K. D. Beyer - Henkersmahlzeit

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Worum geht es?
Ein eiskalter Serienkiller sorgt für Angst und Schrecken im Ruhrgebiet, vor allem bei Sophie.
Mike, ihr neuer Nachbar erscheint ihr verdächtig. Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Johannes macht sich Sophie auf Verbrecherjagd und wird selbst zur Gejagten.
Wasserleichen zwischen Essen und Duisburg werden zu Schlüsselfiguren und ein kluger Kopf kämpft bis zum bitteren Ende.
Wer soll dieses Buch lesen?
Nichts für zarte Gemüter!
Die Sogwirkung des Krimis führt den Leser in die dunkelste Vergangenheit der Protagonisten, lässt das Unwahrscheinliche Wirklichkeit werden und das Blut in den Adern gefrieren.
Was macht es spannend und einfach unwiderstehlich?
Ein Thriller wie guter Champagner zu einem edlen Mahl: geistreich und prickelnd, so süffig, dass man ihn bis zum letzten Tropfen genießen möchte.

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„Sophie, beruhige dich, der alte Hansen ist harmlos. Er ist kauzig, aber harmlos …“

Vera blickte ernst, beinahe streng. „Sei bitte immer vorsichtig, vertrau‘ deinem gesunden Menschenverstand und sei immer auf das Schlimmste vorbereitet.“

Sie hatte keinen besseren Rat für ihre Freundin. Die Opfer gaben so viele Rätsel auf. Wahrscheinlich hatten sie überhaupt keine Zeit und keinerlei Möglichkeit gehabt, sich zu wehren. Sie wurden von ihrem Mörder eiskalt erwischt. Auch das dritte Opfer nicht, das erst gestern von Spaziergängern im Wald entdeckt worden war. Alle drei waren auf bestialische Art zugerichtet. Es fehlten verschiedene Organe und Körperteile.

Und heute war dann auch noch ein viertes Opfer aufgetaucht.

Ein Mitarbeiter eines Museums hatte sie heute, kurz vor zwölf, ganz aufgeregt angerufen. Vera hatte sich gerade Gedanken über ihr Mittagessen gemacht, als das Telefon schrillte und sie aus ihren kulinarischen Überlegungen jäh herausgerissen hatte.

„Hier ist Gregor!“ meldete sich eine aufgeregte Männerstimme und Vera brauchte nur einen kurzen Moment, um ihn als den zuvorkommenden jungen Mann aus dem Museum wieder zu erkennen. Sie hatte ihm vor wenigen Tagen ihre Visitenkarte gegeben. Er solle sich melden, falls er etwas Auffälliges beobachten würde, hatte sie ihm gesagt und ihm dabei lächelnd ganz tief in die Augen geschaut. Offensichtlich hatte er nun etwas Verdächtiges bei einer seiner Vorführungen mit der Camera Obscura entdeckt. Seine Stimme, die sich beinahe überschlug, verriet ihr den Grund seines Anrufs. Vera vergaß ihren Appetit und notierte sich aufmerksam Gregors Bericht. Sein Arbeitsplatz, das Museum, befand sich in einem ehemaligen Wasserturm. In der Kuppel des historischen Gebäudes befindet sich eine begehbare Camera Obscura. Diese Camera Obscura projiziert gestochen scharfe Bilder von draußen in den dunklen Raum auf den Projektionstisch. Vera besuchte regelmäßig mit Sophie die Ausstellungen im Museum und sie dachte kurz an ihren letzten Besuch, bei dem Sophie beinahe die Treppe hinunter gefallen wäre, wenn Gregor sie nicht fest gehalten hätte. Gregor schilderte kurz und knapp den Grund seines Anrufs und bat Vera darum, seinen Verdacht umgehend zu überprüfen. Er hatte heute Vormittag aufgeweckten, neugierigen Grundschulkindern einen spektakulären Rundumblick auf ihre Heimatstadt gezeigt. Ein wolkenloser Himmel und strahlender Sonnenschein ermöglichten einen besonders guten Panoramablick und die Livebilder von einer Katze auf Mäusejagd sorgten für großen Spaß. Die Kinder wurden immer ausgelassener und waren kaum noch zu bändigen. Gregor lenkte die Rasselbande ab, indem er langsam auf die Suche nach einem neuen interessanten Objekt ging.

Plötzlich rief ein Junge, der die ganze Zeit auffallend still gewesen war: „Schau mal – da!“ und deutete auf einen dunkeln Fleck, der vor ihm, am äußersten Bildrand, zu sehen war. Gregor wollte dem Kind, wie gewohnt, eine Freude machen und das undefinierbare Etwas, das das Interesse des Jungen geweckt hatte, für alle näher heranzoomen. Doch sein geübter Blick hatte im Bruchteil einer Sekunde realisiert, dass dieser Anblick ganz und gar nicht für Kinderaugen bestimmt war. Schnell ließ er den Fleck ganz verschwinden und die Mäusejagd stand wieder im Focus. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, wollte auch er sich diesen verstümmelten Torso in der Nähe des Schrottplatzes nicht unbedingt genauer anschauen.

Dafür war er definitiv nicht zuständig.

„Finn-Lukas, komm‘ sofort da runter!“ Ein Junge hatte sich von der Gruppe entfernt und turnte auf den Sitzen herum. Die Lehrerin war zum Glück abgelenkt gewesen und hatte, wie beinahe alle Kinder, nichts gesehen.

Ohne Zweifel hatte das Monster schon wieder zugeschlagen.

Als die quirlige Schulklasse gegangen war, wählte er hastig Veras Nummer.

„Gesunder Menschenverstand – als ob ich den noch hätte in dieser Welt. Was würdest du denn tun, Vera? Ihm in die Eier treten? Kämpfen? Wie soll ich mich denn vorbereiten auf diese wilde Bestie, die da draußen frei umher spaziert? Ich kann doch nicht nur noch zu Hause bleiben!“

Bei diesen schrecklichen Mordfällen, die die Polizei so sehr in Atem hielt, gab es jede Menge Ungereimtheiten: vieles wies auf einen Täter hin und doch sprach einiges dagegen.

Jede Antwort wirbelte eine Fülle neuer Fragen auf. Und nichts, aber auch gar nichts durfte an die Öffentlichkeit dringen, um eine Massenhysterie zu vermeiden.

„Schluss jetzt“, sagte Vera energisch, „mein Chef hat mir morgen frei gegeben, damit ich mich mal wieder ordentlich ausschlafen und meinen Akku wieder aufladen kann!“

Sophie blickte zur Uhr: „Was für ein Zufall – ich habe sogar bis Freitag frei. Aber das ist eine andere Geschichte … Du hast recht! Wieso soll ausgerechnet ich diesem Meuchelmörder über den Weg laufen?“

„Ja, warum ausgerechnet du? Der würde Angst vor die bekommen und schreiend vor dir weglaufen, bei deinem Knoblauchkonsum!“

„Dumme Kuh!“

Sie lachten und machten sich erneut über die Plätzchen her.

„Und was hast du denn heute noch Schönes vor an deinem freien Abend? Lass mich raten – du hast ein Date mit einem Unbekannten!“

„Ach ja, genau – beinahe hätte ich diesen Eberhard vergessen. Wir treffen uns um halb sieben zum Essen beim Italiener. Wartest du bitte kurz, ich zieh mich schnell um.“

„Na klar …!“ In dieser Zeit konnte sie schnell nachschauen, ob ihr Chef sich erneut gemeldet hatte, um ihr mitzuteilen, dass er es sich anders überlegt hat und sich nur einen geschmacklosen Witz erlaubt hatte. Sophie glaubte nicht wirklich daran. Jede Menge Nachrichten waren eingegangen. Darunter kam keine aus dem Büro. Sie hatte noch nicht mal die Hälfte gesichtet, als warme, weiche Hände ihre Augen zuhielten.

Sie konnte die angenehme Wärme von Veras Körper spüren.

„Überraschung!“

„Hey!“ knurrte Sophie und rutschte reflexartig vom Stuhl, um sich aus Veras Händen zu lösen. Mit einem Ruck drehte sie sich um.

Ihre Freundin sah sehr verführerisch aus in ihrem kurzen, roten Kleid.

Ihre noch kürzeren schwarzen Haare betonten ihre klassisch schöne Kopfform. Sie sah aus wie ein zu klein geratenes Top Model, nicht wie eine Polizistin auf Verbrecherjagd.

„Whow!“ hauchte Sophie und Vera kicherte zufrieden. Dann musterte sie Sophie aufmerksam und bemerkte, dass ihre Freundin beinahe so verwaschen wirkte, wie die alte Jeans, die sie trug.

„Du solltest dich auch mal wieder mit jemandem verabreden. Dann bekommst du zumindest mal wieder was Ordentliches zwischen die Zähne. Vorher gehen wir allerdings shoppen.“

„Die Jagd auf Männer überlasse ich dir. Dafür bin ich zu alt – ich lege mich lieber auf die Couch vor dem Fernseher und knabbere Chips. Du kannst nach deinem Date übrigens, wie immer, bis spätestens zehn Uhr noch zu mir kommen und mir Bericht erstatten – bei Bedarf“.

„Falls es allerdings ….“

„Na klar, dann sollt ihr natürlich den Abend ganz für euch alleine haben. Viel Spaß, kleine Hexe!“ flüsterte Sophie Vera ins Ohr, als sie ihre Freundin zum Abschied herzlich umarmte.

Echo

Echo ist in der griechischen Mythologie der Name einer Bergnymphe, wohnhaft in Grotten, Wäldern und Bergen.

Nymphen sind mystische Wesen und können Hexe und Fee zugleich sein.

Nach dieser Bergnymphe ist das bekannte Phänomen des Echos benannt.

Es entsteht, wenn Reflexionen einer Schallwelle so stark verzögert sind, dass man diesen Schall separat wahrnehmen kann – zum Beispiel an Felswänden.

Echos werden vom Gehör genutzt, um Raumgrößen und Entfernungen zu schätzen. Sophie hatte davon gehört, doch sie konnte es nie so richtig verstehen. Sie war ja keine Fledermaus. Nach dem Tod von Max im Meer verbrachte sie ihre Urlaube nur noch in den Bergen.

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