„Wieso ist er dann auf Ihrem Radar aufgetaucht?“, forscht Ludwig Gessner nach.
„Kanthak reist sehr viel. Er ist Antiquitätenhändler mit mehreren gutgehenden Geschäften in Duisburg und Essen. Er holt sich seine Ware aus der ganzen Welt. Hauptsächlich reist er nach Thailand und Japan. Wir haben seine Lieferungen schon mehrfach durch Mitarbeiter des Zolls untersuchen lassen. Alles legal! Außerdem transportiert er seine Fundstücke per Luftfracht, in 20-Fuß-Containern3, deklariert als wertvollste Ladung. Sollten die Mädchen in seinen Containern versteckt sein, würden sie den Flug in extremer Höhe nicht überleben. Die tiefen Temperaturen und der mangelnde Sauerstoff würden dafür sorgen, dass niemand lebend aus den Containern aussteigt. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum die Zöllner ihn nur oberflächlich untersuchen. Die Waren sind ordnungsgemäß angemeldet und die Drogenhunde werden nicht fündig.“
Björn Klostermann ergänzt die Ausführungen seines Kollegen. „Bei Orlow sieht das schon anders aus. Er handelt mit allem, was ihm Geld einbringt, angefangen bei Toilettenpapier über Bekleidung und Medikamente bis hin zu Pflanzen und Tieren. Alles legal und ordnungsgemäß angemeldet. Seine Firma transportiert die Waren ebenfalls in 20-Fuß-Containern, die im Duisburger Hafen landen. Aber auch dort sind wir nie fündig geworden.“
„Sie vermuten also, dass er die Mädchen per Container schmuggelt? Wie oft wird er von Ihnen kontrolliert?“, hakt jetzt auch Benedikt Steigert aus Emmas Team nach.
„So oft wie möglich. Das machen die Kollegen von der Zollfahndung noch auf dem Zollgelände vor der Abholung. Unregelmäßig und ohne Vorwarnung.“
Alle schauen still auf die Unterlagen vor sich. Keiner hat eine Idee, wie sie vorgehen sollen.
Emma beteiligt sich schon eine Weile nicht mehr an den Gesprächen, sondern hört ihren Kollegen kommentarlos zu, während sie in Gedanken die möglichen Abläufe für einen Schmuggel durch die beiden aufgezeigten Männer durchgeht. Nachdenklich dreht sie das Foto, das sie immer noch in ihren Händen hält, hin und her, bis sie plötzlich stutzt. Sie greift sich ein weiteres Foto, danach noch eins.
„Ist irgendetwas?“, erkundigt sich Björn Klostermann bei der Kriminalbeamtin, als er auf ihr Handeln aufmerksam wird.
„Orlow. Das bedeutet Adler“, antwortet Emma überlegend.
Überrascht schaut der Duisburger Leiter die junge Frau an. „Sie sprechen Russisch?“
„Nur ein wenig.“ Sie lässt ihre Augen über die Kollegen wandern. „Ist niemandem von Ihnen das Tattoo aufgefallen, das alle Mädchen auf der rechten Schulter tragen? Es ist ein Adler.“
Alle Anwesenden greifen erstaunt nach den Fotos, während Emma weiterspricht: „Ich glaube schon, dass Sie auf der richtigen Spur sind. Allerdings haben wir es hier mit zwei unabhängigen Prozessen zu tun. Der erste sind die Mädchen, die auf Ihrem Straßenstrich auftauchen. Sie werden von ihren Zuhältern mit Männern verheiratet, die denen zuarbeiten. Das ist die eine Sache. Der andere ist dieses Kartell, das den Zuhältern die Mädchen besorgt. Diesen Kerlen müssen wir schnellstens auf die Schliche kommen. Wie schmuggeln sie die Mädchen ins Land? Wo werden sie verkauft? Und an wen? Diese Fragen gilt es zu klären.“
„Ich stimme gänzlich mit Ihnen überein“, nickt Björn Klostermann. „Haben Sie auch eine Idee, wie wir das machen?“
„Zumindest, wie wir anfangen können.“ Emma schnappt sich einen der Maker, die überall auf dem Tisch herumliegen, tritt an ein Flip-Chart und beginnt ihren Plan zu skizzieren. „Gehen wir einmal davon aus, dass sowohl Seefracht als auch Luftfracht für den Schmuggel genutzt werden. Sogar Routen per Zug sollten wir in Betrachtung ziehen.“
„Warum denn das?“, will Walter Ruhrtal aus dem Duisburger Team wissen. „Es sind ausschließlich Seefrachtcontainer, die Orlow für seine Waren benutzt.“
„Schon möglich“, stimmt Emma ihm zu. „Aber ich denke, er wird die Container nicht den ganzen Weg per Seefracht befördern.“
„Warum stellen Sie diese Behauptung auf?“, verhört sie Björn Klostermann.
„Ganz einfach. Eine reine Route per Seeverschiffung dauert bis zu sechs Wochen. So lange bleiben die Mädchen garantiert nicht ruhig. Ohne Nahrung und ausreichend Flüssigkeit würden sie die lange Zeit zudem kaum lebend überstehen. Obendrein sind die Kontrollen in den asiatischen Häfen bedeutend strenger als bei den Frachtflügen.“
„Du hast sicher Recht“, bestätigt Mark ihr. „Aber wie macht er es dann deiner Meinung nach?“
„Ganz sicher bin ich mir da noch nicht, aber ich denke, seine Standorte haben damit zu tun. Wie war das noch? Gestartet wird in Japan. Richtig?“ Sie wartet die Bestätigung nicht ab. „Von Japan geht es nach Shanghai. Vermutlich per Flug. Wie lange wird das dauern? Circa drei Stunden schätze ich.“ Das allgemeine zustimmende Nicken lässt sie ohne Verzögerung weitermachen: „In den Zweigstellen hat er unter Garantie die passenden Leute sitzen, um die Container und deren Inhalt im Auge zu behalten. Von Shanghai bis Amsterdam ist ebenfalls ein Flug die schnellste Verbindung. Ich habe keine Ahnung wie lang die brauchen, vielleicht zwölf bis dreizehn Stunden. Eine solche Zeit könnten die Frauen mit den richtigen Medikamenten durchaus verschlafen. Oder?“
„Das sollten wir wirklich überprüfen“, wirft Markus Goldschmidt ein.
„Dann überprüfen Sie bitte auch gleich, wo Orlows Ware, die in Duisburg per Containerschiff ankommt, verladen wurde. Ich tippe auf Amsterdam.“
„Warum denn so umständlich?“, staunt Björn Klostermann.
„Täuschung!“, erklärt Emma. „Überlegen Sie einmal, wie viele Papiere die Kontrolleure bei einer Schiffslöschung zu sichten haben. Glauben Sie, die sehen sich jedes Stück Papier akribisch an? Wohl kaum. Schon gar nicht, wenn sie wissen, dass der Container bereits vor Reiseantritt durchsucht wurde. Sie sehen die Verladestelle Japan und die Ankunft in Duisburg, wodurch sie von einer wochenlangen Reise ausgehen. Keiner käme auf die Idee nach geschmuggelten Menschen zu suchen.“
„Ich tendiere dazu Ihnen zuzustimmen“, gesteht Björn Klostermann. „Die Container landen anschließend im Zollgelände des Duisburger Hafens, von wo sie mit Sicherheit umgehend abgeholt werden.“
„Dann müssen wir die Container zu hundert Prozent kontrollieren. Ich schätze, dass für den reibungslosen Ablauf Gabriel Kanthak zuständig ist. Orlow wird sich garantiert nicht selbst die Finger schmutzig machen.“
„Damit liegst du bestimmt nicht daneben“, pflichtet Mark ihr bei.
„Also müssen wir Kanthak im Auge behalten. Am besten stellen wir ein paar Kollegen ab, die ihn rund um die Uhr beschatten. Auch Orlow darf uns nicht durch die Lappen gehen. Aber wenn wir seinen Partner kriegen, wird er uns garantiert zu seinem Boss führen. Dieses Tattoo zeigt uns, wie arrogant der Mann ist. Er ist so von sich eingenommen, dass er sogar auf den Mädchen, die er verkauft, seine Signatur hinterlässt. So können wir ihm die verkauften Frauen zuordnen. Das wird ihm hoffentlich bald das Genick brechen. Sollten Sie Kontrollen machen, suchen Sie nach diesem Tattoo. Aber möglichst unauffällig.“
„Das ist eine sehr gute Idee.“ Björn Klostermann ist begeistert. ‚Die Beamtin leistet wirklich gute Arbeit‘, erkennt er. ‚Sie hat einen ausgeprägten Spürsinn.‘
Emma wendet sich an die Duisburger Kollegen: „Sind in letzter Zeit neue Container angekommen?“
Der siebenunddreißigjährige Walter Ruhrtal meldet sich zu Wort: „Nein, aber morgen Früh soll eine größere Ladung hier in Duisburg im Containerhafen ankommen. Das Frachtschiff transportiert insgesamt zwölf Container von Orlow mit Bekleidung und Importware aus Japan. Sie stehen für morgen Früh um drei Uhr zur Löschung auf dem Plan.“
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