Er verneinte, meinte aber, Christoph sei auf dem Ohr absolut taub gewesen. "Sicher ein verhältnisbedingter Hörsturz!" meinte er. Wieso, wisse er nicht, könne jedoch nicht an die große Liebe der beiden glauben. "Der erste Mensch, der ähnlich denkt!“ freute ich mich.
"Ich muss mich um meine Freundin und die Freundin meiner Freundin kümmern. Kommen Sie doch mit!“ sagte Jüngling, und ich folge ihm hoffnungsvoll.
Was ich erblickte, ließ mein Herz höherschlagen. Die beiden Mädchen waren mir auf Anhieb sympathisch, so dass ich mir sogleich ebenso jugendlich vorkam. Die Jüngling-Freundin hatte zweizentimeterlange blonde Streichholzhaare und trug ein freches rotes Kleid, bei dessen Anblick ich meiner Beobachtungsgabe misstraute, weil sie mir bisher noch nicht aufgefallen war.
Die Freundin der Freundin hielt stolz künstlich produzierte Negerkrause in Rot über ihrem fein geschwungenen Hälschen und ließ ein olivgrünes Flattergewand bei jeder Bewegung wallen. Nach den letzten beiden Tagen hätte ich es nicht mehr für möglich gehalten, dass es hier so etwas gab.
"Gottseidank!“ sagte ich zur Begrüßung und erklärte anschließend: "Ich bin der Bruder."
Die Rothaarige sprudelte in dem Tempo los, wie es Locken und Stupsnase vermuten ließen: "Ich bin schwarz hier! Aber ich wollte so eine Superhochzeit unbedingt einmal aus nächster Nähe erleben." "Um davon für alle Zeit geheilt zu sein“ vermutete ich.
"Klaus hat mich hineingeschmuggelt" fuhr sie fort. "Ich hatte nämlich keine Einladung, obwohl ich Christoph früher mal gut gekannt habe.“
„Als Baby?" gab ich den Charmeur.
"Nein, in den ersten beiden Semestern." antwortete sie.
Ich vermeinte, eine leichte Bitterkeit in ihrer-Stimme festzustellen, als sie hinzufügte: "Aber dann hat er sich ja Besserem zugewandt."
"So" sagte ich und registrierte zufrieden, dass uns Klaus Jüngling und Freundin verließen. Ich schaffte Sekt herbei und intensivierte meine Forschungen über die Rothaarige an sich und ihr gemeinsames Studium mit meinem Bruder. Dabei entdeckten wir so viele Gemeinsamkeiten, dass ich mich unbedingt mit ihr verabreden wollte. Schließlich braucht der Mensch verständnisvolle Freunde und besonders nach schweren Stunden einen Hauch von Harmonie.
Als sich der Empfang auflöste und nur zurückbleiben durfte, wer für diesen Abend zum engsten Familienkreis gerechnet wurde, musste ich mich von meiner Entdeckung, Sissy gerufen, trennen. Ich bat sie inständig, in knapp drei Stunden irgendwo meiner zu harren.
Klaus Jüngling und Freundin, die sich wieder zu uns gesellt hatten, nahmen Sissy die Antwort ab, indem sie mir den Namen von ihrer Stamm-Pizzeria, "La Stalla", nannten.
Ich versprach, dass ich nach absolvierter Pflichtübung in diesen Stall eilen würde. Der Ellbogenstoß in meine Seite, der an diesem Tage anscheinend zur Gewohnheit wurde, kam diesmal von Bruder Christoph, der seinen Kommilitonen zunickte und mir zuflüsterte, wir hätten uns zu Tisch zu begeben.
Was jetzt folgte, wäre wenigstens als Gaumenfreude in meine Erinnerung eingegangen, hätte ich nicht bereits zuvor dem Kalten Buffet reichlich zugesprochen auf der Suche nach sinnvoller Betätigung. Das dienstfertige Hotelpersonal hatte in einem mittleren Tagungsraum eine Tafel gerichtet, die uns in gebührender Entfernung voneinander Plätze an den Längsseiten zuwies. Bevor wir uns niederließen, wurde Frau Dorothea Burger intensiv gelobt, da sie die Tischkarten immerhin eigenhändig geschrieben hatte.
Das Verhältnis der Geladenen stand acht zu vier für die Burgers. Außer Christoph waren von unserer Seite nur noch Hilde Huberti, Diethart Meierbeer und ich zugelassen. Mir fielen die Ehre und der Platz als Tischherr von Rotraut, der ältesten Schwester, zu.
Es ist auffällig, dass in meinem bisherigen Bericht über den Hochzeitsempfang die Braut Eveline mit keinem Extra-Satz erwähnt wurde. Doch auch wenn ich gerechtigkeitshalber tief in meiner Erinnerung krame, fällt mir nichts Denkwürdiges ein. Eveline sah hübsch aus und verhielt sich demgemäß. Im weißen Festkleid wirkte sie trotz des vorhandenen Umstandes schlank und zart. Die geröteten Wangen harmonierten mit den braunen Locken. Der große volle Mund sah weich, sinnlich, aber überdimensioniert aus. Trotz allen Zierrats erschien sie als ein Neutrum. Sie hatte keine Ausstrahlung, mir schien es vielmehr, als sei ihre Persönlichkeit völlig hinter der perfekt ausgeführten Pflichtübung verschwunden, eine Braut darzustellen. Versuche ich jetzt, sie mir vorzustellen, erinnere ich mich an nichts als ein Lächeln für imaginäre Fotografen.
Während der folgenden neunzig Minuten bestand das Tischgespräch aus einer Dauerschleife zum Lob des Essens, was, genauer betrachtet, Werbung für die Hotelküche bedeutete. Mit freundlichen Worten als Frucht gründlichen Nachdenkens beim Kauen bemühte ich mich um meine Nachbarin, aber die vom Hotelmanager eingespielte Musik erschwerte es, die beträchtlichen räumlichen Entfernungen zu überbrücken. Zudem war Rotraut die Ablehnung in Person. Sie strahlte so viel Kälte aus, dass mich dieses Verhalten schon wieder reizte. Mein Interesse wuchs, den Eisblock aufzutauen. So bewunderte ich zunächst einmal alles an Burgers Ältester, was sich irgend bewundern ließ, vom Kleid über die Frisur bis zum souveränen Auftreten. Aber ihre Reaktion auf jeden neuerlichen Anlauf meinerseits erweckte Frustrationen, denn sie war gleich Null.
Wüsste ich nicht längst, dass ich Manns genug bin im Leben so ganz allgemein, hätte ich Komplexe bekommen können.
So gab ich meine Mühen noch vor dem Dessert auf und hüllte mich in Schweigen, nicht ohne mit meiner inneren Stimme zu schwören, dass ich diese harte Nuss knacken wollte. Irgendwann jedenfalls. Wie, wusste ich noch nicht.
Zum Ausgleich für das Misserfolgserlebnis ließ ich meine Gedanken zur Pizzeria wandern. Ich stellte mir vor, dort von einer niedlichen, frischen olivgrünen Rothaarigen sehnsüchtig erwartet zu werden. Und so oder so ähnlich war es dann auch.
Sissy war freundlich, zutraulich, vor allem aber begierig, von dem Drum und Dran des Festessens zu hören, das ich nach besten Kräften und zum Frustabbau verspottete. Von Sehnsucht konnte allerdings keine Rede sein. Letzteres übersah ich jedoch geflissentlich. Zu soviel Realitätssinn war ich nicht in der Lage, wie ich mir im Nachhinein eingestehen muss.
Unser gemeinsames Gelächter ließ das Gefühl aufkommen, als kennten wir uns schon lange. Ob es dieses Gefühl war oder meine Weinseligkeit, jedenfalls bedrängte ich das junge Geschöpf, es nach Hause bringen zu dürfen. Ich tat das in einer Weise, die ich lange nicht mehr praktiziert hatte und die mich wohlig an meine Studentenzeit erinnerte. Elisabeth sagte für einen Kaffee zu. Mein Benehmen würde vermutlich von feministischer Position aus als typisch für mein Geschlecht eingestuft werden. Kaum hatten wir uns am Schlafzimmer der Wirtin vorbei auf Sissys Zimmer geschlichen und die Tür hinter uns zugezogen, spielte ich Filmszene, indem ich sie umarmte, an mich presste und küsste, lang und inbrünstig. Ich spürte wie meine Nadelstreifenhose eng wurde und fühlte durch das wallende Gewand Sissys Oberschenkel, ihren sich kaum wölbenden Bauch, ja mehr noch, ich spürte Hingebung und Begierde.
Gekonnt stieß ich während des Kusses das wärmende Tuch von ihren Schultern und führte sie sicher Schritt für Schritt rückwärts zu ihrer Couch. Ich drückte sie sanft darauf nieder, sie noch immer küssend, ihren Rücken streichelnd und den Reißverschluss suchend. Kaum hatte ich ihn gefunden und ohne nennenswerten Widerstand geöffnet, legte ich sie auf die Couch, beugte mich, auf dem Boden knieend, über sie und begann, ihren Hals und ihr wie bei allen Rothaarigen weiß-zartes Dekolletee, die kleinen festen Brüste mit meinen Händen fassend, zu küssen und an ihren Ohrläppchen zu saugen. Sie ließ sich alles gefallen, was ich so notwendig brauchte. Auch wenn sie nicht aktiv wurde, so war ich doch ihrer Zustimmung sicher- Wir sprachen nichts. Ich hatte wahrlich ausreichend Gespräche hinter mir und begehrte zu handeln.
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