Gerade denke ich noch darüber nach, mir für ein unnormalen Preis ein Taxi zu rufen, als genau in diesem Moment ein roter Opel neben mir stehen bleibt. Ich laufe um das Auto herum und öffne die Beifahrertür. Hannes sieht mich grinsend an und fragt mich, ob ich vielleicht eine Mitfahrgelegenheit suche. Kopfschüttelnd steige ich ein, strecke ihm ganz provokativ die Hand entgegen und grinste ihn an. „Guten Morgen.“ Nun schaut Hannes leicht verwirrt auf unsere Hände, schon wieder habe ich das Gefühl, dass auch er etwas Komisches wahrnimmt, sowie wir uns berühren. Vielleicht habe ich dieses Gefühl auch missverstanden und es ist eher etwas Schlechtes? Aber kann sich etwas Schlechtes so gut anfühlen? Hannes zieht abrupt seine Hand zurück und fährt los. Ich frage erst gar nicht, warum er schon wieder so weit weg von zu Hause unterwegs ist. Wer weiß, vielleicht hat er ja hier in der Gegend, eine Bettbekanntschaft. Da ich alles andere als gut gelaunt bin, halte ich einfach meine Klappe. Heute ist Mittwoch, das ist eigentlich mein Lieblingstag an der Uni. Mittwochs habe ich Geschichte und Sport. Beides meine absoluten Lieblingsfächer. Doch wie so oft, kommt es meistens anders. Auf der Tafel steht in großen Buchstaben, in der Spalte für den Raum, nicht die Sporthalle, sondern die Schwimmhalle. Zum Glück haben wir für solche Fälle, immer unsere Schwimmutensilien im Spind. Heute wäre es mir allerdings lieber gewesen, wenn es nicht so wäre. Ich bin ein miserabler Schwimmer. Wasser ist nicht gerade mein liebstes Element. Und da meine Laune sowieso schon auf dem Tiefpunkt ist, stört es mich heute noch mehr, das wir schwimmen gehen. Nachdem ich mich schon mit mehreren Mädels in der Umkleidekabine angezickt habe, laufe ich nach dem Duschen nass und frierend, wem in die Arme? Natürlich Hannes. Total entsetzt schaue ich ihn an und frage ihn was er hier zu suchen hat. Hinter uns grölen ein paar der Mädchen Hannes zu: „Hey, pass auf dich auf, die ist heute bissig.“ Das wiederum bringt mich noch mehr auf die Palme. Hannes sieht mich grinsend an, reißt mir mein Handtuch aus meinem Arm. Er nimmt mich kurzer Hand unter den Knien, wirft mich über seine Schulter und springt im nächsten Moment mit mir zusammen in das Schwimmerbecken. Kurzzeitig habe ich die Orientierung verloren. Panik flammt in mir auf, doch dann spüre ich einen starken Arm um meine Taille. Dann tauchen wir auf. Mir wird bewusst, wie nah Hannes mir ist. Fast nackt und dazu noch besser gebaut, als in meinem Traum. Oh nein, zum Glück ist das Wasser ziemlich kalt, denn mir ist schon wieder ganz heiß. Auch Hannes scheint den Moment zu genießen. Anstatt mich loszulassen, hält er mich weiter fest. Das Harte an meinem Rücken, ist sicher kein Traum. Diesen Gedanken muss er gehört haben, schnell lässt er mich los und sorgt für einen angemessenen Abstand zwischen uns. Schon habe ich vergessen, ihm wegen des Überfalls sauer zu sein. Wir schwimmen beide zum Beckenrand. Gerade hat unser Sportlehrer die Halle betreten. Ich stütze mich mit den Armen ab und setze mich auf den Beckenrand. Hannes wartet lieber noch einen Moment im Wasser. Ich kann mir vorstellen warum. Also war es keine Einbildung. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, dass er ähnlich empfindet, das könnte der Beweis sein. Nachdem unser Sportlehrer uns Instruktionen für die Sportstunde gegeben hat und wir eigenständige Übungen machen sollen, lasse ich mich vom Beckenrand zurück ins Wasser gleiten. Ich habe mir vorgenommen, an meiner Ausdauer zu arbeiten und schwimme langsam eine Bahn nach der anderen. Ich hatte erwartet Hannes noch mehrmals über den Weg zu schwimmen, leider hat er sich scheinbar aus dem Staub gemacht. Hannes taucht bis zum Ende des Unterrichts nicht mehr auf. Auch den restlichen Tag, laufen wir uns nicht mehr über den Weg. Es wundert mich sehr. Mir kommt es so vor, als würde Hannes mir bewusst aus dem Weg gehen. Aber warum? So soll es auch den ganzen Rest der Woche bleiben. Ich bin kurz davor, ihm eine Nachricht zu schreiben. Unerwartet steht sein Bruder bei uns vor der Tür. Natürlich will er nicht zu mir, sondern zu Elly. Ich ergreife die Gelegenheit und frage ihn, ob sein Bruder verschollen ist. Leider erhalte ich genau die Antwort, die ich nicht bekommen will. Florian meint: „Ach der ist bestimmt wieder mit irgendwelchen Mädchen beschäftigt, er ist in letzter Zeit sehr beschäftigt. Wir bekommen ihn auch nur sehr selten zu Gesicht.“ Super, mehr muss ich nicht wissen. Ich mache auf dem Absatz kehrt und rufe auf dem Weg in mein Zimmer, Elly. Das ist wieder mal so typisch. Ich bin so dumm, zu glauben das Hannes etwas für mich empfindet. In nächster Zeit werde ich mich von ihm fernhalten. Kaum habe ich den Gedanken gefasst, kommt Elly mit Florian im Schlepptau, in mein Zimmer gestürzt. Bevor ich sie angiften kann, was sie sich dabei denkt, plappert sie auch schon wild drauf los. Ich verstehe leider nur einige Brocken von dem, was sie mir mitteilt, habe aber auch nicht die Möglichkeit sie zu stoppen. Erst nachdem sie sich vollständig entladen hat, ist es mir möglich, ihr zu sagen, dass man sie leider überhaupt nicht versteht. Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich nicht in der Stimmung für irgendwelche Neuigkeiten bin und sie sich gefälligst aus meinem Zimmer verziehen soll. Außerdem erkläre ich ihr, dass sie nicht das Recht hat, ohne anzuklopfen und in Begleitung eines Jungen, in mein Zimmer zu kommen. Das sitzt. Meine Schwester weiß, dass sie nun besser den Rückzug antreten sollte. Später am Abend klopft Elly an meine Tür. Dieses Mal kommt sie allein zu mir. Sie fragt mich ob es mir besser geht, woraufhin ich sie frage: “Wie kommst du darauf, dass es mir überhaupt schlecht ging?“ Elly sieht mich schief an und erklärt mir, dass ich schon seit ein paar Wochen nicht mehr wiederzuerkennen bin. Ständig gut gelaunt und immer ein Lächeln im Gesicht, außer heute. Ist das so? Elly erzählt mir, dass unsere Eltern uns tatsächlich, gleich die ersten zwei Ferienwochen, nach Bayern in ein Jugendcamp schicken werden. Mein Vater hat wohl schon alles gebucht und heute sind die Reiseunterlagen angekommen. Das ist es also, was Elly mir heute Nachmittag mitteilen wollte. Sie ist wegen der Reise völlig aus dem Häuschen und mir dreht es fast den Magen um. Wie soll ich zwei Wochen mit Hannes überleben? Ursprünglich sind wir von einer Woche ausgegangen. Zwei Tage An- und Abreise, dann hätten wir fünf Tage, das wäre erträglich gewesen, aber zwei Wochen? Ich nehme mir fest vor, in einem passenden Moment, mit meinem Vater darüber zu reden. Schließlich gibt es auch noch andere Sachen in den Ferien zu tun. Für meinen Vater zählen nur nachweisbare Argumente, und die würde ich mir besorgen, es bleiben mir ja noch…. Oh nein, die Zeit ist so schnell vergangen, nächste Woche gibt es für meine Schwester Zeugnisse. Die Themen, der Hausarbeiten für die Semesterferien haben wir schon bekommen. Also habe ich noch sieben Tage, machbar, oder? Morgen bin ich mit meinen Freundinnen verabredet, ich habe schon ein schlechtes Gewissen, weil wir uns in letzter Zeit so wenig gesehen haben. Vielleicht hat ja die eine oder andere, eine Idee, was ich so Wichtiges, in den Ferien zu tun haben könnte.
Am nächsten Tag schlafe ich erstmal aus, setze mich zum Frühstück auf die Terrasse und überlege, wie ich den Tag verbringen will. Meine Schwester ist wahrscheinlich schon unterwegs zu ihren Freunden. Mein Vater ist nochmal ins Büro gefahren, das verriet mir sein Zettel auf dem Küchentresen und meine Mutter ist für fünf Tage auf Geschäftsreise. Sie wird gerade rechtzeitig zu unserer Abreise zurück sein. Meine Mutter holt jetzt das nach, was sie während unserer Kindheit verpasst hat. Zumindest ihre Arbeit betreffend. Sie geht in ihrer Arbeit auf, engagiert sich für die Rechte der Familien und versucht mehr Geld für die Bildung zu erwirken. Alles Dinge, die Sie auszeichnen. Trotzdem verurteile ich oft, dass sie in letzter Zeit so wenig zu Hause ist. Manchmal wünsche ich mir, mit ihr über einige Dinge sprechen zu können, sie fehlt mir. Was ist nur los mit mir, jetzt fange ich schon beim Frühstück an zu jammern. Mir ist wohl nicht mehr zu helfen, oder? Am späten Nachmittag erhalte ich einen Anruf von meinem Vater, in dem er mir mitteilt, dass meine Schwester die Nacht bei ihrer Freundin bleibt und er sehr spät aus dem Büro kommen wird. Ich soll nicht auf ihn warten. Als ob ich auf meinen Vater warten würde. Ich mache mich schließlich fertig, um mich mit den Mädels zu treffen. Ich freue mich auf dieses Treffen. Beim letzten Mal war ich leider überhaupt nicht anwesend. Körperlich ja, aber geistig nicht wirklich. Heute wird alles anders werden. Ich will Spaß haben. Mir selbst beweisen, dass ich Hannes nicht brauche. Ich lege ausnahmsweise etwas Rouge und Lipgloss auf, ziehe mir einen Rock und eine Bluse von meiner Schwester an und betrachte mich im Spiegel. Was ich sehe ist zwar nicht ganz Ich, aber es ist in Ordnung. Um Spaß zu haben reicht es. Die Mädels sind alle gut gelaunt, wundern sich kurz über mein Äußeres, merken aber auch, dass ich nicht weiter darüber reden will. Wir lachen viel, trinken viel und tanzen die halbe Nacht.
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