Von da an stand ich nicht mehr so auf Alk.
Am meisten nervten ein paar Typen in unserer Gang, die tagtäglich damit prahlten, wie viele Flaschen Bier sie gekippt hatten. Alkohol trinken als Heldentat, damit konnte ich nichts anfangen. Für mich zählten andere Werte.
Mittlerweile fuhren schon einige Autos, manche mit Führerschein, manche ohne. Martin und Luigi teilten sich ein Auto; sie hatten beide keinen Führerschein. Und so ließ mich die Idee nicht mehr los, dass ich auch Auto fahren könnte. Vor den Cops davon zu fahren war ich sowieso schon gewöhnt, mit den ganzen illegalen Mopeds, die ich fuhr (ohne Zulassung, nicht ordnungsgemäß erworben, frisiert), und außerdem war ich sowieso noch zu jung um Moped zu fahren. Und da sah ich mich schon am Steuer eines Autos sitzen. Ich wollte es machen wie Karlo, nur sollte mein Auto heil bleiben.
Karlo hatte sich kurzerhand das Auto von seinem Vater geborgt, als er die Schlüssel in die Finger bekam, um Zigaretten aus dem Wagen zu holen. Dabei hatte sich die Gelegenheit für eine kleine Spritztour ergeben. Dummerweise fuhr er dann mit dem Auto zu schnell in eine Kurve und rasierte dabei ein paar Leitplanken ab – kompletter Seitenschaden. Karlo dachte sofort daran, seinem Vater die Story von einer Fahrerflucht zu verkaufen (quasi, jemand hätte den parkenden Wagen angefahren) damit wäre er aus dem Schneider gewesen. Blöd war nur, dass sich der Schaden an der Gehsteigseite befand. Ich denke, dass es da ’ne Menge Prügel gegeben hat, womit der Vater sonst schon nicht kleinlich war.
Meine Mama flog in den Urlaub. Jetzt musste ich es nur noch geschickt anstellen, um den Autoschlüssel zu ergattern. Dafür gab es zwei Möglichkeiten, die legale und die illegale (klauen), ich entschied mich für die legale: Mam war nämlich zum Teil etwas naiv und wenn sie etwas billig oder gar geschenkt bekommen konnte, war sie nicht mehr zu bremsen, da nahm sie alle Unannehmlichkeiten in Kauf. Anders ausgedrückt: Sie dachte einfach nicht daran.
Die Psyche meiner Mam lag wie ein ausgebreitetes Puzzle, welches ich auswendig kannte, vor mir. Ich wusste genau, wie ich sie herumkriegen konnte. So machte ich ihr den Vorschlag, den Kupplungsschaden an ihrem geliebten Auto – kostenlos – zu reparieren. Dieses Angebot war zu verlockend, da konnte sie nicht aus. Nach kurzer Überlegung und einiger fachlichen Hinweise von mir, was die Kupplung betraf, welche ich geschickt hinterher schob, hatte ich sie überzeugt und bekam den Schlüssel in die Hand gedrückt.
Juhu, während sie im fernen Spanien Sonne tankte, würde ich die ganze Zeit Auto fahren – wie geil!
Ich konnte es kaum erwarten, bis sie endlich abreiste. Jetzt kam das Spielchen »Guter Sohn«, um guten Willen zu zeigen, fing ich schon vorher mit der Reparatur an und innerhalb kürzester Zeit hatte ich den Motor zerlegt. Nun hatten sich bei Mama noch die letzten Zweifel verflüchtigt, weil der Bub so ein guter Mechaniker war.
Dann endlich war es soweit, Mama fuhr los. Noch schnell verabschieden (ich konnte auch nett sein, wenn ich wollte), immerhin hatte ich jetzt Größeres vor.
Kaum war sie weg, saß ich schon halb im Motorraum und schraubte in Windeseile den Motor wieder zusammen. Am Schluss blieben ein paar Schräubchen übrig, aber das war egal und ob die Kupplung rutschte, zählte auch nicht. Hauptsache, das Ding fuhr. In Gedanken sah ich mich schon bei den ganzen Freunden mit dem Auto vorbeifahren – ich – der Held. Gleich war es soweit und ich gehörte zu den ganz Großen, zu den Autofahrern. Ich nahm hinter dem Lenkrad Platz, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn langsam herum, der Anlasser biss sich in den Motor und – tschuk – tschuk – der Wagen sprang an, trotz der übriggebliebenen Teile. Das Auto knatterte und zitterte, und aus der Lüftung stank es nach verbranntem Öl und verschmorter Elektrik. Dann trat ich die Kupplung, legte den Gang ein und ließ die Kupplung langsam kommen. Das Auto setzte sich in Bewegung und fuhr mit mir durch die Einfahrt auf die Straße. Ich lenkte nach rechts und die Häuser der Nachbarn zogen langsam und dann immer schneller werdend vorbei. Vorne am Spielplatz war eine Kurve – die Geschwindigkeit war zu hoch! Die Häuser der Nachbarn flogen vorbei! Mein Puls schoss in die Höhe. Die Kurve! Ich zerrte am Lenkrad, Reifen quietschten – geschafft! Der Wagen fühlte sich an, als ob er auf Pudding fahren würde; immerhin war ich noch nie Auto gefahren, aber irgendwie musste man das ja lernen.
Die nächste Kurve kam; die musste ich unbedingt bekommen, geradeaus ging es auf die vollbefahrene Hauptstraße – wieder hing ich am Lenkrad, doch inzwischen war das Auto noch schneller geworden. Oh je, Gegenverkehr! Ausweichen! Die Straße war zu eng, die Lücke zu schmal! Bremsen! Mist, welches von den drei Pedalen war die Bremse – wo zum Teufel war das richtige Pedal? Zu spät!
Das Unglück nahm seinen Lauf: Ich sah gerade noch einen Mann, welcher vor dem Kofferraum seines Wagens stand und sich mit einem riesen Satz zur Seite rettete. Und schon krachte es.
Das Auto meiner Mama hing zusammengeschoben wie eine Ziehharmonika im Heck eines grauen Audi, der ebenso aussah.
Fürs Erste war ich gar nicht so geschockt, schließlich konnte ich alles reparieren, hatte ich doch jahrelang an meinen Mopeds rumgeschraubt. Nach der Devise: Angriff ist die beste Verteidigung, stieg ich aus dem Wagen und sagte: »Des kann man doch so regeln, oder?«
Der Typ gab keine Antwort und schien irgendwie baff.
Gut, ich war Mitglied einer Gang und im ganzen Viertel bekannt und berüchtigt, aber davon wusste der Mann anscheinend nichts. Er zückte bloß seinen Ausweis und ich dachte noch, was soll ich mit dem Ausweis, bis ich den Unterschied bemerkte. Es war ein Polizeiausweis. So ein Pech, ich war einem Polizeibeamten ins Auto gekracht, während dieser zur Mittagspause nach Hause gefahren war.
Mann-O-Mann, ein schlechter Verhandlungspartner. Natürlich musste er noch seine Kollegen rufen. Mittlerweile stand schon die ganze Nachbarschaft am Unfallort, blamabel, blamabel. Meine Versuche, die Situation zu entschärfen, in dem ich zum Beispiel einwandte: »Es war nur eine Reparaturprobefahrt«, blieben ohne Wirkung und so musste ich mit aufs Revier.
Polizei Revier Nummer 31. Das einzig Gute an der Polizei war, dass sie mich wie einen Erwachsenen und nicht wie ein Kind behandelten. Für die Polizei zählte nicht die Volljährigkeit, es war nur wichtig, dass man strafmündig war, dann konnten sie ihr Programm durchziehen. Über die Polizei wusste ich genau Bescheid. Die Bullen konnten nicht sagen »so wie du waren wir auch mal«, denn sie hatten in der Schule immer aufgepasst, hatten brav das gemacht, was die Erwachsenen von ihnen wollten. Von mir hatten die keine Ahnung. Ich war unbeugsam und frech, konnte Lügen erzählen, ohne mit der Wimper zu zucken, und darauf war ich stolz. Während sie dachten, sie hätten mich in der Mangel, ließ ich die Prozedur über mich ergehen und trat ihnen gedanklich ans Schienbein oder sonst wo hin. Ich wusste, dass sie mich wieder laufen lassen mussten.
Vor der Polizei hatte ich keine Angst. An sich waren sie ähnlich gestrickt wie wir, sie dachten, sie wären die Guten, und ihre Welt war wie die meine in zwei Lager geteilt. Ich dachte genauso, nur in meiner Welt waren sie auf der falschen Seite.
Die Polizei hatte sich langsam in mein Leben geschlichen: Einmal war ich mit dem Moped unterwegs gewesen und gerade mit ein paar Freunden zusammen an der Straße gestanden. Dabei gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Irgendwie hatte die Kontrolle in Form eines Motorradpolizisten mich auserkoren. Der freundliche Herr in Uniform meinte: »Papiere« und zeigte mit dem Finger auf meinen fahrbaren Untersatz. Brenzlige Situation, das Moped war zwar nicht geklaut, aber irgendwie doch. Es bestand aus den Einzelteilen von mindestens drei geklauten Mopeds. Nur der Rahmen war legal, aber dazu gab es auch keine Papiere, denn die waren verloren. Außerdem war ich zu jung, um so ein Ding zu fahren, und überhaupt hatte ich keinen Führerschein. So sagte ich: »Ich hab alles vergessen, zu Hause.« Der Bulle dachte nach – Stress oder keinen Stress – stieg dann einfach von seiner Maschine ab und ließ mir die Luft aus dem Reifen, dann setzte er sich wieder auf sein Motorrad und fuhr davon. Die Freunde hatten ihren obligatorischen Lachanfall und ich stand mit einem Platten da.
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