K. D. Beyer - Henkersmahlzeit

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Worum geht es?
Ein eiskalter Serienkiller sorgt für Angst und Schrecken im Ruhrgebiet, vor allem bei Sophie.
Mike, ihr neuer Nachbar erscheint ihr verdächtig. Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Johannes macht sich Sophie auf Verbrecherjagd und wird selbst zur Gejagten.
Wasserleichen zwischen Essen und Duisburg werden zu Schlüsselfiguren und ein kluger Kopf kämpft bis zum bitteren Ende.
Wer soll dieses Buch lesen?
Nichts für zarte Gemüter!
Die Sogwirkung des Krimis führt den Leser in die dunkelste Vergangenheit der Protagonisten, lässt das Unwahrscheinliche Wirklichkeit werden und das Blut in den Adern gefrieren.
Was macht es spannend und einfach unwiderstehlich?
Ein Thriller wie guter Champagner zu einem edlen Mahl: geistreich und prickelnd, so süffig, dass man ihn bis zum letzten Tropfen genießen möchte.

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Manchmal musste sie dann ganz laut schreien und freute sich, wenn sie ein Echo bekam. Raum, Zeit und Entfernung spielten dabei für sie keine Rolle mehr. Nur die verlässliche Antwort auf ihren Hilfeschrei zählte. Dann wusste sie, dass sie sich wieder etwas weiter von ihrem Schmerz entfernt hatte.

Damit Göttervater Zeus Zeit für seine Schäferstündchen hatte, unterhielt die Nymphe Echo dessen Gattin mit dem Erzählen von Geschichten. Als die betrogene Gattin das Spiel durchschaute, verhexte sie Echo zur Strafe. Die arme Nymphe konnte von nun an nicht mehr sprechen, sondern nur noch die letzten an sie gerichteten Worte wiederholen.

Als ob das nicht schon schlimm genug wäre. Nein, Echo verliebte sich auch noch in den schönen Jüngling Narziss, der ihre Liebe jedoch nicht erwiderte.

Echo war darüber so traurig und gedemütigt, dass sie sich in einer Höhle versteckte, keine Nahrung mehr zu sich nahm und schließlich verkümmerte, bis sie nur noch Stimme war. Ihre Knochen wurden zu den Felsen, die das Echo zurückwerfen, und zugleich das Aussehen einer wunderschönen jungen Frau haben.

Narziss, dieser Dummkopf, wurde später von einer Rachegöttin damit bestraft, dass er sich hoffnungslos in sein schönes Spiegelbild verliebte.

Es war noch früh am Abend und Sophie wollte noch nicht nach Hause gehen. Sie wollte nach dem Ärger über das Büro und dem Gespräch mit Vera noch einen kleinen Spaziergang am Fluss machen.

Es dämmerte bereits leicht.

Noch immer waren zahlreiche Sportler unterwegs in den Ruhrauen.

Auf der Ruhr dümpelte ein Schlauchboot. Zwei Angler hatten es sich darin gemütlich gemacht, tranken Bier und unterhielten sich. Sie schienen es nicht eilig zu haben. Vielleicht wollten sie ja auch in der Dunkelheit weiter angeln oder einfach nur weg von zu Hause sein.

Der Wind stand so, dass Sophie ihr lautstarkes Gespräch mithören konnte. Sie stritten und unterhielten sich in bekannter Ruhrgebietsmanier. Plötzlich hörte Sophie ein lautes:

„Hey – wat is dat denn?“

Die Frage schallte durch das Ruhrtal und warf ein schallendes Echo zurück.

„Dat denn, dat denn …?“

Zwei Jogger hatten ihre Geschwindigkeit gedrosselt und neugierig ihre Köpfe gedreht. Auch sie schienen etwas hinter dem Busch entdeckt zu haben.

„Was’n los, Kalle?“

„Jetzt schau doch nur – da vorne!“ Kalle, der mit den offensichtlich schärferen Augen, war ruckartig aufgestanden und deutete ans Ufer.

Das Schlauchboot wackelte bedenklich

„Idiot – du bringst ja unser Boot zum kentern. Bleib‘ doch sitzen, du Hornochse!“

„Siehste dat denn nich‘? Da liegt wat, wat da nich‘ hingehört. Dat is‘ kein Müll!“

Nun sprang auch der andere auf und die beiden landeten beinahe im Wasser. Die beiden Jogger waren stehen geblieben und näherten sich neugierig dem Busch.

„Seht euch das mal an!“

Kalle streckte die Hand aus.

Sophie konnte nun von ihrer Bank aus nichts mehr sehen. Die Männer verstellten ihr die Sicht.

Es war beängstigend leise geworden. Sophie hielt den Atem an. Um sie herum war es totenstill, nur ihr eigener Puls drohte ihre Ohren zum Bersten zu bringen.

Während die beiden Jogger und Kalle in die Knie gegangen waren und an irgendetwas zogen, blieb der zweite Angler wie angewurzelt stehen und betrachtete sich das Ganze von oben.

Kein Wort drang herüber. Es herrschte entsetztes Schweigen. Dann entstand lebhafter Aktionismus. Ein Marathonläufer informierte lautstark die Polizei, die kurze Zeit später auch schon zu hören war.

Sophie erhob sich und machte sich schleunigst auf den Heimweg. Sie hatte genug gesehen und gehört und verspürte absolut keine Lust darauf, in der Dunkelheit alleine nach Hause zu gehen. Nicht nach dieser Welle des Entsetzens, die zu ihr herüber geschwappt war.

Oh nein! Das war ganz bestimmt nichts für ihre schwachen Nerven.

Morgen würde sie alles über diesen grausigen Fund aus der Zeitung erfahren. Heute wollte sie sich nicht noch mehr aufregen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihre Hilfe offensichtlich nicht erforderlich war, ging sie zügig nach Hause, vorbei an ahnungslosen Menschen, die friedlich auf den Bänken saßen und sich die Abendsonne ins Gesicht scheinen ließen.

Sie bekam nicht mehr mit, wie die Männer das blonde Haarbüschel vorsichtig und prüfend zwischen die Finger nahmen, das aus einer achtlos weg geworfenen Plastiktüte herausquoll.

Kalle zog leicht an den Haaren und ein übel zugerichteter Kopf ohne Ohren kam zum Vorschein. Der Mund war weit geöffnet – wie zu einem Schrei.

Ein totes Auge starrte die vier Männer an.

Foxtrott

Foxtrott – wieso hatte er nie gelernt Foxtrott zu tanzen oder irgendeinen anderen Tanz? Johannes saß am Ufer des Flusses und genoss die letzten Sonnenstrahlen. Aus der nahe gelegenen Tanzschule erklangen Schlagermusik und die geschmeidigen Ansagen eines Tanzlehrers.

„Eins, zwei, Wiegeschritt …!“

Vielleicht könnte ihn regelmäßiges Tanzen vor dieser Krankheit bewahren? Verstohlen beobachtete Johannes einen Mann, der auf der Holzbank, nur ungefähr fünf Meter von ihm entfernt saß. Der Mann schien steinalt zu sein. Er strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus. Eine Ruhe und Zufriedenheit, die Johannes schon lange nicht mehr in sich verspürt hatte.

Wie schaffte es der alte Mann nur, so lange und so unbeweglich und so ruhig da zu sitzen und dem fließenden Gewässer zuzuschauen? Ob dieser alte Mann Foxtrott tanzen konnte? Vielleicht war er ein ganz hervorragender Tänzer gewesen und deshalb geistig und körperlich so fit bis ins hohe Alter?

Johannes beobachtete die Tiere, die sich vor seinen Augen tummelten. Es waren zwei schneeweiße Vögel und vier braun melierte. Sie wirkten gleich groß. Seltsam, die dunkleren Jungen wirkten erwachsen, während die Alten wie unschuldige Kinder wirkten. War denn langsam nichts mehr wie es schien? Verdammt, wie hießen die Vögel noch gleich? Das Wort lag ihm auf der Zunge.

In welche neue, unbekannte Welt tauchte er langsam ab?

Er sollte nicht so viel über das Leben nachdenken.

Was hatte es ihm denn gebracht, dass er zwei Doktortitel hatte und ein anerkannter Wissenschaftler war?

Materielles konnte er vererben. Doch sein Wissen? Was würde aus seinem kostbaren Wissen werden?

Wofür die einsam verbrachten Nächte in der Bibliothek?

Sein Verzicht auf durchzechte Nächte, Frauen und wilde Partys?

Johannes war erst Ende 50 und hatte beruflich alles erreicht. Was wäre er ohne seine grauen Zellen, die ihn immer wieder mit neuen Erkenntnissen und Entdeckungen selbst überraschten?

Johannes kannte die unterschiedlichen Demenzformen nur zu gut.

Er hatte sie mit erforscht und dafür viel Anerkennung und Preise eingeheimst. Der Wissenschaftler hatte gehofft, dass die Forschung weiter wäre, bevor diese Krankheit eines Tages auch sein Gehirn befallen würde.

Vor ein paar Monaten bemerkte er erste Anzeichen. Er war immer so stolz auf sein brillantes Gedächtnis gewesen. Erst machte Johannes den Arbeits-Stress dafür Verantwortlich, dass er sich zum Beispiel nicht mehr sofort an den Namen der netten jungen Dame an der Kasse in seinem Lieblings-Café erinnern konnte.

Zu Beginn seiner Forschungen, vor über 30 Jahren, hatte er immer gesagt, dass er bei den ersten möglichen Anzeichen, seinen Job an den Nagel hängen, auf Weltreise gehen und das Leben genießen wollte. Seine Idee war, der Krankheit durch eine radikale Umstellung der Lebensumstände zu entkommen. Heute dachte er anders.

Es war noch viel zu früh!

Jetzt, auf dem Höhepunkt seines Schaffens! Ausgerechnet sein Genie sollte sich auflösen und im Nichts verschwinden! Wissenschaftler wie er zerbrachen sich seit vielen Jahrzehnten die Köpfe über das schleichende Vergessen der alternden Weltbevölkerung. Die Vorstellung, erlerntes Wissen in einer modernen, vernetzten Welt, wieder zu verlieren, verwirrte einen Kopfmenschen wie Johannes sehr. Er war doch Teil einer Welt, in der Milliarden von Gehirnen eng zusammenarbeiten und sich permanent weiterentwickeln. Erst diese Zusammenarbeit ermöglicht doch das kollektive Gedächtnis. Johannes war fest davon überzeugt, dass natürliche Neugierde, Kreativität und sprudelnde Informationsquellen dazu führen, dass wir morgen noch viel mehr wissen werden als gestern. Es war ein Wissen, das sicher schien und vermeintliche Sicherheit in einer unsicheren Welt vorgaukelte.

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