Während meines Studiums und durch meine Arbeit als Psychologin und Beziehungs- und Familientherapeutin (Systemtherapeutin) hatte ich theoretisches Wissen über psychische Vorgänge nach Trauma und Verlust erworben. Im Gedankengut der modernen Psychologie und Psychiatrie fand ich allerdings zu wenig therapeutische Optionen, selbstregulierende oder kreative Behandlungsformen. Mir fehlten Empathie und ein grundlegendes Verständnis der Auswirkungen von überwältigenden Verlusterfahrungen auf Gesundheit und Wohlbefinden.
Was sollte ich mit all dem psychologischen Wissen anfangen, als mein eigenes Herz durch den Schmerz eines schweren Verlustes, dem Suizid meines Mannes, explodierte? Durch einen Schmerz, der bis in die Tiefen meiner DNA vordrang und der mein Herz, mein Gehirn und auch meinen Körper ernsthaft verletzte?
Um nach vorne gerichtet leben und die Verletzungen in meinem Herz, meinem Gehirn und meinen Körper heilen zu können, erwiesen sich mein psychologisches Wissen und meine Erfahrungen als Therapeutin als unzureichend. Ich machte mich auf die Suche nach einem positiven Ansatz für die Heilung von Trauma und Verlust. Das scheint vielen Kollegen in meinem Fachgebiet ein Widerspruch in sich zu sein, da sie sich kaum vorstellen können, wie positive Psychologie mit den unangenehmen Folgen eines emotionalen und psychischen Traumas umgehen soll. Meine Antwort lautet, dass die Heilung von Traumata und emotionalem Stress geradezu danach verlangt, gezielt die andere Seite der menschlichen Existenz zu betrachten: Liebe, Wohlbefinden, Durchhaltevermögen, Selbstheilung und Resilienz.
Aus dieser verbindenden Perspektive heraus versuche ich, in diesem Buch eine Antwort auf Fragen zu geben wie:
Wie überwinden Menschen stressbeladene Lebensereignisse?
Wie verändert Trauma die Persönlichkeit?
Wie geben traumatisierte Menschen ihrem Leben einen neuen Sinn?
Was hilft ihnen bei der Transformation zu einem neuen Selbst?
Wie konditionieren wir den verletzten Körper und Geist neu?
Wenn wir die Spuren von Trauma und Verlusterfahrungen und dadurch auch den emotionalen Schmerz und Stress heilen wollen, sind in meiner Herangehensweise vier Bereiche von Bedeutung. Sie ziehen sich als roter Faden durch dieses Buch und ich stelle sie hier kurz vor.
Der erste Bereich: die Kraft der eigenen inneren Psychologie kennenlernen
Sich selbst zu beobachten wird in den Neurowissenschaften ›Metakognition‹ genannt. Der Ausgangspunkt dafür ist, dass du wahrnehmen kannst, was du denkst und fühlst und wie du handelst. Diese innere Architektur von Denken, Handeln und Fühlen ist bei jedem von uns einzigartig, auch wenn du in derselben Familie, im selben Land, in derselben Gesellschaftsschicht oder Kultur aufgewachsen bist.
Genau wie die physische DNA hat auch die Psyche eine unverwechselbare Blaupause und diese bestimmt deine Persönlichkeit. Indem du deine Gedanken, Emotionen und Handlungen untersuchst, lernst du dich selber besser kennen und verstehen, und es kann zu einer Transformation kommen, im Zuge derer du andere Entscheidungen triffst, die neue Ergebnisse liefern. Wie dieser innere Prozess wirkt, beschreibe ich anhand von Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft und den Verhaltenswissenschaften. Damit biete ich Hilfestellungen, mit denen bleibende Veränderungen möglich sind und die im täglichen Leben anwendbar sind.
Im Grunde geht es hier um die Aktivierung der Neuroplastizität im Sinne einer Neuverschaltung im Gehirn. Da du mit deinem Denken und deinen Emotionen deine eigene Realität erschaffst, den Körper und das Gehirn programmierst, bedeutet das, dass du lernen musst, bewusste Entscheidungen zu treffen, ohne von vornherein einen klaren Plan zu haben. Du musst ins Unbekannte eintreten und gleichzeitig das Bekannte und alles, was du je gelernt hast, loslassen. Das ist keine Magie, sondern ein Lernprozess.
Der zweite Bereich: der intelligente Körper
Dein Körper hat eine eigene Intelligenz und die Auswirkungen von Stress auf den Körper sind beträchtlich. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, Wissen und Verständnis in diesem Bereich aufzubauen.
Der Körper hält dich oft in den Erfahrungen der Vergangenheit gefangen, während das Gehirn mit aller Kraft versucht, die Auswirkungen und Spuren eines Traumas hinter sich zu lassen. Das führt zu einer inneren Spaltung von Denken und Fühlen und damit zum Verlust der Verbindung zwischen den beiden Bereichen. Du erschaffst hierdurch unbewusst destruktive Muster, die sich tief in deinem Körper festsetzen und deine Realität tagein, tagaus beeinflusst. Der Körper wird zum Gehirn. Diese innere Spaltung kann für die Beziehungen zu den Menschen in deiner Umgebung und zu deiner Familie katastrophale Folgen haben.
Der nächste Schritt besteht also darin, deinen Körper in diesen Heilungsprozess einzubeziehen. Wie arbeiten Gehirn, Herz und der Rest des Körpers zusammen? Was kannst du selbst tun, um Stress zu reduzieren, deinen Schmerz zu heilen und diese Heilung zu verkörpern? Wie verbindest du Denken und Fühlen und wie wirken deine selbstheilenden, selbstregulierenden Kräfte? Wie erschaffst du aus Herz und Gehirn ein starkes zusammenwirkendes System?
Im zweiten Bereich lernst du, selbst aktiv zu werden und deinen Körper, dein Herz und Gehirn zur Kooperation zu bewegen und neue, gesunde Muster zu entwickeln. Du lernst, neue neuronale Wege und Verbindungen anzulegen.
Der dritte Bereich: die externe Umgebung und unser Leben zurückfordern
Verlusterfahrungen und emotionale Verletzungen erschüttern nicht nur den direkt davon betroffenen Menschen, sondern oftmals auch sein soziales Umfeld. Wie wirkt sich das auf den Umgang miteinander aus?
Die Wirklichkeit, wie sie einmal war, existiert plötzlich nicht mehr für die Familie, die erweiterte Verwandtschaft oder den Freundeskreis. Ich nenne das ein existenzielles Erdbeben. Nichts bleibt stehen, alles liegt wirr durcheinander, im Inneren wie im Äußeren. Hier zeigt sich eine wichtige Ursache für kulturelle, soziale und individuelle Verletzung. Es bestehen allerdings große Unterschiede darin, wie Menschen mit diesen Traumata umgehen und einander beeinflussen.
Wenn du für deine Veränderung immer wieder die gleichen Gedanken und Gefühle benutzt, konditionierst du dich immer wieder auf dieselbe Art und Weise. Du machst dir oft nicht bewusst, wie die Umgebung (Menschen, Organisationen, Ereignisse) dich an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten negativ oder auch positiv beeinflusst. Insbesondere bei emotionalen Verletzungen suchst du nur allzu oft Bestätigung bei anderen und wiederholst immer wieder aufs Neue unbewusst dieselben Dinge.
In diesem Bereich untersuche ich, wie unsere externe Umgebung unsere Realität erschafft und unsere Persönlichkeit definiert. Du lernst, eine Bestandsaufnahme dieser externen Umgebung zu machen und dich darin zu behaupten.
Der vierte Bereich: Spiritualität und die Wiederherstellung der inneren Verbindung
Hier geht es um die Entscheidung für neue Werte und Normen im Rahmen des persönlichen und spirituellen Wachstums. »Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden«, sagte der dänische Philosoph Kierkegaard (1813-1855). Das gilt besonders, wenn es um traumatische Lebensereignisse geht. Wir verstehen erst viel später, was diese mit unserem Leben und uns selbst gemacht haben: wie sie unsere Perspektive auf das Leben verändert, welche Verschiebungen sie in unserer Psyche verursacht haben.
Was ich den spirituellen Bereich nenne, ist Teil einer Reihe von höherdimensionalen Energiesystemen, die direkt in unser Gehirn und unseren Körper führen. Die landläufige Wissenschaft erkennt die Wirkung dieser höheren energetischen Anatomie erst nach und nach. Sie steht in starkem Kontrast zu traditionellen und östlichen Weisheiten und Praktiken auf dem Gebiet der Heilung und Medizin, die diese multidimensionale Anatomie des Menschen ausführlich beschrieben haben.
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