Geschickt suchte sie sich mit ihren schmalen Händen die größten Kiesel aus und packte sie in ihre tiefen Manteltaschen.
Der Mantel war schwarz und lang. Er reichte ihr bis an die Knöchel und war viel zu weit. Ihre Großmutter war eine große, stattliche Frau gewesen. Sie hatte sehr viel Wert auf teure, gute Kleidung gelegt. Ihre Sonnenschirmchen mit silbernen Griffen, die edlen Pelze und zahlreichen kunstvoll verzierten Hüte waren fein säuberlich in der obersten Ablage im Kellerschrank verstaut.
Charlie hatte sich den schweren Wollmantel mit den 5-Mark-Stück-großen Knöpfen aus Perlmutt ausgesucht. Schon als kleines Mädchen mochte sie diese Knöpfe. Sie schillerten warm in den unterschiedlichsten Pastelltönen. Charlie packte den Knopf zwischen Brust und Bauchnabel mit Daumen und Zeigefinger und rieb ihn sanft zwischen den Fingern. Das Material fühlte sich fest und zerbrechlich zugleich an.
Die Last der Steine und der Erinnerung verlangsamten ihre Schritte zum Ufer.
Sie schluchzte und Tränen verschleierten ihre Sicht als sie sich langsam dem Wasser näherte.
Das Kreuz stand noch da. Es hatte ihre Größe. Sie hatte gestern Abend hier an einem abgebrochenen Birkenstamm einen kürzeren halb verfaulten Ast mit einem rostigen Stacheldraht im oberen Drittel befestigt. Dabei hatte sie sich die Finger blutig gerissen.
Liebevoll strich sie über das Holz und schlang hastig ihren schwarzen Seidenschal darum.
Mit einem entschlossenen Lächeln setzte das Kind seinen Weg fort zum kalten Fluss, um nie mehr zurückzukehren in das Grau der 60er Jahre.
Delta - der dreieckige Großbuchstabe des griechischen Alphabets gab im 5. Jahrhundert vor Christi ursprünglich dem Nildelta und später jedem Flussdelta seinen Namen. Es handelt sich dabei um eine Flussmündung in ein anderes Gewässer, bei der sich der Hauptstrom in mehrere Mündungsarme gabelt.
Der griechische Komödienautor Aristophanes jedoch bezeichnete im Jahre 411 v. Chr. in seiner „Lysistrata“ mit Delta die weibliche Scham.
Ruhig und gemächlich fließt die Ruhr seit vielen tausend Jahren Kilometer um Kilometer vom Sauerland in den Rhein. Sie fließt durch eine abwechslungsreiche Landschaft, vorbei an malerischen Dörfern mit schiefen Fachwerkhäusern, großen Städten mit beeindruckender Industriekultur und abwechslungsreiche Natur.
Nach ungefähr 220 Kilometern mündet die Ruhr bei Rheinkilometer 780 in Duisburg in den Rhein. An dieser Stelle befindet sich eine 25 Meter hohe leuchtend orangefarbene Landmarke aus Stahl. Die Skulptur „Rhine Orange“ ist 7 Meter breit und einen Meter tief. An diesem Ort scheint die Weite des Himmels unendlich zu sein. An sonnigen Tagen ist der Himmel besonders strahlend blau im Kontrast zu „Rhine Orange“. Ist der Himmel bewölkt, bieten die vorbeiziehenden Wolken ein ganz einzigartiges Schauspiel und die Weite des Himmels wird jedem Betrachter an diesem Delta besonders bewusst.
Nach über einem halben Jahrhundert war das Holzkreuz am Ruhrufer verwittert, vermodert, verschwunden. Die Leiche des Mädchens wurde damals nicht weit von der Stelle, an der Charlotte ins Wasser gegangen war, wenige Wochen später gefunden. Im Morgengrauen hatte die Ruhrwacht sie kurz vor der Schleuse aus dem Wasser geborgen. Die schlimmsten Befürchtungen der Eltern wurden zur traurigen Gewissheit und auch der kleinste Hoffnungsschimmer war für immer erloschen durch die bittere Wahrheit.
Die kleine Familie zerbrach an diesem traurigen Schicksal. Charlottes Verzweiflung steckte alle an. Sie hatte sich doch zunächst so gut erholt nach dieser schlimmen Zeit. Schien wieder glücklich und zuversichtlich zu sein. Zurück blieben ein Vater, der immer mehr dem Alkohol verfiel, eine Mutter, die sich immer weiter hinter ihren Zwängen, Ritualen und Depressionen versteckte und ein noch sehr kleiner Bruder, der von nun an immer mit dem Schatten der großen Schwester leben musste. Sie musste ihn sehr geliebt haben. Seine Mutter versicherte es ihm immer wieder und zeigte ihm Schwarz-Weiß-Fotos von seiner großen Schwester, die sie hütete wie einen kostbaren Schatz. Seine Charlie war so schön und strahlte so viel Wärme und Liebe aus. Der winzige Knirps strahlte vor Glück neben ihr. Dieses Familienidyll wurde jäh zerstört, als Charlie eines Tages einfach verschwunden war und für den kleinen Michael nur noch eine Mauer eisigen Schweigens übrig ließ.
Die eigentliche Zerstörung begann jedoch bereits viel früher. Sie begann, als Vater und Mutter verlernt hatten, sich zu achten, zu lieben und zu ehren.
Die Zeit hatte den Schmerz und die Erinnerung an Charlies frühen Tod gelöscht. Der Vater war tot und die Mutter lebte in ihrer eigenen Welt, jenseits aller Erinnerungen. Michael, der beinahe von Anfang an nur Mike genannt wurde, war weg gezogen, weit weg. Dort gelang es ihm halbwegs, sein Leben in den Griff zu bekommen.
Es war Herbst, ein angenehmer Altweibersommer und es war noch lange kein Schnee in Sicht.
„Für die Jahreszeit zu warm!“, meldete der Wetterbericht.
Sophie saß mit geschlossenen Augen auf einer Holzbank am Fluss und ließ sich die wärmende Nachmittagssonne ins Gesicht scheinen. Diesen Tag, der so hektisch begonnen hatte, wollte sie in Ruhe ausklingen lassen. Sie lauschte andächtig den zwitschernden Vögeln. Neben ihr lag ein altes knallgelbes Büchlein. Sie hatte es neben einer zum Öffentlichen Bücherschrank umgebauten Telefonzelle gefunden.
Sophie hatte die Lektüre aufgehoben und mit dem Taschentuch abgewischt.
„Lysistrata“ von Aristophanes.
Titel und Autor kamen ihr irgendwie bekannt vor. Sie überlegte kurz. Nein, sie hatte vergessen, um welches Thema es ging. Daher überflog Sophie schnell die kurze Zusammenfassung.
Aha – eine Geschlechterkampf-Komödie!
Allerdings schien dieses Werk anders zu sein, als die unzähligen modernen Titel in den Buchhandlungen. Diese Variante hörte sich frisch an, obwohl sie doch uralt war.
Sophie steckte das Büchlein, sorgfältig, wie einen kostbaren Schatz, in ihre Jackentasche, um es in Ruhe unten am Fluss zu lesen. Es ging um den Kampf einiger Frauen aus Athen und Sparta gegen die Männer als Verursacher von Krieg und seinen schrecklichen Folgen. Unter der Führung von Lysistrata besetzten sie die Akropolis und verweigerten sich ihren Männern. Nach zahlreichen Verwicklungen führte der Liebesentzug in der Komödie dann tatsächlich zum Frieden.
„Wenn das so einfach wäre, gäbe es längst keine Kriege mehr. Wie naiv und romantisch!“, dachte Sophie, während sie mit ihrem Buch zum Fluss schlenderte.
Sie konnte sich später nicht daran mehr, was sie dazu veranlasst hatte, ihr Smartphone nach geraumer Zeit aus ihrer Tasche zu wühlen. Vielleicht hatte sie gehofft, irgendeine nette, liebevolle Nachricht von einem wohlgesonnenen Menschen darin zu entdecken. Dies war zwar unwahrscheinlich, aber immerhin möglich.
Dummerweise war es eine Nachricht ihres Chefs, der ihr mitteilte, dass ihr Urlaub im Dezember leider gestrichen werden musste. Auf Grund einer Gesetzesänderung erwartete die Geschäftsleitung einen höheren Auftragseingang. Das bedeutete: Urlaubssperre für die letzten Wochen des Jahres. Der Resturlaub sollte unbedingt bis zum 30. November genommen werden. Sophie hatte sich beinahe ihren kompletten Jahresurlaub für diese vierwöchige Reise nach Mexiko und Peru im Dezember aufgespart. Und darauf sollte sie nun verzichten? Für den Rest der Woche könne sie zunächst gerne ihre Überstunden abbauen.
Hätte er nicht bis morgen mit dieser Nachricht warten können?
Nun war Sophies Laune auf dem Nullpunkt angekommen und ihr Feierabend versaut.
Das Bild, das sie vorher noch von ihrem Chef hatte, der ihr einen schönen Feierabend gewünscht hatte, verwandelte sich im Nu. Wie bei diesem berühmten Kipp-Bilder: aus der Schönen wird das hässliche Biest.
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