Der zweiundfünfzigjährige Komalat Wangsiri führt diese Bar schon sehr lange, zudem beherbergt er Gabriel nicht zum ersten Mal. Auch heute sorgt er in aller Eile dafür, dass seine Bediensteten diesem Gast alle erdenklichen Annehmlichkeiten zukommen lassen. Obwohl zwei Räume weiter die Ärztin mit ihren Helferinnen ihrer Arbeit nachgeht, organisiert der Betreiber unbemerkt von diesen, dass dem Besucher eine Auswahl seiner schönsten Mädchen vorgeführt wird.
Recht zügig entscheidet sich Gabriel für zwei der jungen Frauen, die Wangsiri ihm vorführt. „Ist das alles, was du heute zu bieten hast?“, erkundigt er sich bei dem Betreiber.
„Ich verstehe nicht! Diese Mädchen sind ausgemachte Schönheiten. Sie werden viel Geld einbringen. Ich glaube, Sie haben ein gutes Geschäft gemacht.“
„Deine Mädchen sind gerade einmal die obere Grenze des Durchschnitts. Nicht eine von ihnen wird einen hohen Preis erzielen. Ich hatte mehr erhofft.“
„Entschuldigung, das wird nicht wieder vorkommen.“ Komalat Wangsiri verbeugt sich leicht. „Bitte haben Sie die Güte, mich bald wieder zu beehren. Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen dann bessere Qualität zur Verfügung steht.“
„Wir werden sehen. Beim nächsten Mal.“
Gabriels Männer haben sich um die neue Ware gekümmert, sodass ihrer Rückreise nichts mehr im Weg steht, doch seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Vor seinem Gastgeber tritt er aus dem Separee, wo er prompt mit Malee zusammenprallt, die mit dem Arztkoffer in Richtung Ausgang unterwegs ist.
Einen erschreckten Aufschrei ausstoßend lässt Malee den Koffer fallen. Hilfesuchend streckt sie die Arme aus, während sie sich darum bemüht, ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren.
Obwohl Gabriel sich sofort wütend zu ihr umdreht, greift er fast automatisch nach ihrem Arm, um sie festzuhalten. Statt die junge Frau wie gewollt heftig anzuschnauzen, bleibt ihm der Mund offenstehen. Fasziniert von ihrer Ausstrahlung mustert er Malee. Sie ist genau das, worauf er die ganze Zeit gehofft hat.
„Entschuldigen Sie bitte“, versucht die Krankenschwester den Mann zu besänftigen, damit er gar nicht erst wütend wird. Sie hat in diesen Kreisen schon einschlägige Erfahrungen gemacht. Doch da auch Komalat Wangsiri anwesend ist, der garantiert eingreift ehe es zu Übergriffen kommen kann, bleibt sie ruhig.
Gabriel kommt nicht dazu, ihr zu antworten, da in diesem Moment die Unternehmers-Gattin in der Tür auftaucht.
„Malee, ist alles in Ordnung?“ Beim Anblick der jungen Frau zwischen den beiden Männern tritt sie rasch näher.
„Sie?“ Fast gleichzeitig kommt der erstaunte Kommentar, als Karo und Gabriel sich wiedererkennen.
Aber auch Malee ist überrascht. „Sie kennen sich?“
„Allerdings!“ Böse betrachtet Gabriel die Unternehmers-Gattin, dann wendet er sich Malee zu, deren Hand er ganz leicht an seine Lippen hebt. „Meine Unachtsamkeit tut mir leid. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.“ Er hebt den Arztkoffer auf und reicht ihn der jungen Frau. Sein spöttischer Blick trifft auf Karolas verblüfftes Gesicht, während er der jungen Thailänderin mit der Hand den Vorrang weist.
„Danke sehr.“ Malee verneigt sich leicht verlegen, ehe sie gemeinsam mit Karola die Bar verlässt, um schleunigst zurückzufahren, denn noch haben sie drei Stunden Fahrtzeit vor sich.
Peter muss immer wieder seine Frau anschauen, die gedankenverloren vor sich hin grübelt. ‚Irgendetwas beschäftigt sie.‘ Er nimmt sich vor, Karola bei der erstbesten Gelegenheit, in der sie allein sind, darauf anzusprechen.
Inzwischen wendet sich Gabriel an den Betreiber der Karaokebar. „Hattest du nicht gesagt, dass du mir alle Mädchen gezeigt hast?“
„Das habe ich auch. Diese Frauen arbeiten nicht bei mir.“
„Was haben sie dann hier zu suchen?“ Aus irgendeinem Grund behagt es ihm nicht, dass diese Europäerin ihn in der Bar gesehen hat. Er kann förmlich spüren, dass das Ärger bedeutet.
„Diese Frauen arbeiten im Hospital von Udon Thani. Sie kommen öfter hier vorbei. Die Mädchen werden von ihnen medizinisch betreut. Sie wissen schon, Frauenleiden, Krankheiten, so etwas eben. Sie behandeln auch die Verletzungen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wir haben eine Art Abkommen getroffen. Solange sie mir nicht ins Geschäft pfuschen, können sie meine Mädchen sehen und bei Bedarf behandeln. Außerdem stehen sie nicht nur unter meinem Schutz“, wagt sich Komalat Wangsiri seinen Gast zu warnen.
„Ich verstehe. Da kann man nichts machen.“ Gabriel verabschiedet sich eilends.
„Was ist los, Boss?“, wird er von seinem zweiten Mann Joseph Klinker empfangen.
„Das erkläre ich dir unterwegs. Schick den Lastwagen nach Udon Thani. Wir brauchen ihn heute noch. Die beiden sollen sich einen ruhigen Platz suchen, an dem sie nicht auffallen. Wir beide fahren jetzt dorthin ins Krankenhaus.“
„Warum denn das?“
Gabriel klopft Joseph auf die Schulter. „Weil es dir, mein Freund, furchtbar schlecht geht. Was hast du nur wieder angestellt?“
Irritiert mustert der Mann seinen Boss, der fast fröhlich aussieht. Noch kann er sich keinen Reim auf dessen Gedanken machen. Er ist gespannt, mit welcher Idee sein Befehlshaber gleich herausrücken wird. Noch vor dem Transporter erreichen sie Udon Thani. Bis sie an dem Krankenhaus ankommen hat sein Boss ihn ausreichend in seinen Plan eingeweiht. Da sein Begleiter von ihm vorsorglich gestützt wird, sich stöhnend zusammenkrümmt und zudem den Bauch hält, eilt sofort eine Krankenschwester auf die beiden zu.
„Was ist denn passiert?“, erkundigt sie sich freundlich.
„Meinem Freund geht es nicht gut. Das fing kurz nach dem Mittagessen an, wurde aber immer schlimmer statt wieder aufzuhören.“ Gabriel hat keine Probleme damit, seine Ziele auf jede erdenkliche Art zu erreichen. Wenn es dazu nötig ist, seinem eigenen Mann mit zwei kräftigen Faustschlägen in den Magen zu dem angeschlagenen Zustand zu verhelfen, der dem Arzt eine glaubhafte Begründung für dessen Erkrankung darstellt, ist er dazu gern bereit, auch wenn Joseph ihn wütend anstarrt, während er seinen schmerzenden Magen mit beiden Händen umfasst.
„Dann sollten wir schnellstens einen Arzt zu Rate ziehen“, empfiehlt die Krankenschwester. „Einen Augenblick, bitte.“ Die junge Frau wendet sich ab, um nach ein paar Schritten den an der Wand abgestellten Rollstuhl zu ergreifen, mit dem sie eilig zu den Neuankömmlingen zurückkehrt. Gemeinsam mit Gabriel platziert sie den angeblich Kranken in dem Stuhl, um ihm so das weitere Laufen zu ersparen. „Bitte, kommen Sie mit“, fordert die Krankenschwester Gabriel auf. Vor den Behandlungsräumen muss er warten, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind.
Im Anschluss daran gesellt sich der Arzt zu ihm. „Herr Kanthak? Ich bin Doktor Churai Luang.“
Gabriel ergreift die dargebotene Hand, erkundigt sich aber sofort besorgt nach seinem Begleiter. „Wie geht es meinem Freund?“
„Ich glaube nicht, dass Sie sich viele Sorgen machen müssen. Es wird ihm bald besser gehen. Trotzdem würde ich ihn gern über Nacht hierbehalten. Herr Klinker ist damit einverstanden. Er wird gerade von der Krankenschwester in sein Zimmer gebracht. Sie wird Sie gleich zu ihm führen.“
Gabriel frohlockt innerlich, da sein Plan aufzugehen scheint. „Das ist sehr freundlich. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Doktor.“
„Dafür sind wir doch da.“ Der Arzt lächelt ihm zu, bevor er Gabriel allein lässt.
Es dauert keine fünf Minuten, bis er zu Joseph darf, der bequem in seinem Krankenbett liegt. Als er seinen eintretenden Boss erkennt, blickt er diesem erbost entgegen. „Musste das sein?“
„Ja. So elend, wie du aussahst, haben dir alle geglaubt.“
„Kein Wunder!“, schnauzt Joseph. „Dafür darf ich mich heute Nacht ausruhen und die anderen meine Arbeit machen lassen. Das hast du nun davon! Aber wehe, die fangen an mich aufzuschneiden.“ Er hält seinen Arm mit dem Zugang für den Tropf hoch. „Das ist das Äußerste, das ich zulasse.“
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