Vor über 50 Jahren war diese Praxis noch völlig normal. Niemand beachtete damals die Auswirkungen auf die persönliche Entwicklung eines Kindes. Die Entwicklungspsychologie steckte noch in den Kinderschuhen. Es fehlte an der Erkenntnis, dass für die Entwicklung eines Kindes das Erleben von Vertrauen und Sicherheit im ersten Lebensjahr entscheidend ist. Von psychischem Trauma war keine Rede, schon gar nicht von einer (chronischen) Stressreaktion.
Die Ärzte sagten meiner Mutter, dass ich mich später an nichts mehr erinnern würde! Babys denken schließlich nicht nach und haben keine bewusste Erinnerung an Schmerzen. Das wurde damals zwar behauptet, aber heute wissen wir, dass durch frühe Erfahrungen wie diese das Nervensystem anders ausgerichtet wird. Das Baby, das ich vorher war, existierte nach diesem Krankenhausaufenthalt nicht mehr. Alle Erfahrungen und Erinnerungen an diesen Zeitraum sind allerdings erhalten geblieben: in meinem limbischen Gehirn – dem wortlosen Teil –, in meinem Herzen und in meinem Körper.
Trotz der Erkenntnisse, die ich im Lauf meines Lebens über mein erstes Lebensjahr gewann, merkte ich nach dem Verlust meines zweiten Mannes, dass mein rationales Gehirn nicht in der Lage war, meine Emotionen und meine chaotischen Gedanken anzuhalten. Die Essenz dessen, was mit mir los war, konnte ich nicht in Worte fassen. Es schien, als ob ich in einer Wirklichkeit lebte, die nicht zum tatsächlichen, alltäglichen Leben passte. Ich entfremdete mich von mir und meiner Umgebung. Es schien, als ob ich ›irgendwo‹ feststeckte und nicht wusste, wie ich ›dort‹ wieder wegkonnte. Dieser Zustand verzehrte viel Energie und das ging auf Kosten meines täglichen Lebens.
Im Nachhinein weiß ich, dass das Alarmsystem, das ich in meinem ersten Lebensjahr angelegt hatte, weiterhin scharfgeschaltet war und ich es nicht einfach ausschalten konnte. Es gelang mir nicht, mich in Sicherheit zu bringen. Die Situation war vor langer Zeit entstanden. Das Unterbewusste wurde jetzt bewusst.
Die wichtigste Aufgabe des Gehirns besteht darin, für unser Überleben zu sorgen. Unser Gehirn besteht aus einem komplexen Netzwerk miteinander verbundener Teile, die uns helfen zu überleben und zu wachsen. Sie sind so programmiert, dass sie hervorragend zusammenarbeiten. Traumatischer Stress kann jeden dieser Teile beeinflussen und dazu führen, dass Emotionen das rational denkende Gehirn vollkommen übernehmen. Wir können dann zwar rufen: »Jetzt sei doch mal normal!«, aber das funktioniert nicht. Im Gegenteil, das Alarmsystem schaltet dann eher noch einen Gang höher. Das ist vergleichbar mit einem Autofahrer, der seinen Sicherheitsgurt nicht angelegt hat und trotz ohrenbetäubendem Warnsignal einfach weiterfährt, ohne sich anzuschnallen.
Es gibt drei Arten von Stress, die den Körper aus dem Gleichgewicht bringen können.
1 Körperlicher Stress: Unfälle, Verletzungen, Zerrungen, Stürze, Knochenbrüche, Erschöpfung, Schusswunden, Vergewaltigung, Misshandlung
2 Chemischer Stress: Verschmutzung, Viren und Bakterien, Gifte, Pestizide, Schwermetalle, Schadstoffe wie Asbest, Aspartam oder Hormone in der Nahrung
3 Emotionaler Stress: Verlust von Angehörigen, Gesundheit oder Arbeitsplatz, häusliche Gewalt, schlechte Beziehungen, kranke Kinder, Familientragödien, Vergewaltigung
Die Evolution hat uns Menschen ein besonderes Geschenk gemacht: ein Alarmsystem, das automatisch darauf programmiert ist, zu kämpfen, zu flüchten oder zu erstarren.
Die Nerven und chemischen Botenstoffe des Gehirns stehen in direkter Verbindung mit dem Körper. Um zu verstehen, wie das funktioniert, muss man wissen, dass das Gehirn aus drei Teilen besteht, die als großes Ganzes zusammenarbeiten. Man könnte sagen, das Gehirn funktioniert wie ein Orchester. Wir haben nicht drei separate, unabhängige Kontrollzentren (Neocortex, limbisches System, Kleinhirn), sondern ein fest miteinander verbundenes, voneinander abhängiges System.
Das primitive Gehirn(auch Reptiliengehirn oder Kleinhirngenannt) ist im evolutionären Sinn der älteste Teil. Es entwickelt sich im fötalen Stadium und ist schon bei der Geburt aktiv. Angesiedelt ist es im Hirnstamm, dicht über der Stelle, wo das Rückgrat beginnt und mit dem Schädel verbunden ist. Es versetzt das Baby in die Lage zu atmen, zu weinen, zu essen, zu schlafen und aufzuwachen, Kälte und Wärme wahrzunehmen, zu verdauen und auszuscheiden.
Dicht über dem Reptiliengehirn liegt der Hypothalamus. Beide zusammen nennt man das Kleinhirn und sie regeln das Energieniveau im Körper. Die Funktion von Herz und Lungen, das Hormonsystem und das Immunsystem werden durch diese Zusammenarbeit koordiniert. Gemeinsam sorgen sie für das Gleichgewicht in unserem Körper. Der medizinische Fachbegriff dafür heißt Homöostase. Alles, was von außen oder innen dieses Gleichgewicht stört, beeinflusst damit direkt dieses System.
Viele psychische Probleme sind mit körperlichen Beschwerden verbunden, die mit Schlafen, Essen und Berühren zusammenhängen. Dazu gehören zum Beispiel ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, Schlaflosigkeit oder übermäßiger Schlaf, eine zu träge oder zu schnelle Verdauung, ein unveränderliches Hunger- oder Sättigungsgefühl, die Abwehr von körperlicher Berührung oder ein fehlendes Empfinden für Intimität oder Zärtlichkeit.
Das limbische Gehirnliegt direkt über dem Reptiliengehirn. Diesen Teil nennt man das Säugetiergehirn. Alle Wesen auf der Erde, die ihre Jungen säugen und versorgen und in Gruppen leben, haben dieses Gehirn.
Die Entwicklung des limbischen Gehirns beginnt bei der Geburt und setzt sich bis zum sechsten Lebensjahr fort. Danach entwickelt es sich auf eine Art und Weise, die wir ›gebrauchsabhängig‹ nennen können. Dieses Gehirn ist der Sitz der Emotionen und des Messinstruments, das Gefahren wahrnimmt, Erfahrungen als angenehm oder unangenehm einordnet und bestimmt, ob wir ängstlich oder nervös werden. Auch, wie wir mit unserer Umgebung umgehen, mit wichtigen Bezugspersonen und dem, was für unser Überleben wichtig ist, wird hier festgelegt.
Das limbische System bildet einen Teil der Persönlichkeit. Es wird auf der Basis von genetischer Veranlagung geformt, aber auch in Reaktion auf unsere Erlebnisse. Unsere Erfahrungen als Fötus, Baby und Kleinkind schaffen gemeinsam die Basis für unsere Wahrnehmung der Welt.
Wie funktioniert dieses limbische Gehirn? Bessel van der Kolk beschreibt in seinem Buch Verkörperter Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann2 , dass Neuronen (Nervenzellen), die gemeinsam feuern, sich miteinander zu neuronalen Netzwerken verbinden. So entsteht ein Schaltkreis, ein Muster von Leitungen. Wenn dieser Kreislauf wiederholt aktiviert wird, wächst ein emotionales Reaktionsmuster, das zu unserer ›Standardeinstellung‹ wird. Es ist die Verdrahtung für unser Leben.
Seit meinem Krankenhausaufenthalt als Baby war meine Standardeinstellung Angst und Unsicherheit, und das machte aus mir später ein unsicheres, ängstliches Kind.
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