ich bewundere, welche Arbeit sie da macht. Ist sie auch hier?“
„Nein, sie ist von ihrer Fahrt noch nicht zurück. Ich erwarte sie eigentlich jeden Moment. Doch Sie werden sich bis morgen gedulden müssen. Da unsere Schicht schon lange vorbei ist, gehen wir dann sofort nach Hause. Morgen Früh sind wir wieder hier.“
„Ich verstehe. Den wohlverdienten Feierabend möchte ich Ihnen nicht verderben.“ Er wirft einen Blick auf seinen Kumpel. „Außerdem bin ich morgen auch wieder hier. Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Ich heiße Tuptim.“
„Den Namen tragen Sie wirklich zu Recht. Das heißt ‚Schönheit‘, nicht wahr?“
„Das ist richtig. Sie sprechen unsere Sprache?“
„Nur ein paar Wörter. Bis morgen, Tuptim.“ Er nickt Joseph noch einmal zu, dann verschwindet er. Für sein Vorhaben hat er alles erfahren, was er wissen muss. Schon auf dem Weg zu seinem Wagen ruft er seine Gefährten an.
Die Insassen der mobilen Klinik lassen es sich nach Beendigung ihrer Fahrt nicht nehmen, das Ehepaar Staller an ihrem Hotel abzusetzen, bevor sie die kurze Strecke zur Klinik hinter sich bringen, wo Tuptim bereits am Eingang Ausschau nach ihrer Schwester hält.
„Entschuldige, dass du so lange warten musstest“, richtet sich Malee an ihre Schwester, begibt sich aber erst einmal an das Heck des Transporters, um beim Ausladen behilflich zu sein.
„Lass uns den Rest machen“, stoppt Sarinya Panyarachun sie. „Du hast heute wirklich genug gearbeitet. Geht nach Hause.“
„Danke.“
Gut gelaunt machen sich die beiden Mädchen auf den Heimweg. Dass ihnen von der nächsten Straßenecke aus auf der anderen Seite der Straße ein Mann folgt, bemerken sie nicht. Die ganze Zeit spricht der Mann leise in sein Handy. Er gibt seinem Boss zu jeder Zeit durch, wo sich die Frauen gerade befinden. Sie biegen um die nächste Ecke auf die Tummajedee Road ein, nur um überrascht stehen zu bleiben.
Der 40-Tonner steht mitten auf der Straße, wodurch weder ein Auto noch ein Fußgänger so ohne weiteres an ihm vorbeikommt.
Die Mädchen wundern sich darüber, wie es der Fahrer geschafft hat, mit dem großen Ungetüm in diese kleine Straße einzubiegen. Neugierig betrachten sie das riesige Gefährt, während sie langsam darauf zugehen.
Allem Anschein nach hat der Mann obendrein auch noch eine Panne. Mit dem Wagenheber bewaffnet macht er sich an dem vorderen Reifen zu schaffen. Gerade als die Schwestern ihn erreichen, rutscht der Wagenheber ruckartig vom Vorderreifen ab und landet klirrend auf dem Boden.
„Aua!“ Einen Schmerzensschrei ausstoßend hält der Mann seine stark blutende Hand hoch, lehnt sich, kalkweiß im Gesicht, mit dem Rücken gegen den Lastwagen, wobei er versucht, den Schrecken zu verarbeiten.
Für die Schwestern gibt es kein Halten mehr, da unschwer zu erkennen ist, dass dieser Mann dringend Hilfe benötigt. Gemeinsam laufen sie zu dem Verletzten, der, die Mädchen erst jetzt bemerkend, erschrocken aufschaut. „Was wollen Sie von mir?“, fragt er entsetzt.
„Haben Sie keine Angst, wir helfen Ihnen.“ Malee fasst vorsichtig nach dem Arm des Mannes. Sie kann keine Verletzung erkennen, aber unterhalb des Jackenärmels läuft ihm das Blut den Arm herab. „Wir müssen Ihnen die Jacke ausziehen, sonst komme ich nicht an die Wunde heran.“
„Ja, gut“, stöhnt der Mann.
Doch ihren Entschluss in die Tat umzusetzen schafft Malee nicht mehr. Die zwei Männer, die hinter ihnen auftauchen, drücken den Thailänderinnen Tücher mit Chloroform auf Mund und Nase, bis sie aufhören, sich gegen ihre Umklammerung zu wehren und bewusstlos in den Armen der Männer zusammensacken.
„Schnell jetzt“, befiehlt Gabriel, der sich nun ebenfalls am Lastwagen einfindet.
Der angeblich verletzte Mann öffnet die Hecktüren des 40-Tonners, damit seine Kumpane die Mädchen hineinheben können, um ihnen Hände und Füße mit Kabelbindern zu fesseln. Gabriel sorgt im Anschluss dafür, dass beiden der Mund mit einem dicken Klebestreifen verschlossen wird, bevor sie die Türen wieder zusperren.
„Du schuldest mir eine neue Jacke.“ Der Fahrer des Lastwagens zieht das Kleidungsstück aus, greift nach dem dicken Plastikbeutel mit dem Blut, der auf seinem Arm befestigt ist und aus dem durch die kleinen Löcher immer wieder Blut auf seine Hand herabsickert. Zusammen mit seiner Jacke packt er den Beutel in den Müllsack, in dem sich schon der Kadaver des streunenden Hundes befindet, dem Gabriel die Kehle durchgeschnitten hat. Um den Unfall glaubhaft darzustellen, mussten sie schnellstmöglich an eine Blutkonserve kommen. Der Hund hatte das Pech, Gabriel zur passenden Zeit über den Weg zu laufen.
Der Mädchenhändler schaut sich sorgfältig um. Es ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Die wenigen an die Straße grenzenden Häuser liegen still und dunkel vor ihm. „Verschwinden wir von hier.“
Gabriels Handlangern steht nun ein gewaltiger Kraftakt bevor. Dadurch, dass er den Aufenthalt des Lastwagens in Udon Thani um gut sechs Stunden verlängert hat, fehlt ihnen die Zeit nun bei der Planung für den Rückflug, doch das sind ihm diese beiden Mädchen wert.
„Seht zu, dass ihr das Lager beizeiten erreicht und unsere Ware umpackt, damit die Container pünktlich um zehn Uhr morgen am Flughafen abgeladen werden. Ich komme mit Joseph nach“, entscheidet er.
„Geht klar, Chef. Wir fahren durch. Wenn wir uns abwechseln, sind wir in sieben Stunden noch ausreichend zum Umladen in Bangkok.“
Zufrieden macht sich Gabriel auf den Rückweg ins Hotel. Seine Männer werden sich sorgfältig um die neuen Mädchen kümmern. Dafür treffen sie früh genug mit dem Lastwagen in seinem Lager ein, wo die beiden für die Luftfracht vorbereiteten AGA-Box-Container mit einer Länge von je sechs Metern auf die restliche Zuladung warten. Die 20-Fuß-Container mit einem jeweiligen Gesamtgewicht von maximal elf Tonnen sind Eigentum des Exportgeschäfts Kanthak. Für seine spezielle Ware wurden auch diese Container einem Umbau unterzogen, der darauf ausgelegt ist, die Schmuggelware unbemerkt an den Zöllnern vorbei zu bringen. Gabriel selbst wird wie geplant am nächsten Morgen auschecken. Um zehn Uhr muss er die zwei Container in Bangkok dem Zoll vorführen, damit diese im Anschluss in das Charterflugzeug der Cargo Gesellschaft Bangkok verladen werden können. Der pünktliche Start der Maschine ist für zwölf Uhr vierzig vorgesehen. Wenn die Maschine planmäßig landet, haben seine Leute eine Dreiviertelstunde, um die Container abzuholen. Danach schließt das Zollgelände seine Tore bis zum nächsten Morgen. Auch das wäre kein unüberwindbares Problem, aber mit bedeutend mehr Aufwand verbunden.
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