„Sie sind eine bemerkenswert gute Tänzerin, Miss ...”, setzte er an.
„Miss Ramsbury”, vervollständigte sie seinen Satz.
„Und wie ist Ihr werter Vorname, Miss Ramsbury?”, fragte er, bevor die nächste Drehung sie voneinander trennte.
„Miss Jane Ramsbury”, rief sie vom anderen Ende der Tanzfläche. Die beiden waren noch recht weit vom Ende der Tanzreihe entfernt und wussten, dass sie noch genügend Zeit hatten, bevor sie ihren Tanz beenden würden.
„Und was führt Sie in diesen Teil der Stadt, Miss Jane?”
„Das könnte ich Sie ebenso fragen”, lachte sie und er stimmte mit ein. „Wenn Sie es unbedingt wissen möchten, ich wohne für einige Wochen bei meiner Tante, um ein wenig Luftveränderung zu bekommen.” Sie warf ihm einen koketten Blick zu und stellte zu ihrer Zufriedenheit fest, dass er seinen Blick seit Beginn des Tanzes nicht von ihr abgewandt hatte.
„Welch erfreulicher Anlass, hierher zu reisen, Miss Ramsbury”, stellte er fest. „Man begegnet nicht oft einer jungen Dame, die ihre Verwandten in der Stadt so bereitwillig besucht. Viele, die ich kenne, empfinden dies eher als Unannehmlichkeit.”
„Nun ja, Sir ...” Sie hielt inne, denn sie war unsicher, wie sie den Mann ansprechen sollte, mit dem sie nun schon eine ganze Weile tanzte.
„Kommandant Denny”, antwortete er. Ihm entging nicht, dass ihr die Worte vor Scham im Hals steckengeblieben war, als ihr klar geworden war, dass sie bereits früher nach seinem Namen hätte fragen sollen.
„Kommandant!”, rief Jane und deutete einen leichten Knicks an. „Ich bitte um Verzeihung.”
„Nicht doch, Miss. Eure Tanzkünste sind Entschuldigung genug”, sagte er lächelnd.
Die beiden erreichten schließlich das andere Ende der Tanzreihe, und Kommandant Denny reichte ihr die Hand. Ihr weißer Seidenhandschuh glitt sanft in seine Handfläche. Bei der Berührung setzte ihr Herz einen Moment lang aus. Ehe sie sich versah, schwebte sie mit Denny an der Hand über die Tanzfläche, und fast alle Augen waren auf sie gerichtet. Auch ihre Schwestern, die nun ebenfalls in der Reihe tanzten, beobachteten sie. Caroline tanzte mit einem kleinen, stämmigen Herrn, der ein Nachbar ihrer Tante sein musste und Anne mit einem Offizier, der sogar noch größer als ihr hochgewachsener Vater war.
Glücklich lachte Jane in sich hinein; wer hätte gedacht, dass sie an diesem Abend in derart kurzer Zeit so viel Spaß haben würde. Als die Musik verklang, verbeugten sich Jane und Denny voreinander. Sie entschuldigte sich mit den Worten, dringend nach ihren Schwestern sehen zu müssen, verschwieg ihm jedoch, dass sie ihnen lediglich erzählen wollte, welch großartiger Tänzer er war.
„Jane!”, rief Anne mit schriller und aufgeregter Stimme vom anderen Ende des Saals her. Bevor sie noch reagieren konnte, rannte Anne sie schon beinahe um, sodass die beiden Schwestern stolperten und versehentlich einen Mann anstießen, der neben ihnen stand und etwas Punsch über seinen Ärmel verschüttete.
„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Sir!”, rief Jane. Sie knickste und bat ihm Hilfe beim Trocknen seines Ärmels an. Der Mann murmelte etwas über junge Damen ohne Aufsicht und verließ verärgert den Raum.
„Hast du ihn gesehen, Jane? Den gut aussehenden Offizier, der mich zum Tanz aufgefordert hat?” fragte Anne atemlos. „Ach, wie dumm von mir. Du warst ja mit Kommandant Denny beschäftigt, nicht wahr, liebe Schwester?”, fügte Anne hastig hinzu.
„Ich habe dich sehr wohl gesehen, Anne”, antwortete Jane. „Aber woher weißt du nur, wie der Herr hieß, noch bevor ich es dir erzählt habe?”
„Ach, du kennst mich doch. Ich weiß alles über jeden, das habe ich von Mama, nicht wahr, Caroline?” Ihre Schwester hatte sich gerade zu ihnen gesellt.
„Ganz gewiss, Anne. Aber bitte vergiss nicht, worüber wir uns in der Kutsche unterhalten haben”, mahnte Caroline besorgt.
„Caroline”, begann Jane. „Wer war der Herr, mit dem du getanzt hast? Ich hatte bislang noch nicht das Vergnügen, einen so gut aussehenden Mann kennenzulernen.” Sie kicherte in ihr Taschentuch, und Anne brach in schallendes Gelächter aus.
„Ach”, stöhnte Caroline. „Das, liebe Schwestern, war Mr. James, ein Junggeselle und Nachbar unserer lieben Tante und unseres Onkels. Ihr beiden wart ja bereits auf der Tanzfläche - und die einzige Nichte seiner lieben Freundin Mary, die noch übrig war, war ich!” Aufgebracht stampfte mit dem Fuß auf.
Die beiden anderen Schwestern lachten. Dann erzählte Jane von ihrem Tanz mit Kommandant Denny.
„Er ist ein wahrlich charmanter und gut aussehender Mann, das kann keine Frau hier abstreiten”, prahlte sie, während ihre Schwestern neugierig darauf warteten, von Janes Gefühlen zu Kommandant Denny zu erfahren.
Sie fuhr fort: „Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lächeln. Es ist mir unbegreiflich, wie eine Frau eine vernünftige Unterhaltung mit ihm führen kann. Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht einmal nach seinem Namen gefragt habe, bis der Tanz beinahe zu Ende war?” Sie war selbst erschrocken über ihre schlechten Manieren.
„Ich finde es äußerst romantisch, dass dir seinetwegen die Worte fehlten, Jane”, flötete Caroline.
In diesem Moment stimmten die Musikanten eine lebhafte Melodie an, zu der im Kreis und ohne einen Partner des anderen Geschlechts getanzt werden konnte. Daher fassten sich die Mädchen an den Händen und kehrten auf die Tanzfläche zurück, wo sich die anderen Gäste bereits zur Musik bewegten.
Die Schwestern knicksten und verbeugten sich vor den Männern, die in der Tanzformation einer nach dem anderen an ihnen vorbeikam und lernten so viele andere Gäste kennen. Die anderen modisch gekleideten Damen waren freundlich und hatten viele gute Ratschläge für die jungen Mädchen parat.
Die Musik wurde langsamer und leiser und kündigte das Ende des Tanzes an. Schon gingen die Gäste wieder in den anderen Raum, um sich frischen Punsch zu holen.
Jane, Caroline und Annesley saßen neben Mr. James’ Frau und ihren Töchtern und wussten sich viel über ihren Aufenthalt in London zu berichten.
„Es ist ganz anders als zu Hause”, merkte Caroline mit einem betrübten Unterton an.
„Nicht, dass dies etwas Bedauernswertes wäre, Liebes”, erwiderte Jane eilig und beobachtete die leicht entsetzten Gesichter ihrer neuen Bekannten. „Es gibt hier viel mehr zu tun und zu sehen und viel mehr Menschen, mit denen man sich unterhalten kann, als wenn man zu Hause bei seinen Eltern ist”, fügte sie charmant hinzu.
„Ach, ihr Mädchen und eure ländlichen Gebräuche”, gurrte Mrs. James. „Es ist ein Wunder, dass ihr alle so apart ausseht. Ich hätte euch nicht von der Masse unterscheiden können. Ihr seht genauso aus wie die Leute aus der Stadt”, lobte sie sie.
„Danke, Mrs. James”, ergriff Anne das Wort. „Aber das liegt sicherlich nur an den Bändern, denn diese sind zur Zeit besonders wichtig. An einem Abend wie diesem würden wir unter keinen Umständen ohne dieses Accessoire erscheinen, nicht wahr, Schwestern?”, fragte sie mit gespielter Freundlichkeit in der Stimme.
„Gut beobachtet, mein Kind”, lobte Mrs. James, die schon als Mädchen gern ihre Mutter beim Ankleiden beobachtete und seitdem eine Leidenschaft für Mode pflegte. „Eure kleine Schwester hat einen erlesenen Geschmack. Passt auf, dass sie ihn im Alter nicht verliert”, mahnte sie Jane und Caroline, während sie sich mit ihrem Fächer Luft zu wedelte.
Caroline und Jane kicherten, als Mrs. James Anne mit sich zog, um sie ein paar modebewussten Damen aus London vorzustellen. Wenigstens wird sie so von den Offizieren ferngehalten , dachte Jane, und hoffte, dass auch ihre neue Bekannte in Annes bestem Interesse handeln und gut auf sie aufpassen würde.
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