„Na dann, ab nach Hause.“ Sara legte ihren Gurt um.
„Hast du schon zu Abend gegessen?“, wollte Frija wissen.
„Ja. Matilda hatte Lasagne in den Backofen geschoben, war lecker.“
„Auch gut, dann muss ich nichts mehr zubereiten.“
Innerhalb weniger Minuten hatten sie die kurze Strecke zurückgelegt, das Haus lag einsam und verlassen im Dunkeln. Die glatte Oberfläche des Sees schimmerte wie poliertes Glas, in dem sich die schmale Mondsichel spiegelte.
„Was bin ich froh, wieder in meinem Bett schlafen zu können“, seufzte Frija und schloss die Haustür auf.
Smilla kam ihnen laut maunzend entgegen, ließ sich aber weder von Frija noch von Sara streicheln. Beleidigt setzte sie sich vor ihre Futternäpfe, obwohl diese noch bis zum Rand gefüllt waren.
„Unsere Dramaqueen“, lachte Sara.
„Oh, oh, da kenne ich aber noch eine“, stimmte Frija in das Lachen ihrer Tochter ein.
„Ach Mama, du nun wieder.“
Sara verschwand in ihrem Zimmer, während Frija ihren Trolley auspackte. Hastig stopfte sie die Schmutzwäsche in die Trommel der Waschmaschine, damit Sara keinen Verdacht schöpfte. Warum nur fühlte sie sich mit einem Schlag so schuldig? Das erotische Knistern zwischen Leif und ihr schien ihren Hormonhaushalt mächtig durcheinandergewirbelt zu haben.
Während die Waschmaschine leise rumpelnd ihre Arbeit versah, entkorkte Frija in der Küche eine Flasche Rotwein und schenkte sich ein Glas ein. Das war total unüblich, sie trank sonst nur zu besonderen Anlässen. Aber gerade in diesem Moment hatte sie das Gefühl, ihr aufgewühltes Gemüt beruhigen zu müssen. Himmelherrgott, es war doch nur Sex gewesen!
Ein helles Licht streifte die weiß gestrichene Holzbalkendecke und verwundert schaute Frija aus dem Fenster. Ein Fahrzeug wendete umständlich vor dem Haus und fuhr wieder davon. War das nicht ein Stockholmer Kennzeichen? Hastig zog sie die Vorhänge zu.
Sara steckte den Kopf zur Tür hinaus. „Was war denn das für eine Schnarchnase? Wo wollte der Typ um diese Uhrzeit hin?“
„Keine Ahnung“, erwiderte Frija. „Sonst verirren sich nur Touristen in den Sommermonaten zu uns.“
Zu ihrem Grundstück gehörten ein handtuchgroßes Stück Wald und ein Teilstück der Uferzone des Sees. Obwohl sogar ein Parken-Verboten-Schild am Wegesrand stand, nahm es damit niemand so genau.
„Sara, was würdest du von einem Hund halten?“, fragte Frija.
„Echt jetzt? Ich habe Ewigkeiten darum gebettelt und nun kommst du damit um die Ecke“, beschwerte sie sich. „Mama, du kannst mir sagen, was du willst, aber irgendetwas stimmt doch nicht?“
„Ach Schätzchen, es war doch nur so ein Gedanke. Ich jogge immer allein und so ein vierbeiniger Begleiter wäre schon ganz nett.“
„Mach was du denkst, ich gehe jetzt ins Bett.“ Sara gähnte demonstrativ.
Frija wusste, dass ihre Tochter noch lange wach sein würde, um mit ihren Freundinnen zu chatten. Aber gut, die Kids waren nur einmal jung.
„Gute Nacht, mein Mäuschen.“ Sie küsste Sara auf die Stirn.
„Gute Nacht, Mam.“
Nach einer kurzen Nacht, in der Frija nur wenig Schlaf gefunden hatte, saß sie wieder hinter ihrem Schreibtisch. Sara war in der Schule und Smilla tobte sich am Waldrand aus, während Frijas Gedanken ständig zu Leif wanderten. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass er sie so in seinen Bann zog?
Immer wieder starrte sie auf das Smartphone, wischte über das Display und wartete sehnsüchtig auf eine Nachricht von ihm. Sie hatte ihm einen guten Morgen gewünscht und auch gesehen, dass er ihre Message bereits gelesen hatte. Nun ja, wahrscheinlich steckte er in einem Meeting fest oder führte ein Beratungsgespräch, wer wusste das schon. Oder hatte sie seinen Worten zu viel Gewicht verliehen?
Frija fühlte sich wie ein frisch verliebter Teenager. Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch und sie spürte eine gewisse Nervosität. Noch immer konnte sie seine forschenden Hände auf ihrem Körper spüren und seine Küsse schmecken.
Ein Blick auf die Uhr brachte sie wieder zur Räson. Hatte sie tatsächlich eine ganze Stunde vertrödelt, in der sie nur von Leif geträumt hatte?
Es fiel Frija ausgesprochen schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber letztlich hatte sie zwei erste Entwürfe abgespeichert. Zufrieden mit dem Tageswerk streifte sie sich die Sportsachen über und trat aus dem Haus. Smilla begleitete sie ein Stück des Weges, bis ein heruntersegelndes Blatt ihre gesamte Aufmerksamkeit verlangte.
Frija verfiel in einen leichten Trab und ließ sich treiben. Das Wetter war recht mild und am Ufer des Sees kräuselten sich die Wellen. Hin und wieder durchbrach die Sonne die dichte Wolkendecke und malte ein sich wandelndes Spiel von Licht und Schatten auf den mit Laub bedeckten Boden.
Frija behielt das gemäßigte Tempo bei und lief einen schmalen Trampelpfad entlang, der um den See führte. Sie liebte die Natur und konnte sich ein Leben in der Stadt nicht mehr vorstellen. Dieses Haus zu kaufen, war eine der besten Entscheidung ihres Lebens gewesen.
Allmählich kam sie in Fahrt und öffnete die Jacke, um nicht zu schwitzen. Ihre Schritte wurden vom weichen Waldboden gedämpft und der Wind fuhr leise säuselnd durch das Geäst der Bäume.
Inzwischen hatte Frija die Stelle erreicht, an der sie wendete, und verlangsamte das Tempo. Etwas glitzerte am Wegesrand und sie bückte sich, um es aufzuheben. War das nicht Saras Kette, die sie zu ihrem sechsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte?
Frija ließ spielerisch die Kette durch ihre Finger gleiten und betrachtete stirnrunzelnd den Anhänger – ein galoppierendes Pferd mit wehender Mähne. Wie die meisten Mädchen in diesem Alter war auch ihre Tochter verrückt nach Pferden gewesen und hatte unbedingt Reitunterricht nehmen wollen. Aber das gehörte schon eine Weile der Vergangenheit an. Nachdem das Schulpferd krankheitsbedingt ausgemustert und eingeschläfert wurde musste, wollte sich Sara nicht mehr diesem Hobby widmen.
Frija riss sich vom Anblick der Kette los und zog fröstelnd die Schultern hoch. Sie fühlte sich plötzlich beobachtet und gar nicht mehr wohl in ihrer Haut. Suchend schaute sie sich um, und als sie versehentlich auf einen trockenen Ast trat, erhob sich ein Schwarm Krähen lautstark protestierend in die Lüfte.
Das war für sie das Startzeichen. So schnell ihre Beine sie tragen konnten, lief sie zurück zum Haus. Unterwegs sammelte sie noch Smilla ein und öffnete hektisch die Tür. Endlich in Sicherheit.
Sie setzte die Katze auf dem Boden ab und suchte sofort Saras Zimmer auf, wo sie die Schmuckschatulle ihrer Tochter auf dem Bett ausschüttete. Nachdem sie den Schmuck vor sich ausgebreitet hatte, entdeckte sie die Kette und erst jetzt fiel ihr auf, dass die Anhänger keineswegs identisch waren.
„Ich werde noch wahnsinnig“, murmelte sie und ließ sich mit einem Seufzer auf den Bürostuhl fallen. Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Warum war sie in letzter Zeit nur so schreckhaft?
Das Motorengeräusch eines sich nähernden Wagens riss Frija aus ihrer Grübelei und sie eilte zur Tür.
„Hej, was machst du denn hier?“, rief sie erstaunt.
„Dein Auftritt gestern hat mir keine Ruhe gelassen“, antwortete Matilda.
„Jetzt übertreibst du aber maßlos“, legte Frija ihr Veto ein.
„Na, da bin ich aber anderer Meinung.“
Matilda zwängte sich an ihr vorbei in den Flur und lief direkt ins Wohnzimmer. Erst jetzt bemerkte Frija das kleine Päckchen in Matildas Händen.
„Jetzt sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, ich habe Kuchen mit dabei.“
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