Wenn bloß diese Schildkröte ein wenig schneller
gehen wollte.
Ich möchte so gerne noch heute ans Ende der Welt
gelangen – ans Ende!
Geh schneller, liebe Kröte!
Ich möchte ja endlich mal die Größe der ganzen Welt
begreifen – oder verstehen – fassen!
Aber wie soll ich das?
Ich kann ja doch nicht ans Ende kommen, denn es
gibt ja kein Ende!
Geh schneller, liebe Kröte!
Sie will natürlich wieder nicht.
Was hilft mir da ihre Größe?
Alles wird immer größer – und es hilft uns Alles
nichts.
Es nützt auch nichts, daß unser Durst immer größer
wird!
Den Weltrand werden wir niemals an unsere Lippen
setzen können.
Ich würde auch den Weltrand zerbeißen.
Geh schneller, liebe Kröte!
Nützen zwar tut es nichts – aber mir kommt dann –
wenn Du Dich beeilst – wenigstens die Zeit nicht so
maßlos groß vor.
Ach, du »liebe« Zeit!
Kaum hatte das Nilpferd die Lektüre dieser drei Geschichten
beendigt, als sich eine Türe knarrend öffnete und ein zweites
Nilpferd aufrecht hereinspazierte. Dasjenige, welches mich gerettet
hatte, verließ eilfertig seinen Schaukelstuhl und sagte, während es
zögernd auf mich zukam: »Die Herren gestatten wohl, daß ich sie
einander vorstelle: Herr König Ramses aus Ägypten – Herr
Dichter Scheerbart aus Europa.«
Ich verließ meine Ofenbank, verbeugte mich höflich gegen den
neuen Ankömmling und stotterte verlegen: »Majestät –
entschuldigen!«
Doch das kleine Nilpferd lachte und sagte:
»Laß nur das Ceremoniell! So wie wir jetzt aussehen, paßt es
nicht mehr recht für uns. Nenn mich ruhig Du und alter Ramses.
Das genügt. Gerne würde ich Dir die Hand schütteln, aber ich
habe ja keine. Übrigens nennen sich die ägyptischen Könige, die hier
wohnen, King – da es uns so vielen Spaß macht, daß die Engländer
noch immer unser Vaterland regieren. Behalte nur Platz – und lege
Dir gar keinen Zwang auf.«
Da fühlte ich mich aber etwas peinlich berührt, denn ich hielt
nun meinen Retter auch für einen ägyptischen King und sprach dem
entsprechend.
Mein Retter lachte jedoch und sprach:
»Ich bin kein King. Ich bin der Pyramideninspektor Riboddi.«
Nun machte ich denn doch ein sehr erstauntes Gesicht – und da
lachten die Nilpferdchen mit ihren breiten Mäulern so laut, daß es
oben in den Gewölben wie Donnergrollen erschallte.
»Er wundert sich doch noch!« rief der Pyramideninspektor
dazwischen.
Und ich mußte dazu ebenfalls lachen – so wie die beiden alten
Ägypter; das Lachen erschien mir immer die beste Art zu sein –
um schnell über eine peinliche Situation hinwegzukommen.
Wir setzten uns jetzt alle drei in Schaukelstühle, und der König
Ramses sagte gleich ganz offen:
»Lieber Scheerbart, Ihren Namen habe ich öfters gehört – aber
gelesen habe ich noch nicht eine einzige Zeile von Ihnen. Würden
Sie nicht so freundlich sein, mir etwas zum Lesen zu geben, damit
ich weiß, wie Sie sind? Entschuldige, daß ich Dich aus Versehen
Sie nannte – aber mir ging plötzlich die Lebensgeschichte eines
ägyptischen Priesters durch den Kopf.«
Die acht Geschichten, die ich dem ersten Nilpferdchen gegeben
hatte, waren von diesem bei Seite gelegt, und es sagte jetzt lächelnd
– wobei seine faustgroßen Vorderzähne leuchteten:
»Onkelchen, knausere nicht! Greif in Deine Taschen und hole
aus jeder ein neues Manuskript hervor; ich will auch was Neues
haben. Aber wähle nicht erst lange – gib, was Dir zuerst in die
Hand kommt.«
Und da bekamen die Herren das Folgende.
Platzende Kometen
Was ist das?
Es wird immer dunkler und so schwül.
Blitze zucken, aber es donnert nicht.
Jetzt pfeift es oben – so gellend wie Lokomotiven, die
Angst haben vorm Tunnel.
Und nun fliegen Hagelstücke runter, große
Hagelstücke und kleine Hagelstücke. Sie sind nicht rund,
sie sind zackig und kantig wie schlecht gehauener Zucker.
Aber Zucker ist das nicht – es schmeckt kühl und
herzhaft.
Und jetzt rauscht es oben in den Wolken.
Die Wolken jagen blitzschnell vorbei.
Ein Sturm wirbelt durchs Land.
Die Bäume brechen ab, die Dachziegel fliegen mit
Blumentöpfen, Menschenhüten und flatternden Krähen
weit weg – ins freie Feld.
Es hagelt dabei und regnet.
Der Regen schmeckt so kühl und herzhaft wie die
Hagelstücke.
Da steckt was Seltsames drinn in diesem Hagel und in
diesem Regen.
Die Gelehrten fahren mit ihren Galakutschen aufs
Rathaus und halten dort lange Reden; alle Gelehrten
haben Hagelstücke in der Hand, einige haben noch
Flaschen mit dem neuen Regenwasser.
Die Gelehrten reden ausgezeichnet, und währenddem
hagelt's und regnet's draußen immer stärker.
Und der Sturm heult – heult.
Im Rathause erklären die klugen Gelehrten, daß das
kein gewöhnlicher Hagel sei – auch kein gewöhnlicher
Regen.
Und sie kosten alle von den Hagelstücken und trinken
das Regenwasser.
Und sie sagen, da sei ein neuer Stoff drinn – im
Himmel müsse ein Komet geplatzt sein – es müsse ganz
bestimmt ein Komet gewesen sein.
Kometensalz ist der neue Stoff.
Er wirkt nur so komisch.
Wer das neue Salz gekostet hat, dem zieht so was
Weiches durch alle Glieder und die Gedanken werden so
einfach.
Das Kometensalz ist verführerisch wie Alkohol.
Das Kometensalz brennt aber nicht hinten im Munde
und unten im Leibe, reizt nicht auf – es macht genügsam
– still.
Die Menschen, die das Salz im Magen haben, können
bald ihre Gedanken nicht mehr sammeln. Es ist den
Menschen, als ginge Alles fort.
Und dann bleiben die Menschen stehen und gehen
nicht weiter, ihre Glieder werden steif und hart wie Holz,
und der erhobene Arm will nicht mehr runter; die Hand,
die den Hut zum Grüßen zog, bleibt mit dem Hute oben
in der Luft.
Allmählich verhallt der Sturm, und das Wetter wird
wieder besser.
Beim hellen Sonnenschein merkt man aber erst den
Umfang der ganzen Geschichte.
Zehn nasse Soldaten auf dem Übungsplatze vor der
Kaserne stehen auf einem Beine kerzengerade, doch das
andere hochgehobene Bein geht nicht runter. Eine
Bäckersfrau stößt dem einen Soldaten in die Seite, und
alle Zehn fallen um wie hölzerne Soldaten aus einer
Spielschachtel.
Die Luft ist wieder still.
Und die Menschen lecken an dem Kometensalz, das
massenhaft die Erde bedeckt. Die Tiere lecken auch an
dem Kometensalz.
Und dann bleiben die Menschen und die Tiere nach
und nach sämtlich auf der Straße und in den Häusern in
seltsamen Stellungen stehen – sitzen – oder – liegen.
Den Hunden bleibt das Maul offen.
Die Vögel überschlagen sich in der Luft, fallen mit
steifen Flügeln auf die Salzhaufen und rühren sich nicht
mehr.
Ein Leichenzug steht vor einer Kirche und kann nicht
weiter.
Die Bäume werden ebenfalls starr. Die Trauerbirken
und die Trauerweiden verharren in Windstellung – mit
weit weggewehten Ästen – als wütete noch immer der
große Sturm.
Und die Luft ist doch so still.
Und die Menschen und Tiere sind auch so still, als
wüßten sie gar nichts mehr zu sagen.
Ein Schutzmann sitzt auf einer Parkbank unbeweglich
mit einem Strolch zusammen – sie sehen sich unablässig
an.
Ein Regiment dekorierter Nachtwächter befindet sich
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