Sie ließ den roten Fetzen achtlos auf die alte Kieferntruhe fallen, riss die Kellertür auf und stürzte die Stufen hinunter. Hier, in Plastikboxen vor der Feuchtigkeit geschützt, lagerten die Schätze aus ihrem früheren Leben. Keuchend stapelte sie die Boxen um und stieß einen freudigen Schrei aus, als sie die Babykleidung von Sara gefunden hatte. Mit fliegenden Fingern wühlte sie in den bunten Sachen und zog einen roten Strickpullover hervor. Gott sei Dank, sie hatte noch alle Sinne beisammen.
Liebevoll drückte sie das winzige Kleidungsstück an ihre Brust und erinnerte sich an die Geburt von Sara – den schönsten Moment ihres Lebens, als sie das kleine Bündel endlich in ihren Armen halten durfte. Ihre Tochter war schon damals ein willensstarkes Kind gewesen und hatte ihren Unmut lautstark zum Ausdruck gebracht.
Mit einem seligen Lächeln sammelte Frija die Kleidungsstücke wieder ein und faltete sie zusammen. Dann schob sie die Boxen wieder zurück an ihren angestammten Platz und verließ mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck den Keller. Vielleicht half die Packung Johanniskraut im Küchenschrank, die sie dort für den Notfall aufbewahrt hatte. Sie machte sich mit ihrer inneren Unruhe noch total verrückt.
Mit einer Tasse Kaffee kehrte sie für drei weitere Stunden an den Schreibtisch zurück und hatte endlich die zündende Idee, die ihren anspruchsvollen Kunden überzeugen würde. Das neue Konzept könnte ihm gefallen, davon war sie felsenfest überzeugt. Aber für heute war Schluss.
Sie stand auf, streckte sich und warf erneut einen Blick aus dem Fenster. Von Smilla fehlte jede Spur und auch der Sturm hatte noch nichts von seiner Kraft eingebüßt. Nach wie vor peitschte der Wind die Wellen hart gegen das Ufer und die kahlen Wipfel der Bäume beugten sich mit jeder Bö. Früher hatte Frija diese Wetterkapriolen gemocht, wenn sich nicht einmal mehr die mutigsten Wanderer aus dem Haus getraut hatten. Dann war ihr das falunrote Häuschen wie eine Festung erschienen, in der sie sich sicher fühlte wie in Abrahams Schoß.
Sie löste sich vom Anblick des Sees und ging hinunter in die Küche, um das Essen zuzubereiten. Das war einer der großen Vorteile, wenn man von Zuhause aus arbeitete. Egal wann ihre Tochter Schulschluss hatte, dass Essen stand immer frisch gekocht auf dem Tisch.
Heute sollte es Pytt i Panna geben, knusprige Schinkenwürfel mit Kartoffeln und einem Spiegelei obendrauf. Eine schnelle Mahlzeit, da sie Sara gleich von der Schule abholen musste. Sie schälte die Kartoffeln, würfelte den Schinken und röstete sie in der Pfanne. Dann wusch sie sich die Hände, zog sich ihre Jacke über und verließ das Haus. In der Garage neben dem Haus stand ein Geländewagen, den sie sich nach jahrelangem Sparen endlich geleistet hatte. Sie verdiente nicht schlecht und ein robustes Fahrzeug war bei diesen unberechenbaren Witterungsbedingungen unverzichtbar.
Das elektrisch angetriebene Garagentor glitt nach oben und nur wenige Sekunden später heulte der Motor auf. Die Strecke bis zum Dorf betrug nur zwei Kilometer, ein Katzensprung. Frija fuhr einen unbefestigten Schotterweg entlang, der stellenweise durch den Wald führte. Der Wind traf seitlich auf das Fahrzeug und sie musste kraftvoll gegenlenken.
Die ersten Häuser von Svanberga tauchten vor ihr auf und sie bog schwungvoll auf die Hauptstraße ab, die zur Schule führte, wo sie den Wagen auf dem Parkplatz abstellte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sich noch fünf Minuten bis zum Schulschluss gedulden musste.
Ein schwarzer Wagen zockelte im Schritttempo an Frija vorüber und ihr Herzschlag setzte für eine Schrecksekunde aus, als sie den Mann hinter dem Steuer bemerkte. Die Kappe, das rot-schwarz-karierte Hemd, der Vollbart …
Hastig wischte sie sich über die Augen und riskierte einen zweiten Blick. Sie hatte sich getäuscht, das war nur Thore, der als Holzfäller in den umliegenden Wäldern arbeitete. Was, verdammt noch einmal, war nur los mit ihr?
Endlich ertönte die Schulglocke und Frija atmete auf. Sara verließ mit Svea, ihrer besten Freundin, das Schulgebäude und winkte ihr zu. Sie öffnete die Autotür und pfefferte ihren Schulrucksack auf den Beifahrersitz.
„Hallo Mam. Was dagegen, wenn wir Svea bei ihr zu Hause absetzen?“
„Nein, kein Problem, ist nur ein kleiner Umweg.“
Die Mädchen stiegen ein und nahmen auf der Rückbank Platz. Frija startete den Motor und fuhr los.
„Und, wie ist die Bio-Klausur gelaufen?“, fragte sie und musterte Sara im Rückspiegel. Wie schnell die Kinder doch groß wurden. Hatte ihre Tochter nicht erst gestern mit einem Zahnlückenlächeln im Kindersitz gesessen und ein Eis geschleckt?
„Ging so“, antwortete Sara einsilbig.
„Jetzt komm schon, lass dich nicht immer bitten“, bat Frija. Die Zeiten waren vorbei, in denen Sara wegen jeder Kleinigkeit zu ihr gekommen war. Sie vermisste diese enge Bindung, die sich allmählich aufzulösen schien. Aber so war das Leben. Altes verging, um Neuem Platz zu schaffen.
„Ich denke, dass ich mit einer gute Note rechnen kann. Die Fragen waren zwar kompliziert formuliert, aber im Großen und Ganzen konnte ich alle beantworten.“
Svea saß neben Sara und grinste breit.
„Wollt ihr euch später noch treffen? Ich meine nur, wegen des stürmischen Wetters.“
„Nein, nein, wir sind doch nicht lebensmüde“, antwortete Svea lachend. „Wir müssen nur noch für Mathe üben und falls wir Fragen haben, gibt es ja noch den Messenger.“
„Tja, die Vorteile der heutigen Zeit“, erwiderte Frija.
„Ja Mam. Wir wissen schließlich, dass du barfuß fünfzehn Kilometer durch den Schnee zur Schule laufen musstest“, kicherte Sara albern.
„Immerhin, du hast dir die alten Kamellen gemerkt“, lachte Frija, die den Wagen vor Sveas Elternhaus stoppte. „So, da wären wir. Svea, dir noch einen schönen Nachmittag.“
„Danke, ebenso“, antwortete sie brav und stieg aus. „Bey, bey, Sara, wir sehen uns morgen.“
„Alles klar. Wir treffen uns wieder, wenn sich der Sturm verzogen hat.“
„Davon kannst aus ausgehen …“
„Mädels, habt ihr’s jetzt?“, fragte Frija ungeduldig.
„Jaaaa, Mam“, antwortete Sara gereizt und Svea schlug die Autotür zu.
Die restliche Strecke bis zum Haus legten sie schweigend zurück. Mehrere Tannenzapfen trafen die Windschutzscheibe, als eine heftige Bö durch die Bäume fegte. Frija fuhr den Wagen wieder in die Garage und rief besorgt nach Smilla.
„Miez, Miez, wo steckst du nur?“
Die Katzendame ließ sich nicht blicken und Frija schloss hastig die Haustür auf. Der Sturm hatte noch einmal an Stärke zugelegt und das Holzhaus erzitterte bei jeder Böe.
„Himmel, was für ein Wetter.“ Sie rieb sich fröstelnd über die Arme. „In fünf Minuten ist das Essen fertig.“
„Okay, ich ziehe mich in der Zwischenzeit um.“
Kurz darauf saßen sie am Tisch.
„Was macht dein neues Projekt?“, erkundigte sich Sara.
„Ich hatte vorhin quasi den Durchbruch und wenn ich mich ranhalte, kann ich bis zum Abend meine Vorschläge nach Stockholm schicken.“
„He, das ist doch super. Falls es einen Extrabonus gibt, lass es mich wissen. Ich könnte eine neue Skinny-Jeans gebrauchen.“
„Typisch, meine Tochter. Wenn es etwas zum Abgreifen gibt, dann bist du die Erste“, lachte Frija. Nur noch drei Jahre würden sie gemeinsam am Tisch sitzen, um die Mahlzeiten zu teilen, und schon jetzt wurde ihr schwer ums Herz, ihr kleines Mädchen ziehen zu lassen. Sara hatte große Pläne und wollte ausgerechnet in Stockholm studieren.
Frija wäre es lieber gewesen, wenn sich Sara für eine andere Stadt entschieden hätte. Kleiner, überschaubarer und sicherer. Vielleicht gelang es ihr doch noch, Sara in puncto Uni umzustimmen.
„Danke Mam, es hat wie immer lecker geschmeckt.“ Sara stand auf und stellte ihren Teller in die Spüle. „Ich bin dann wieder in meinem Zimmer, lernen und so.“
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