Der Anspruch auf Macht über Leben und Tod, wilde Entschlossenheit und äußerste Brutalität waren bei ihnen besonders ausgeprägt. Sie planten alles, bis auf die Tat selbst und das Opfer.
Johannes war fasziniert davon, mit welcher Leichtigkeit und Gleichgültigkeit seine Klienten über ihre Missetaten sprachen. Ganz so, als ginge es um einen kleinen Abend-Spaziergang und nicht um die Qualen eines anderen Menschen.
Die Personen, die er analysiert hatte, sahen aus wie ganz normale Menschen. Keiner sah ihnen das Perfide an der Nasenspitze an. Seine Klienten setzten auch bei ihm ihre große Gabe ein, Menschen zu manipulieren und für sich zu gewinnen. Diese Tricks wirkten auch bei ihm, doch zum Glück durchschaute er sie schnell.
Jeder einzelne seiner Klienten hatte etwas anderes, das ihn antrieb. Doch diese Kälte, diese eiskalte Gefühlskälte, fand er in allen wieder. Besonders faszinierte Johannes sich für die sexuellen Sadisten, die sich ihre Befriedigung aus den Qualen anderer holen und dafür den Widerstand als Mittel zum Zweck brauchen. Oft lag vor der ersten Tötung ein langer Prozess mit zahlreichen Vergewaltigungen.
Viele Mörder wurden zufällig überführt.
Johannes hoffte, durch die intensive Beschäftigung mit Mister X, Zeit zu gewinnen, im Kampf gegen seine Krankheit. Für ihn war der Fall ein Kopf an Kopf Rennen gegen das Vergessen.
Wie erwartet, fand Johannes beim Stöbern in den alten Büchern nichts Brauchbares. Doch er nahm sich vor, bald mal wieder dieser gemütlichen kleinen Buchhandlung einen Besuch abzustatten.
Falls er es nicht vergessen würde.
Er verspürte Hunger und beschloss, nach Hause zu fahren. Er setze sich in sein Auto und fuhr mit Hilfe seines intelligenten Navigationsgerätes den kurzen Weg zu seiner neuen Wohnung in dem kleinen Dorf, in dem auch Sophie und Vera wohnten.
Er wanderte die Dorfstraße entlang und hielt in den Kneipen und Restaurants Ausschau nach einem freien Platz.
Beim Italiener hatte er Glück.
Der kleine Tisch am Eingang war heute noch nicht besetzt. Dieser „Notsitz“ war sogar besonders beliebt, weil seine strategisch günstige Lage direkt bei der Garderobe, sich als ausgesprochen kommunikativ erwiesen hatte. Johannes war das zunächst gar nicht recht, doch dann nahm er die Entschuldigungen an, wich geschickt den langen Mänteln aus, duckte sich weg und begrüßte oder verabschiedete beinahe jeden Kunden einzeln. Außerdem konnte Johannes von dort aus bestens das emsige Treiben in der Küche und die Gäste an den anderen Tischen beobachten.
Am großen Tisch, ganz hinten, tagte ein lebhafter Elternstammtisch. Er war zum Glück weit genug entfernt, dass der Lärm, den die heitere Runde verursachte, Johannes nicht störte.
Zwei junge Frauen und ein junger Mann liefen eifrig hin und her, nahmen Bestellungen auf, servierten die ansprechenden Speisen und kassierten ab. Johannes konnte sehen, wie die jungen Frauen um ihren Kollegen buhlten. Er konnte sehen wie die weiblichen Gäste sehr gern von diesem Kellner umsorgt wurden. Der Großteil der anwesenden Damen war offensichtlich sehr angetan von diesem unwiderstehlichen, durchtrainierten Helden.
Johannes senkte seinen Kopf und vertiefte sich in die Speisekarte.
„Bona sera, darf ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?“ Die tiefe Stimme des Kellners hatte einen charmanten italienischen Akzent. Johannes ließ sich einen Wein empfehlen, passend zu seinem Fisch.
Während er auf seinen Rosé wartete, beobachtete er weiter die Anwesenden.
An den kleinen Tischen saßen Pärchen, dies sich offensichtlich für ein erstes Kennenlernen verabredet hatten.
Johannes machte sich ein Spaß daraus, aus den Gesprächsfetzen, die herüberflogen, Prognosen für deren Zukunft zu stellen.
Heute gaben die Kandidaten mal wieder sehr schlechte äußerst klägliche Vorstellungen. Immer einer der beiden quasselte zu viel und merkte nicht, wie sein Gegenüber sich langweilte.
Johannes nippte an seinem Wein und beobachtete, wie in der Küche sein Essen zubereitet wurde: Steinbutt mit Pilzen und Kartoffelgratin.
Beim Essen schielte er immer wieder zu der Frau im roten Kleid. Sie hatte ihm sogar ein Mal zugenickt, fast so, als ob sie sich kennen würden. Doch er konnte sich nicht erinnern. Auf alle Fälle wirkte sie sehr gelangweilt von ihrem Bewerber. Dieser schien dies jedoch zu ignorieren und redete permanent auf sie ein. Am anderen Tisch saß ein Mann, der hätte viel besser zu ihr gepasst. Doch dieser wurde von seiner Partnerin in Beschlag genommen. Sie bemerkte gar nicht, wie er immer wieder auf die Uhr über der Eingangstüre schielte.
Da saßen nun also zwei Menschen, Rücken an Rücken, die vielleicht eine Chance auf eine gute gemeinsame Zeit gehabt hätten.
„Nicht mein Problem“, Johannes lies den Steinbutt auf seiner Zunge schmelzen.
Die Frau mit dem roten Kleid hätte gerne das Treffen beendet. Für Johannes war dies offensichtlich. Doch sie schien zu höflich, um einfach aufzustehen, dem Schwätzer noch einen schönen Abend zu wünschen und nach Hause zu gehen.
Doch da hatte Johannes sich getäuscht. Mit einem lauten „Dafür ist mir meine Zeit zu schade!“ stand sie auf, knallte einen Geldschein auf den Tisch und stürmte auf Johannes zu. Ärgerlich wollte sie einen roten Trenchcoat von der Garderobe reißen, dabei fiel eine schwere, schwarze Lederjacke herab und landete direkt auf Johannes.
„Tschuldigung, wie peinlich! Sind sie verletzt?“ stammelte die Verursacherin.
Grinsend schaute Johannes unter der Jacke hervor. So etwas Verrücktes war ihm schon lange nicht mehr passiert.
Sie lächelte erleichtert zurück.
Der Mann, den sie soeben verlassen hatte, schaute verdattert herüber. Die Frau untersuchte die Jacke nach eventuellen Beschädigungen oder Flecken und blickte sich suchend um. Der Mann vom Nebentisch erhob sich und nahm die Jacke in Empfang, um sie wieder aufzuhängen.
„Bitte melden Sie sich, wenn sie doch noch Flecken oder Beschädigungen an der Jacke finden sollten. Ich gebe Ihnen meine Visitenkarte unter der Sie mich erreichen können!“ Erfreut nahm der Lederjacken-Mann die Visitenkarte entgegen und steckte sie in seine Jeanstasche. Die Verlassene am Tisch schäumte vor Wut.
„Junge, in deiner Haut möchte ich nicht stecken!“ dachte Johannes mitfühlend.
„Bekomme ich auch Ihre Karte, falls ich morgen mit einem Schädel-Hirn-Trauma aufwachen sollte – und die Kopfschmerzen nachweislich nicht von diesem köstlichen Wein hier stammen?“ Johannes war in Höchstform. Vielleicht wurde die alte Ziege dort drüben dann auch wieder entspannter.
„Natürlich – tut mir echt leid!“ Sie suchte nach einer weiteren Visitenkarte und reichte sie Johannes.
Sie gab ihm die Hand und verabschiedete sich auch von den Nachbartischen mit einem kurzen Nicken.
Johannes schaute auf die schlichte Visitenkarte.
Sie hieß Vera.
Hotel Ritz? Oder war es etwa das Hilton in New York?
Mike erwachte.
Er lauschte konzentriert in die dunkle Stille.
Wo war er?
Er lag auf dem Rücken, sein Körper war wie gelähmt. Er schien auf sich selbst von der hohen Decke mit den edlen Stuckornamenten hinabzublicken.
Benommen versuchte er, sich zu erinnern.
Er hatte geträumt.
Auch wenn er sich an kein Detail erinnern konnte, wusste er, dass er etwas Schreckliches im Traum erlebt hatte. Der Alptraum wirkte nach und sein Atem hörte sich an wie auf seiner letzten Etappe damals am Himalaya. Schwer wie Blei lag er mit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit.
Mit angehaltenem Atem lauschte er der Stille. Vielleicht konnte er das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos hören, das Surren eines Kühlschranks, das Ticken einer Uhr?
Nein, da war nichts – nur fremde Stille.
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