Von dieser Schule konnte man weder fliegen noch konnte man sitzen bleiben, denn sie wollten Jugendliche wie mich auf keinen Fall länger dabehalten, als notwendig.
Wer in dieser Schule Lehrer war, hatte es nicht leicht, aber am schwierigsten war es für jene, die sich nicht durchsetzten konnten. So wie unsere Englisch-Lehrerin. Während des Unterrichts lagen wir auf Schränken oder turnten sonst wo rum. Sie wusste, dass wir keine braven Jungs waren. Denn in der Vergangenheit wurde schon so manches Fahrzeug auf dem Lehrerparkplatz übel zugerichtet.
Karlo erpresste die Lehrerin mit ein paar Details, die ihr schönes neues Auto betrafen, und so kam es, dass ich in Englisch in Leistungsgruppe B eine Drei bekam. Das fiel neben den ganzen Fünfen und Sechsen schon auf.
Aber mir war schon klar, wo ich hin wollte. Auf keinen Fall so werden wie meine Onkels.
Die einzigen männlichen Vorzeigewesen in meiner familiären Umgebung waren nämlich zwei Onkel, die auch noch während ihrer Freizeit mit einem Blaumann durch die Gegend liefen. Da wären sie zwar für eine Heimwerker-Sendung gut gewesen, aber nicht für »Wie-werde-ich-zu-einem-Mann«.
Man konnte ja sehen, wo so ein spießbürgerliches Erwachsenenleben hinführte: Ausdruckslose Gesichter und Duckmäuserei den ganzen Tag. Versicherungen, Formulare und Vorschriften. Lebensziel Rente.
Nicht mit mir!!
Mein Berufsbild war klar: Ich wollte Verbrecher werden! Dafür brauchte es keine guten Noten und auch keine Schule.
Meistens trafen wir uns vormittags bei Martin. Seine Eltern gingen beide arbeiten und so waren wir ungestört. Die Atmosphäre wirkte dort immer etwas bedrohlich, da sich die latent vorhandene Aggression leicht gegen einen selbst richten konnte. Denn als Mitläufer war ich auch stets potenzielles Opfer. Davor hatte ich ständig Angst. Spiele wie zum Beispiel »Formikula« waren der Zündfunke, um der Aggression freien Lauf zu lassen. Das Opfer bekam eine Decke über den Kopf und die anderen begannen mit Zwicken und kleinen Schlägen ihr Opfer zu traktieren, bis sich die Situation änderte und alle darauf losprügelten. Jeder wollte einmal einen unkontrollierten harten Schlag landen – das hatte zwar keinen »offiziellen« Charakter, aber so endete es meistens.
An einen Tag erinnere ich mich besonders: Es war Winter, draußen hatte es geschneit und im Fernsehen lief nichts. Uns war stinklangweilig. Das waren keine guten Voraussetzungen für ein angenehmes Beisammensein. Alleine die Langeweile ließ das Gefühl der Angst in mir aufsteigen. Das Schema war immer das gleiche: Irgendeinem, meistens Karlo, fiel ein kleines grausames Spielchen ein. Dann kam Martin noch dazu und der Rest der Gang folgte widerspruchslos.
Karlo hatte die Idee, Rainer nackt auszuziehen, zu fesseln und auf den Balkon zu setzen – so was gefiel mir gar nicht, aber wenn ich nicht selber nackt auf dem Balkon landen wollte, musste ich mitmachen. Diese Art von Spielchen liefen bei uns unter dem Motto »Spaß«. Wir kicherten und lachten und Rainer verdrückte sich das Heulen.
Während wir uns dann das Vormittagsprogramm reinzogen, saß Rainer nackt und gefesselt auf dem Balkon. Aus seinen Augen liefen Tränen, aber nicht nur wegen der Kälte, er konnte nicht verstehen, warum wir ihm das angetan hatten. Wir waren doch seine Freunde. Und wir verstanden es genauso wenig – das war die verdrehte Welt von Neuaubing.
Fast immer, wenn sich etwas gegen Rainer richtete, war Karlo der Drahtzieher. Das mit dem Balkon war schon ziemlich übel. Sonst musste Rainer immer nur kleinere Späße über sich ergehen lassen, wie die Schamhaar-verseng-Aktion, bei der Karlo Rainer gezwungen hatte, die Hosen runter zu lassen und ihm dann vor allen Umstehenden sämtliche Schamhaare mit dem Feuerzeug verbrannte. Ein Andermal überredete er Rainer dazu, quasi als Unfallopfer in eine Bäckerei zu gehen. Wir legten ihm einen Kopfverband an und schminkten ihn etwas mit roter Farbe, damit es auch tragisch aussah. Dann klemmten wir ihm sein Fahrrad unter dem Arm und drückten ihm noch einen Zettel in die Hand. Rainer startete, stolperte zur Tür herein, stand dann perfekt mit Kopfverband und Fahrrad unterm Arm in der Bäckerei und las von seinem Zettel ab: »Ich bin auf den Kopf gefallen und brauche jetzt Semmeln.« Die Bäckerleute staunten nicht schlecht, gaben ihm aber dann zur Genesung, oder weil sie sonst nichts damit anzufangen wussten, zwei Semmeln mit auf den Weg. Danach standen die Bäckersleute entgeistert hinter ihrem Schaufenster und sahen mindestens sechs Jungs mit einem Lachanfall vor der Bäckerei am Boden liegen, die sich nicht mehr einkriegten.
Egal was wir alles mit Rainer anstellten, er kam immer wieder zu unserer Gang zurück.
Rainer war einfach zu gut für diese Welt.
So gesehen teilten sich Neuaubings Menschen in zwei Lager: Vor den einen hatte man Respekt und die anderen zollten einem Respekt.
Schwarz und Weiß.
Vor der anderen Gang hatte ich ziemlich Schiss.
Mittlerweile waren bei denen noch Jüngere dazugestoßen und die bildeten dann den Vorhof zur Hölle.
Im Schnitt waren sie etwa ein Jahr jünger als wir und wären uns somit sicherlich unterlegen gewesen, wenn nicht die Größeren, meistens noch in Form ihrer Brüder, hinter ihnen gestanden hätten. Zudem traten sie nur in Gruppen auf, und so schlugen sie auch zu. Da gab es keine Chance, gegen zehn konnte man nicht gewinnen.
Hätte alles kein Problem dargestellt, wenn nicht das Jugendzentrum, in dem immer Partys veranstaltet wurden, mitten in ihrem Gebiet gelegen hätte.
Neuaubing
Neuaubing – wir nannten es auch klein Chicago – war von München abgetrennt. Wenn man als Jugendlicher nachts durch die Straßen lief, musste man sich genau überlegen, welche Viertel man wählte, es gab so manche Orte, die man besser mied.
Niemals über die Limesstraße ins Zigeuner-Viertel!
Niemals zu den Tischtennisplatten hinten am Schlittenberg! (Denn dort war der Treffpunkt der »oberen« Gang.) Und auf keinen Fall zur Hochhaussiedlung in der Kunreuthstraße!
Die meisten unserer Clique trafen sich abends im Cafe’ Reischer, dem Stammlokal unserer Gang und betranken sich regelmäßig mit Alkohol. Marcel und mir wurde das zu langweilig und so machten wir uns eines Tages gemeinsam auf den Weg ins gegnerische Lager zur Party. Ich dachte mir, das wird schon gut gehen, schließlich war Marcel nicht irgendwer und sein Ruf war weit über unser Viertel hinaus Legende.
Damals lief im Kino »The Warriors«, ein Film über Rocker-Gangs in New York, und in dem Streifen war eine Gang auf Roller-Skates unterwegs. Beeindruckt von diesem Film fuhr fast die ganze gegnerische Gang diese Roller-Skates, und sie nannten sich nun auch die Warriors.
Karl war in der gegnerischen Gang der »Mister Unbesiegbar«. Eigentlich konnte man gegen Karl nichts sagen, er war ein Prolo wie die anderen und letztlich wie wir auch.
Wie es anfing, weiß ich nicht mehr genau. Wir waren gerade angekommen und noch vor der Türe hatte irgendjemand Marcel angerempelt. Im Nu standen acht, neun Leute um ihn herum, alle auf Roller-Skates, und sie fingen an zu schlagen. Eine Hand packte ihn an den Haaren, Fäuste krachten in sein Gesicht. Marcel ging zu Boden. Dann traten sie mit den Skates nach ihm. Ich stand daneben, zitterte, die Angst floss durch meinen ganzen Körper. Wie gelähmt, in Zeitlupe, versuchte ich nur einen nach dem anderen wegzuziehen, aber ergebnislos – jeder wollte noch ein bisschen reinschlagen. Dann kam Karl und pfiff seine Bluthunde zurück: »Wie unfair, den mache ich doch alleine platt!« Sie ließen von ihm ab, machten Platz für ihren Chef. Marcel krümmte sich und stand dann wankend wieder auf. Er wusste es und ich wusste es, die Sache war noch lange nicht ausgestanden. Jetzt musste er gegen Karl antreten, »sich gerade machen«, so ließen sie ihn nicht ziehen. Marcel stellte sich – trotz des Blutes, das ihm übers Gesicht rann – dem Kampf. Es gab kein Zurück. Karl sprang in ihn rein, er ging ins Karatetraining und war sich seiner Sache sicher.
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