Ich wende den Blick ab und gehe zwei Schritte zurück, um mich aus seiner gefährlichen Nähe zu bringen. Von Kerlen wie ihm sollte ich wirklich genug haben: gutaussehend, gut gebaut, schweigsam und verletzt, innerlich tief zerrissen. Das hatte ich schon. Trotzdem spielen meine Hormone offensichtlich völlig verrückt, wenn ich in seiner Nähe bin.
Liam wendet sich einem kleinen Tischchen zu, auf dem allerlei Werkzeug liegt, das er beiseiteschiebt, dann stellt er das Tablett darauf ab. Als er mir den Rücken zukehrt, stoße ich einen schockierten Laut aus, und schlage mir erschrocken auf den Mund. Sein Rücken ist übersät mit Narben. Tiefe, wulstige Narben. Ich habe so etwas noch nie gesehen – wo auch? Es sieht aus, als wäre Liam ausgepeitscht worden. Die Narben bilden ein erschreckendes Netz der Qual, ein Beweis für die Grausamkeiten, die er wohl hatte ertragen müssen. Mir bleibt die Luft weg, so schockiert bin ich. Liam dreht sich zu mir um und ertappt mich dabei, wie ich ihn angestarrt habe. Es tut mir tief in der Seele weh, dass er die Entrüstung in meinem Gesicht lesen muss, weil ich meine Gesichtszüge nicht schnell genug unter Kontrolle bringen kann.
»Tut mir leid«, entschuldige ich mich hastig. »Ich hab nur nicht damit gerechnet. Das hat mich irgendwie unvorbereitet getroffen.« Ich sehe gequält zur Seite. Wie taktlos von mir, so zu reagieren, aber ich konnte es wirklich nicht aufhalten. Es ist einfach aus mir herausgeplatzt.
Er konzentriert sich darauf, die Gläser mit Tee zu füllen und kommt mit zwei Gläsern auf mich zu. »Schon okay, ich werde mich irgendwann daran gewöhnen, dass die Menschen so reagieren«, meint er lachend und gibt mir ein Glas, das andere reicht er George, der den Kopf schüttelt.
»Vielleicht später. Ich seh mal nach den Tieren.«
George verlässt die Scheune und lässt mich mit Liam allein zurück. Als mir das bewusstwird, beschleunigt sich mein Puls. Ich werde mir mit jeder Sekunde in Liams Nähe sicherer, dass die lange Zeit allein mit George mir die Fähigkeit genommen haben muss, mit anderen Menschen zu kommunizieren, denn jetzt stehe ich hier mit einem Glas in der Hand und fühle mich völlig hilflos.
Was sagt man zu einem Mann, der wohl glaubt, dass ich vor Mitleid mit ihm zergehe. Ich weiß, dass Mitleid genau das ist, was viele Menschen, die Schlimmes gesehen und erlebt haben, nicht haben wollen. Bis auf Mark vielleicht, der vom Mitleid der Menschen um ihn herum profitiert. Dessen ganzes Leben nur auf Mitleid beruht. Mitleid, weil seine Mutter ihn verlassen hat, als er noch ein Kind war. Mitleid, weil seine Ehefrau nicht so funktioniert hat, wie sie sollte. Mitleid, weil seine Karriere als Footballspieler gescheitert ist.
Liam hebt grinsend sein Glas an die Lippen und trinkt, dabei tropft Schwitzwasser auf seine schmutzige Brust, was meinen Blick wieder dorthin zerrt. Hastig trinke ich auch einen Schluck, nur um nicht wieder die Kontrolle zu verlieren.
»Könnte von meiner Großmutter sein«, sagt er zufrieden.
»Sie hat mir ihr Rezept gegeben«, erkläre ich und nehme noch einen Schluck, um mich runter zu kühlen.
»Es wird wahrscheinlich nicht einfach mit mir werden«, sagt er. »Ich bin kein besonders umgänglicher Typ, trotzdem danke.«
»Dann sind wir schon zwei.«
Er lächelt mich, dann schluckt er und ich beobachte wie in Trance seine Kehle, die sich langsam auf und ab bewegt. Es ist nicht zu fassen, ich habe mich eben schrecklich danebenbenommen und jetzt stehe ich Sekunden später hier und wünsche mir, mit meiner Zunge über seinen Hals lecken zu dürfen. Das ist falsch. Absolut, total falsch! Dieser Mann hat im Moment andere Probleme zu bewältigen. Ich bin ein Problem, das er nicht haben sollte. Und er ist ein Problem, das ich auf keinen Fall schon wieder will.
»Diese Hosen«, meint er und zieht einen Mundwinkel hoch. »Das Schönste, was ich seit sehr langer Zeit zu Gesicht bekomme.« Er lässt seinen Blick interessiert über meine nackten Beine gleiten. Das fühlt sich kein bisschen unangenehm an, vielmehr löst es ein Kribbeln in meinem Körper aus. Und genau das kann ich nicht zulassen.
»Solange es nur die Hosen sind, kommen wir beide klar«, entgegne ich und verlasse eilig die Scheune. Die Hosen dürfen ihm gern gefallen. Das, was in den Hosen steckt, ist für alle Zeiten fertig mit der Männerwelt. Ich genieße ihren Anblick, gelegentlich habe ich auch mal Lust auf einen Flirt, aber darüber hinaus lasse ich nichts zu. Die Verletzungen durch Mark sitzen viel zu tief.
Fast den ganzen Tag haben George und Liam am alten Traktor gearbeitet, während ich sie von der Veranda aus beobachtet habe, hin und wieder an meinem neuen Artikel geschrieben oder in einem Liebesroman gelesen habe, der mich dazu verführt hat, immer wieder neugierige Blicke auf Liam zu werfen und ihn mit dem Helden im Buch zu vergleichen.
Aus der Ferne betrachtet, könnte ich mir gut vorstellen, dass Liam ein solch mutiger, liebevoller, interessanter und heldenhafter, aber vor allem auch romantischer Mann ist, wie es so viele Romanfiguren sind. Aber ich weiß auch, dass die meisten Männer in der Realität nichts mit dem gemein haben, was wir Frauen in Büchern lesen. Und genau deswegen verspüre ich auch dieses Grummeln im Magen, wenn ich mich dabei erwische, ihn wieder einmal zu beobachten, mich in seinem rauen, attraktiven Äußeren und dem Geheimnisvollem, das ihm umgibt, zu verlieren.
Als es nicht mehr ganz so heiß ist, beschließe ich mit Bella ein wenig über die angrenzenden Felder zu reiten. Früher waren sie Teil dieser Ranch, jetzt gehören sie zur Farm des Nachbarn, der sie nicht nutzt. Aber wir verstehen uns, weil wir beide zurückgezogen leben. Wir sind keine Freunde, dazu sehen wir uns zu selten, und Jack redet nie über sich oder seine Vergangenheit. Genauso wenig wie er mich nach meiner fragt. Aber das muss er auch nicht, denn ich kenne seine Vergangenheit. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der ihn und seine Band nicht kennt. Neben George und Angel gehört er zu den wenigen Menschen hier, die überhaupt mit mir reden.
Ich führe Bella über ihre Koppel, zum hinteren Tor und von dort auf das freie Feld. Erst dort schwinge ich mich in den Sattel und treibe die Friesin an, presse meine Schenkel fest gegen ihren Leib und beuge meinen Oberkörper nach vorn. Und genieße ihre raue Kraft unter mir, mit der sie ihre Muskeln antreibt und sich durch das vertrocknete Gras bewegt. Nach so einem heißen Tag scheint die Sonne die Berge in ein Feuermeer tauchen zu wollen.
Ich beuge mich noch weiter nach unten, spüre die Hitze, die von Bella aufsteigt und sauge ihren würzigen Duft nach Heu und Pferd tief in meine Lungen. Es ist merkwürdig, noch bevor ich hierhergekommen bin, saß ich allerhöchstens mal auf dem Rücken eines Holzpferdes, bis Jack mich dazu überredet hat, es mal mit Bella zu versuchen. Jetzt möchte ich dieses Gefühl von Freiheit nicht mehr vermissen. Obwohl ich wahrscheinlich nicht einmal eine besonders gute Reiterin bin. Aber Bella ist dafür eine besonders geduldige Partnerin. Ich tätschle ihr den Hals und richte mich wieder etwas auf. Hinter mir höre ich das dumpfe Aufschlagen von Hufen auf den trockenen Boden. Ich sehe über die Schulter zurück und beobachte mit klopfendem Herzen und Faszination, wie Liam näher kommt.
»Du hast dein Shirt wiedergefunden«, sage ich sarkastisch, als ich bemerke, dass er jetzt eins trägt, und funkle ihn an, als er neben Bella und mir das Tempo von Camilla drosselt.
»Ja, es lag in meinem Schrank. Du hast meine Sachen also wirklich nicht entsorgt?«, fragt er und mustert mich neugierig, aber seinem Grinsen entnehme ich, dass er meine Anspielung verstanden hat.
»Wie du sehen kannst.« Ich verziehe das Gesicht, bin aber froh, dass ich mich die ganze Zeit nicht gewagt habe, in seine oder Rose’s Privatsphäre einzudringen.
Читать дальше