Dieser Mechanismus kann zur Folge haben, dass ein bestimmter traumatischer Zwischenfall möglicherweise nicht als Geschichte, sondern als Sinneseindruck gespeichert wurde. Das kann ein bestimmter Geruch sein, ein Bild, ein Geräusch oder eine Berührung. Diese können alle plötzlich auftauchen und mit einem Schlag, vollkommen unerwartet und direkt den emotionalen Zustand aufrufen, der zu dem damit assoziierten traumatischen Vorfall gehört. Die so hervorgerufene Angst oder Unsicherheit liegt auf einer viel tieferen biologischen Ebene. So bringt der Geruch nach Krankenhaus – unser Riechorgan ist die kürzeste Verbindung zwischen dem Gehirn und der externen Welt – mich unmittelbar zurück zu meinem langwierigen Krankenhausaufenthalt als Baby.
Was bedeutet die Erkenntnis, dass eine traumatische Erinnerung ohne Zusammenhang codiert ist, für den Heilungsprozess? Wichtig ist hierbei, dass es bei posttraumatischem Stress nicht um die Vergangenheit geht, sondern vielmehr um einen Körper, der sich verhält und organisiert, als ob diese Erfahrung jetzt geschähe. Wenn ich mit Menschen arbeite, die traumatisiert sind, ist es für mich von entscheidender Bedeutung, dass sie lernen, wie ihr Körper heute reagiert. Die Vergangenheit ist nur so weit relevant, wie sie die heutigen Empfindungen, Gefühle, Emotionen und Gedanken hervorruft. In der Schilderung der Vergangenheit wollen wir einfach loswerden, wie schlimm das Trauma war, oder erklären, warum wir bestimmte Verhaltensweisen zeigen. Das wahre Problem besteht darin, dass das Trauma uns verändert hat: Wir fühlen uns dadurch anders und erleben bestimmte Gefühle anders. Bei meiner Arbeit erforsche ich zusammen mit den Klienten, wie das Trauma bei ihnen gelagert ist.
Ich erinnere mich an einen besonderen Zwischenfall bei einem Aufenthalt in den Tropen, als ich 19 Jahre alt war. Wir wurden vor großen schwarzen Skorpionen gewarnt, die nachts gern in Blusenärmel oder Hosenbeine kriechen. Eine ängstlich programmierte Person wie ich hörte diese Information besonders deutlich. Wir saßen gemütlich auf dem Balkon, mir wurde kühl und ich ging im Dunkeln in unsere Hütte, um meinen Pullover anzuziehen. Erst schob ich den linken Arm in den Ärmel, dann folgte der rechte Arm und als ich den Pullover über den Kopf ziehen wollte, fühlte ich etwas Weiches. Einen Sekundenbruchteil später schrie ich laut auf. Ein Skorpion!! Ich schrie und schrie und konnte meinen Pullover nicht mehr ausziehen. In Panik sprang ich hin und her und versuchte so, meine Arme aus den Ärmeln zu befreien.
Meine Reisebegleiterin kam herein, schaltete das Licht ein und half mir aus dem Pullover. Dabei kam ein schwarzes Frotteehaarband zum Vorschein, das am Tag zuvor offensichtlich in dem Ärmel stecken geblieben war. Kein Skorpion war zu finden. Mein Körper hatte allerdings sofort reagiert, mit erhöhter Atemfrequenz und schnellerem Puls. Mir schlug das Herz bis zum Hals, ich zitterte am ganzen Körper und hatte Schweißausbrüche. Klar denken war mir nicht möglich. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, ich blieb ängstlich und nervös. Erst am nächsten Tag flaute das Ganze ab. Meine Reisegefährtin gab mir die Rückmeldung, dass ich doch sehr übertrieben reagiert hätte. Sie fragte mich, ob ich da nicht etwas unternehmen müsste.
Im Rückblick auf diesen Vorfall weiß ich jetzt, dass wir nicht nur unbewusst reagieren, sondern auch, dass wir allein durch unser Denken eine Stressreaktion auslösen können. Der Gedanke an den möglicherweise vorhandenen Skorpion setzte meine Reaktion in Gang. Was danach geschah, hatte ich nicht mehr unter Kontrolle, ebenso wenig die Dauer der Stressreaktion. Wenn man den schlimmstmöglichen Fall antizipiert oder eine vergleichbare und daher einigermaßen vorhersagbare Erfahrung im Leben gemacht hat, an die man sofort zurückdenkt, übernimmt der Körper die Regie. In meinem Fall mit dem Skorpion war ich wieder einmal nicht in der Lage gewesen, meine Emotionen zu zügeln.
Übertragen auf die Arbeitsweise des Gehirns bedeutet dies: Die Amygdala funktionierte als Alarmsystem und der Stirnlappen als Kamera. Die Kamera überwachte die Situation und warf die rationale Frage auf, ob wirklich ein giftiger Skorpion in meinem Ärmel steckte und ich Gefahr lief, gebissen zu werden. Die Amygdala fragte sich das leider nicht. Bevor der Stirnlappen aber auch nur die Chance hatte, die Situation richtig zu beurteilen und einen Entschluss zu fassen, war mein Körper schon in höchster Alarmbereitschaft. Das ist das Unterbewusstsein in Aktion. Als ich im Nachhinein, auch dank der Hilfe meiner Freundin, keine Angst mehr spürte und erkannte, dass es sich um falschen Alarm gehandelt hatte, half der Stirnlappen, die Homöostase wieder herzustellen, und ich beruhigte mich nach und nach. Das ist ein Beispiel für das Unterbewusstsein in Aktion.
Wenn das Alarmsystem defekt ist, durch einen schwerwiegenden Verlust oder ein überwältigendes Erlebnis wie Vergewaltigung, Misshandlung, Vernachlässigung, einen schweren Unfall, Krieg, Krankheiten oder Verletzungen, dann sind wir unserem Reptiliengehirn und unserem limbischen Gehirn ausgeliefert. In dem Augenblick, in dem wir glauben, auch nur ein Anzeichen von Gefahr wahrzunehmen, wenn wir bestimmte Empfindungen spüren oder einen missbilligenden Gesichtsausdruck zu sehen glauben, geraten wir automatisch in den Kampf- oder Fluchtreflex. Die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren und Impulse zu beherrschen, wird dadurch ausgeschaltet. Die Emotionen übernehmen unkontrolliert die Regie und bestimmen unser Handeln, weil der Körper in derselben Realität lebt, in der das tatsächliche Ereignis damals stattgefunden hat. Hierauf gehe ich später im dritten Bereich ausführlicher ein.
Wenn meine Reisebegleiterin damals ebenso ängstlich gewesen wäre wie ich, hätten wir wahrscheinlich miteinander um die Wette geschrien. Weil sie so ruhig blieb, konnte ich den Zwischenfall besser und schneller verarbeiten. Ich habe allerdings auch Situationen erlebt, in denen ich andere mit in meine Ängste zog. Meist hatten sie selbst in der Vergangenheit eine vergleichbare unangenehme Erfahrung gemacht. Auf der Beziehungsebene ist dies eine Quelle von Problemen und Missverständnissen.
Emotionen sind wichtig, weil sie unseren Erfahrungen Bedeutung geben. Sie bilden das Fundament unseres Denkens. Unser rationales Gehirn, mit dem wir denken, und das limbische Gehirn, mit dem wir fühlen, erzeugen gemeinsam das Fundament unserer Persönlichkeit. Anschließend erschafft dann unsere Persönlichkeit unsere Realität. Wenn die beiden Gehirne miteinander im Gleichgewicht sind, spüren wir unseren inneren Kern und sind ruhig und entspannt, zufrieden mit unserer Persönlichkeit.
Wenn wir von Emotionen überflutet werden, wissen wir, dass ihr Ursprung in den Spannungen in den tieferen Gehirnschichten liegt, die unsere Wahrnehmung und das Bewusstsein steuern. Wenn das Alarmsystem im limbischen Gehirn ständig anschlägt und sich das für uns jedes Mal wie eine Gefahr anfühlt, dann haben die Versuche anderer Menschen, uns zur Einsicht zu bringen oder mit uns darüber zu sprechen, keine Chance. Der Empfang verläuft ausschließlich über das Fühlen und das Sammeln neuer Erfahrungen, denn der Körper ist zum Gehirn geworden
Mein Leben lang musste ich lernen, mit dieser emotionalen Struktur und den neuronalen Netzwerken umzugehen, mit meiner ›Verdrahtung‹ sozusagen. Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, wo meine Ängste herkamen, ebenso wenig, warum ich so überwachsam und angespannt war, warum ich kaum jemanden vertraute, warum mir Freundschaften schwerfielen und warum ich manchmal explodierte oder ungeduldig wurde. Mithilfe der Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften verstehe ich jetzt besser, wie das Gehirn auf traumatische Erfahrungen reagiert. Es ist ein Kampf, der größtenteils im Körper ausgetragen wird: in den Organen, den Muskeln und im Nervensystem.
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