Um es konkreter auszudrücken: Wenn wir uns geliebt und sicher fühlen, entstehen neuronale Schaltkreise, die uns genau das empfinden lassen, und so entwickeln wir Neugier und Lerneifer. Fühlen wir uns dagegen ängstlich und allein, bilden sich Schaltkreise und Netzwerke, die uns ständig Gefühle von Angst und Einsamkeit verschaffen. Als Baby und Kleinkind lernen wir von der Welt um uns herum: Wir ahmen sie nach. Hier bilden sich die limbischen Strukturen heraus, die mit Emotionen und Gedächtnis zu tun haben. Diese Strukturen verändern sich während des ganzen Lebens infolge von – guten oder schlechten – einschneidenden Erlebnissen und Erfahrungen.
Unser emotionales Gehirn, das limbische System, liegt im Herzen des Nervensystems und hat die wichtige Aufgabe, für unser Wohlbefinden zu sorgen. Wenn Gefahr droht, aber auch, wenn vielleicht die Liebe unseres Lebens vor uns steht, bilden wir in Bruchteilen von Sekunden Hormone. Diese Substanzen bringen uns dazu, wegzulaufen, anzugreifen oder zu erstarren, oder – im Fall der großen Liebe – sexuelle Erregung zu empfinden und dem anderen ganz nah sein zu wollen. Bis vor Kurzem wusste man nicht, dass diese Stoffe höchst süchtig machen können.
Wie bereits erwähnt, merkt sich der Körper alles, die negativen wie auch die positiven Erfahrungen. Die dabei entstehenden Hormone lösen innere Empfindungen aus und sorgen dafür, dass unsere Aufmerksamkeit sofort zur betreffenden Stelle gelenkt wird. Es gibt kein Entkommen. Körperlich und geistig können wir also von einem Augenblick zum anderen in eine komplett andere Richtung geschickt werden und völlig falsche oder auch wunderbar gute Entscheidungen treffen.
Das emotionale Gehirn zieht leider oft übereilte Schlüsse. Das liegt daran, dass die ankommenden Informationen undifferenziert beurteilt werden: Das vorprogrammierte Netzwerk aus Fliehen, Kämpfen oder Erstarren ist der einzige Weg aus der Situation. Diese automatischen, unbewusste Reaktionen unseres Körpers werden ohne Überlegung oder Planung aktiviert. Das limbische Gehirn arbeitet schneller als das rationale, kognitive Gehirn – der Neocortex –, der jüngste Teil in der Evolution des Menschen.
Der Neocortexist unser ›Office Manager‹ und vor allem mit unserer Umwelt beschäftigt. Er will verstehen, wie die Dinge funktionieren, legt die Reihenfolge unserer Handlungen fest, weiß, wo wir hinmüssen und wie wir dorthin kommen.
Dieser Teil ist darauf programmiert, komplexe Handlungen auszuführen und zu beurteilen. Von unserem zweiten Lebensjahr an entwickeln sich die Stirnlappen, der präfrontale Cortex, die den größten Teil des Neocortex ausmachen. Erst nach dem 26. Lebensjahr sind sie voll entwickelt. Diese Stirnlappen unterscheiden uns vom Tierreich. Sie ermöglichen es uns, abstrakt zu denken, Sprache und Symbole zu verwenden, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu deuten, aber auch, Zusammenhänge herzustellen – dies macht unser Leben als Mensch so einzigartig. Neurowissenschaftler sprechen vom ›Sitz der Seele‹, oder auch vom ›Regisseur unseres Lebens‹. Die Stirnlappen versetzen uns in die Lage, uns ein Bild von der Zukunft zu machen, von dem aus wir die Wirklichkeit lenken und beeinflussen können. Sie sorgen für einen Überblick über unser Denken, Tun und Fühlen und dafür, dass wir uns ihrer bewusst sind und sie reflektieren können. Hier sitzen der Ursprung der Kreativität und auch die Empathiefähigkeit.
In den Stirnlappen befinden sich die Zellen, die unsere Spiegelneuronen bilden. Ein Spiegelneuron ist eine Nervenzelle, die das Verhalten, den Gemütszustand und die Absichten anderer Menschen wahrnimmt, speichert und bei Bedarf wiedergibt oder imitiert. Gut funktionierende Stirnlappen sind daher entscheidend, wenn wir intime und harmonische Beziehungen führen wollen.
Bei einer traumatischen Erfahrung wird der Stirnlappen, der präfrontale Cortex, als Reaktion auf eine Gefahr ausgeschaltet. Dadurch verliert er die Fähigkeit, relevante Informationen von irrelevanten zu unterscheiden. Je stärker das emotionale Gehirn reagiert, desto schwerer fällt es dem rationalen Gehirn, diesen Vorgang zu steuern. Das Gehirn ist ständig damit beschäftigt, eine angemessene Reaktion auf die Gefahr zu organisieren. Die fünf Sinne verschaffen ihm dabei die nötigen Informationen. Die Augen sehen, die Ohren hören, die Nase riecht, der Mund schmeckt, die Haut fühlt.
Diese Informationen gelangen über den Thalamus in das limbische System. Der Thalamus vermischt sie und gibt die Wahrnehmungen in zwei Richtungen weiter: an die Amygdala (die Alarmzentrale) tief im limbischen Gehirn und an den Stirnlappen. Der Weg zur Amygdala ist der schnellere, der Weg zum Stirnlappen dauert etwas länger.
Es geht dabei lediglich um einen Unterschied von Millisekunden, dennoch ist die Amygdala das erste Warnsystem. Ihre primäre Funktion besteht darin, festzustellen, ob eine Information Gefahr bedeutet oder nicht. Werden wir diese Situation überleben oder nicht? Nimmt die Amygdala eine drohende Gefahr wahr, sendet sie sofort ein Signal an den Hypothalamus und den Hirnstamm.
Das Stresshormonsystem und das autonome Nervensystem werden aufgefordert, körperliche Reaktionen in Gang zu setzen. Da die Amygdala die Informationen schneller verarbeitet als die Stirnlappen, trifft sie eine Entscheidung, bevor uns bewusst wird, was tatsächlich vorgeht. Es kann sogar sein, dass der Körper schon voll in Aktion ist, bevor wir richtig verstehen, was los ist. Die Signale der Amygdala sorgen für einen erhöhten Ausstoß der starken Stresshormone Cortisol und Adrenalin. Diese beeinflussen die Geschwindigkeit von Atmung und Herzschlag ebenso wie den Blutdruck. Dies geschieht zur Vorbereitung des Körpers auf Kampf oder Flucht.
Wenn sich zeigt, dass doch keine Gefahr besteht oder die Gefahr vorüber ist, kehrt der Körper schnell in seinen normalen Zustand zurück. Ist das nicht der Fall, arbeitet er in diesem Modus Operandi weiter, was sehr ermüdend und energieaufwendig ist. Letzten Endes kann der Körper dadurch ausbrennen. Das nennen wir dann Burnout.
Traumatische Ereignisse können unsere Fähigkeit, Gefahr und Sicherheit richtig einzuschätzen, schwer stören. Es kommt gewissermaßen zu einem Defekt im Überwachungssystem. Der Alarm schaltet sich zum falschen Zeitpunkt ein, meist viel zu früh. Das kann zu heiklen Situationen führen. So werden beispielsweise harmlose Ereignisse mächtig aufgeblasen, Scherze oder bestimmte Gesichtsausdrücke völlig falsch interpretiert, worauf Wutausbrüche und Weinkrämpfe folgen können. All das kann zu Isolation und Entfremdung führen. Stresshormone schaffen negative Emotionen, darunter Scham, Machtlosigkeit, Wut, Frustration, Unsicherheit, Schmerz, Hass, Trauer, Leid, Depression, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit.
Traumatische Erinnerungen werden anders gebildet und gespeichert als alltägliche Erinnerungen. Was geschieht eigentlich, wenn wir ein Trauma erleben und das Gehirn es nicht verarbeiten kann?
Einfach ausgedrückt, kann der Thalamus nicht alle Informationen annehmen und das Gehirn speichert nur einen Teil dessen, was geschehen ist. Traumatisierte Menschen erinnern sich meist nicht an das vollständige Erlebnis, sondern nur an spezifische Bilder, Geräusche und körperliche Empfindungen ohne Kontext. Bestimmte Gefühle wirken, durch die Funktion des impliziten Erinnerungssystems im Gehirn, als Trigger aus der Vergangenheit. Schließlich ist das Gehirn so verdrahtet, dass es anzeigt, was sicher und was gefährlich ist. In meinem impliziten Erinnerungssystem war die Verdrahtung auf Angst, Gefahr und Unsicherheit ausgerichtet.
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