men, wechseln viele Menschen sehr schnell von einer ge-
scheiterten Partnerschaft in eine neue Beziehung. Oft ohne
sich zumindest klar gemacht zu haben, was sie selbst viel-
leicht in der alten Beziehung falsch gemacht haben bzw.
hätten besser machen können oder ob sie nicht bereits ihre
Art der Partnerwahl einmal hinterfragen sollten. So kommt
es nicht selten vor, dass z. B. jemand von einer Partner-
schaft mit einem Suchtkranken in eine neue Beziehung mit
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einem Partner wechselt, der ebenfalls Probleme im Umgang
mit Alkohol hat. Das scheint nach meinen Erfahrungen auch
etwas zu tun zu haben mit „der Sucht gebraucht zu werden“,
unter der besonders Frauen oft leiden. Gut beschrieben ist
dies in dem Buch „Wenn Frauen zu sehr lieben“ von Robin
Norwood.
Schwere Krankheiten und Unfälle stellen jeden Menschen
und sein soziales Umfeld vor eine harte Bewährungsprobe.
Von einem Moment zum anderen kann das gewohnte Leben
aus den Fugen gerissen werden. Nichts ist mehr so, wie
man es gewohnt ist.
Identitätskrisen, Verlustängste und Depressionen sind nur
einige der möglichen Folgen. Der emotionale Schmerz bei
Verlust einer nahestehenden Person braucht meist Monate
und manchmal Jahre, um bewältigt zu werden. Alkohol ist
hierfür ein häufig benutzter, aber schlechter „Tröster“.
Auch Arbeitsplatzwechsel und Arbeitslosigkeit scheinen
immer mehr zu den natürlichen Lebensumbrüchen zu gehö-
ren. Lebenslange Beschäftigungsverhältnisse in ein und
derselben Firma sind mittlerweile immer seltener. Die Ar-
beitswelt befindet sich im Umbruch. Für den Einzelnen be-
deutet dies, sich immer mehr und immer schneller auf ge-
änderte Verhältnisse und Anforderungen einstellen zu müs-
sen. Auch dies stellt für viele Menschen eine Überforderung
dar, die Betroffene versuchen mit Alkohol zu verdrängen.
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Finanzielle Probleme und Überschuldung
Nicht erst Arbeitslosigkeit, sondern zum Beispiel auch ein zu
geringes Einkommen und der steigende Konsumzwang füh-
ren bei immer mehr Menschen zu finanziellen Problemen.
Wir leben nicht nur in einer leistungsorientierten, sondern
auch konsumorientierten Gesellschaft. Wer Konsumgüter
durch die Aufnahme von Krediten oder durch Ratenzahlun-
gen finanziert, ohne hierbei den Überblick zu behalten bzw.
darauf zu achten, dass die Raten durch regelmäßige Ein-
nahmen gedeckt sind, gerät leicht in die Überschuldung.
Plötzliche Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung führen
dazu, dass die monatlichen Raten nicht mehr gezahlt wer-
den können und Überschuldung die Folge ist. Diese führt in
Deutschland zu einer steigenden Anzahl privater Insolven-
zen. Immer mehr Schuldnerberatungsstellen sind notwen-
dig, um Menschen zu helfen, ihre Finanzen neu zu klären
und der „Schuldenfalle“ zu entfliehen.
Existenzängste, Angst vor dem Verlust der Wohnung und
der Arbeitsstelle, das Gefühl versagt zu haben und dem
Alltag nicht mehr gewachsen zu sein, sind nur einige der
möglichen psychischen Folgen dieser finanziellen Nöte.
Alkohol hilft zumindest vorübergehend, diesen Ängsten und
Versagensgefühlen zu entfliehen, verschlimmert jedoch
nicht nur die finanzielle Situation, sondern auch die psychi-
sche und körperliche Verfassung.
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Familiäre und partnerschaftliche Probleme
Manche „Erwachsene“ haben es nach meinen Erfahrungen
noch nicht geschafft, sich von ihren Eltern zu lösen. Sie
werden noch als 30- oder 40-Jährige von ihren Eltern „erzo-
gen“. Der Frust und die Enttäuschung über das eigene Ver-
halten werden dann oft in Alkohol ertränkt. Andere wiede-
rum hadern noch im Rentenalter mit sich selbst, weil sie es
nicht geschafft haben, dem „Wunschbild“ der Eltern zu ent-
sprechen.
Die hohen Scheidungsraten und die wachsende Zahl der
Alleinerziehenden zeigen, dass viele Menschen mit einer
dauerhaften Beziehung überfordert sind. Auch die steigende
Zahl der sogenannten „Patchwork Familien“, „meine Kinder,
deine Kinder und unsere Kinder“, stellen oft eine Überforde-
rung für die Eltern bzw. für die Beziehung dar. Andere Men-
schen wiederum verwechseln „Verliebtheit“ mit dem Al tag
einer Ehe.
Für das Führen eines Kraftfahrzeuges braucht man selbst-
verständlich einen Führerschein. Für die oft schwierige Be-
wältigung des Alltags einer Ehe bzw. für eine dauerhafte
Partnerschaft braucht es weit mehr. Trotzdem sind die meis-
ten Menschen hierauf nur ungenügend vorbereitet. Hat man
bei den eigenen Eltern kein gutes „Vorbild“ gehabt, ist man
auf eigene Erfahrungen angewiesen. Gerade das, was ei-
nem zu Beginn einer Beziehung am anderen gefällt, ist nicht
selten das, was irgendwann nervt bzw. zu Problemen in der
Beziehung führt. Einige Männer verwechseln Ehe mit dem
„Hotel Mama“ bzw. wol en zwar eine Partnerschaft und Kin-
der, verhalten sich jedoch eher, als seien sie noch Jungge-
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selle. Es ist erschreckend festzustellen, dass auch bei jün-
geren Menschen immer noch das klassische Rollenver-
ständnis bzw. das klassische Männer- und Frauenbild Be-
stand hat. Die Anzahl der Frauen, die dies nicht mehr als
selbstverständlich akzeptieren wollen, nimmt jedoch immer
mehr zu. Probleme in der Ehe und in der Partnerschaft füh-
ren oft bei einem und manchmal auch bei beiden Partnern
zum vermehrten Alkoholkonsum.
Auch Schwierigkeiten im sexuellen Bereich versuchen man-
che Menschen mit Alkohol zu bewältigen. Ängste, Hem-
mungen, sexueller Leistungsdruck und Gefühle der Minder-
wertigkeit werden versucht mit Alkohol zu überwinden. Ver-
mehrter Alkoholkonsum wiederum führt zu zusätzlichen
Problemen im sexuellen Bereich, wie das der alkoholbeding-
ten Impotenz oder der „Verweigerung“ des Angehörigen
aufgrund des chronischen Alkoholkonsums des Partners.
Die hohen Arbeitslosenzahlen, Personalreduzierung, stei-
gende Zahl der Betriebsschließungen und Insolvenzen füh-
ren auch bei denen, die einen Arbeitsplatz haben, zu immer
mehr Ängsten, Stress, Konflikten mit Kollegen oder Vorge-
setzten und persönlicher Überforderung. Die sinkende Zahl
der Krankschreibungen in Deutschland ist sicher nicht auf
eine gesündere Lebensführung der Berufstätigen, sondern
nach meiner Einschätzung eher auf die steigende Angst vor
Verlust des Arbeitsplatzes zurückzuführen. Wer als Kind
und Jugendlicher nicht gelernt hat Verantwortung zu tragen,
mit Belastungen, Frustrationen und Konflikten umzugehen,
der ist im Berufsleben immer mehr überfordert. Es kommt
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zum negativen Stress, man fühlt sich ausgebrannt (neu-
deutsch Burn-out-Syndrom genannt).
Wer dem beruflichen Alltag nicht mehr gewachsen ist, greift
zu Medikamenten oder Alkohol, um auf der Arbeit „seinen
Mann“ zu stehen bzw. als Frau nicht zu versagen. Oft wird
Alkohol zudem benutzt, um nach der Arbeit „abschalten“ zu
können.
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