Dann sind da auf einmal totale Dunkelheit, starke Kopfschmerzen und der Drang, ein ganzes Fass zu trinken. Ich versuche meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Wo bin ich, dem Geruch nach zu urteilen, in meinem Zimmer, in meinem Bett. Aber wie kann das sein? Eben hatte ich noch Spaß mit meinen Freundinnen und im nächsten Moment, liege ich in meinem Bett und das nicht allein. Irgendjemand liegt neben mir. Ich höre gleichmäßigen Atem und dann ist da der Geruch. An irgendjemand erinnert er mich. Kann das sein? Nein, oder doch? Hannes. Eindeutig Hannes, aber wie kommt er in mein Zimmer? In mein Bett? Ich versuche mich vorsichtig aufzurichten, werde aber daran gehindert. Hannes hat seinen Arm um meine Taille geschlungen. Er flüstert: „Hast du etwa schon ausgeschlafen? Dabei habe ich dich doch gerade erst Bett gebracht.“ Oh nein, was habe ich nur gemacht? Ich erinnere mich noch daran, dass wir alle zusammen auf der Tanzfläche waren, und dann? Nichts, ich kann mich an nichts mehr erinnern. Habe ich mich schon wieder vor Hannes blamiert? Wieso hat er mich ins Bett gebracht? War er im selben Pup wie wir? Verfolgt er mich? Das alles will ich ihn am liebsten fragen, dann würde ich aber auch zugeben, dass ich nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr von meinem Abend weiß. Ich rücke ein Stück von ihm weg und erkläre: „Du kannst jetzt ruhig gehen, ich komme jetzt allein zurecht.“ Ich hoffte darauf, dass Hannes genau das tun wird, einfach nach Hause gehen und ich werde dann am Morgen, alle verlorengegangenen Informationen bei meinen Freundinnen einholen. Hannes rührt sich allerdings kein Stück und erklärt: „Ich werde erst gehen, wenn du dein Versprechen eingelöst hast.“ Oh nein, jetzt sitze ich in der Falle. Hannes kann mir die wildesten Geschichten erzählen, ich erinnere mich an nichts. Ich lege eine andere Taktik ein und schlage vor: „Wir können uns ja morgen treffen, damit ich mein Versprechen einhalten kann. Jetzt bin ich sowieso nicht mehr in der Lage dazu.“ Wozu auch immer? Leider macht sich Hannes scheinbar einen Scherz daraus, mich im Ungewissen zu lassen und sagt: „Mach einfach die Augen zu und schlaf weiter. Wir können uns morgen in Ruhe darüber unterhalten, wenn du deinen Rausch ausgeschlafen hast.” Was bleibt mir anderes übrig, ich schließe meine Augen und schlafe fast sofort wieder ein. Am nächsten Morgen öffne ich meine Augen ganz vorsichtig. Die pochenden Kopfschmerzen sind leider immer noch da. Ich finde auf meinem Nachtschrank ein Glass Wasser und eine Kopfschmerztablette. Im Bad nebenan duscht jemand. Also war es kein Traum, Hannes hat die Nacht hier in meinem Zimmer, in meinem Bett mit mir verbracht. Leider ist auch heute Morgen noch nichts von meiner Erinnerung zurück. Ich sehe mich schnell nach meinem Handy um und finde es in der Tasche meiner Jacke. Ich mache meine Nachrichten auf, finde aber kein Anhaltspunkt bezüglich gestern Abend. Schnell wähle ich die Nummer eines Mädchens, das gestern Abend auch anwesend war. Ein Freizeichen. Leider springt nach kurzer Zeit die Mailbox an. Nebenan wird gerade die Dusche ausgemacht. Das kann doch alles nicht wahr sein, es bleibt mir auch nichts erspart. Dann geht die Badezimmertür auf. Hannes steht, nur in einer Jeanshose bekleidet, mit nassen Haaren in der Tür. Dass mir der Mund offen steht, ist ja schon schlimm, aber dass er auch noch Gefallen daran findet, dass ich einfach nicht wegsehen kann, bringt das Fass zum überlaufen. Mein Herz tanzt einen Tango, meine Knie sind weich und mir wird, wie auch schon die letzten Male, auf einmal ganz heiß. Auch Hannes sein Lachen ist nicht mehr da. Wir sehen uns abwechseln in die Augen, dann auf die vollen Lippen. Mein Mund wird ganz trocken. Hannes fährt sich mit einer Hand durch die noch nassen widerspenstigen blonden Haare. Wir schweigen einen Moment zu lange, Verlegenheit macht sich breit. Hannes wendet zuerst seinen Blick ab, räuspert sich und fängt dann an, sich über mein Befinden zu erkundigen. Ehrlich gesagt, geht es mir gerade nicht so gut. Das werde ich ihm natürlich nicht erzählen. Ich erwähne also nur, dass ich leichte Kopfschmerzen und Muskelkater, in den Beinen habe. Das wiederum bringt ein Lächeln auf sein Gesicht und er erzählt mir, dass es kein Wunder ist, da ich in der Nacht zuvor wahrscheinlich genauso viele Schritte, wie ein Marathon-Läufer gemacht habe. Zumindest annähernd. Wieder versuche ich mich daran zu erinnern, was am gestrigen Abend alles passiert ist. Ich kann mich fast gar nicht erinnern. Hannes liest mir förmlich meine Gedanken vom Gesicht ab, er setzt sich auf mein Bett und fängt an, über den Abend zu erzählen. Meine Gedanken schweifen mal wieder ab, ich mustere ihn und frage mich, warum er nur so verdammt gut aussieht? Gerade als Hannes davon berichtet: „Du hast wilde Tänze aufgeführt.“, erwache ich aus meinen Gedanken. Er berichtet davon, dass er mit ein paar Freunden im Pub war, um den Geburtstag seines besten Freundes zu feiern und es sehr viel Alkohol gab. Welcher mir wohl auch das Genick gebrochen hat. Dann kommt er zu meinem Versprechen: „Als ich mich geweigert habe mit dir zu tanzen, weil ich es nicht kann, hast du das zum Anlass genommen, mir zu versprechen, es mir beizubringen. Natürlich unter der Bedingung, dass ich dann einmal mit dir tanzen gehe.“ Er muss mir meine Erleichterung ansehen, denn nun kann Hannes nicht anders, als laut loszulachen. Auch mein Ärger ist verflogen und ich stimme mit ein. Wir lachen bis uns die Tränen laufen. Ich lasse mich ebenfalls auf mein Bett fallen und krümme mich vor Lachen. Als wir uns wieder beruhigt haben, wird mir erstmal bewusst, dass wir nebeneinander auf meinem Bett liegen. Er ohne Shirt. Unsere Hände berühren sich und wieder durchfährt mich dieser Stromschlag. Meine Hand kribbelt. Hannes verschränkt seine Finger mit meinen. Er dreht sich auf die Seite und sieht mir in die Augen. Er kommt langsam näher, fast berühren sich unsere Lippen, als von unten plötzlich die Haustür zu hören ist. Hannes schreckt zurück, springt vom Bett und sucht nach seinem T- Shirt und seinen Schuhen. Ich überlege mir, wie ich meinem Vater erklären kann, dass einer der Gräfe Söhne in meinem Zimmer sitzt, und dann auch noch mit nassen Haaren. Hannes jedoch macht den Eindruck, als würde er das Ganze recht amüsant finden. Aber er kennt meinen Vater ja auch nur von den gemeinsamen Feiern und Abendessen. Wie er wirklich ist, weiß Niemand außenstehendes. Nachdem ich kurz in mich gegangen bin, gebe ich Hannes ein Zeichen mein Zimmer zu verlassen. Ich folge ihm. Wir finden meinen Vater in der Küche. Er sieht sehr geschafft aus. Er runzelt die Stirn, als er uns beide sieht und fragt: „Gibt es eine Erklärung dafür.“ Er zeigt auf uns beide. Hannes ergreift das Wort: „Ich habe große Schwierigkeiten in Geschichte und dazu brauche ich Charlotte ihre Hilfe.“ Mein Vater sieht ihn beeindruckt an. Damit hat er wohl nicht gerechnet und ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich bin immer noch dabei, mir irgendeinen Blödsinn einfallen zu lassen, was ich meinem Vater auftischen könnte. Mein Vater ist zufrieden mit der Erklärung und auch gleich darauf verschwunden. So wie es aussieht, hat er sich hingelegt. Normalerweise ist mein Vater nicht so einfach zufrieden zu stellen. Hannes verabschiedet sich mit einem schelmischen Grinsen und einem Händeschütteln bei mir. So wie er es an dem Abend im Auto gemacht hat. Es ist zu einem Ritual geworden. Zu unserem Ritual. Für Außenstehende sieht es wahrscheinlich sehr komisch aus. Wer gibt sich heutzutage schon noch die Hand zum Abschied? Ich bin so froh, dass Hannes weg ist. Ich fühle mich, wie von einem Bus überfahren. Ich habe starke Kopfschmerzen, mein ganzer Körper streikt. Das nennt man dann wohl einen Kater. Ich verziehe mich schleunigst in meinem Zimmer, ziehe die Jalousie runter und kuschle mich unter meine Bettdecke.
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