verbandes heißt „Aus ganz normale Familien kommen ganz
normale Suchtkranke“. Das Bild vom alkoholabhängigen
Obdachlosen hält sich wohl in der Gesellschaft so hartnä-
ckig, weil es hilft, nicht über den eigenen Umgang mit Alko-
hol nachdenken zu müssen. Es fällt hierdurch leichter sagen
zu können „so weit bin ich ja noch lange nicht“. Bei der ge-
schätzten Anzahl von 1,6 Millionen Alkoholikern in Deutsch-
land kann man jedoch eher davon ausgehen, dass fast jeder
in seiner Verwandtschaft oder zumindest in seinem Bekann-
tenkreis jemanden kennt, von dem er annimmt, dass er
Probleme im Umgang mit Alkohol hat. Auch in einer Selbst-
hilfegruppe finden Hilfesuchende immer jemand, wo sie sa-
gen können, so viel und so häufig habe ich ja nicht getrun-
ken oder so viele Probleme durch Alkohol habe ich ja noch
nicht. Gleichwohl finden Betroffene, wenn sie ehrlich zu sich
selbst sind, oft auch jemanden, von dem sie sagen müssen,
der hat ja wesentlich weniger Alkohol konsumiert und weni-
ger Probleme durch Alkohol als ich.
Es gibt für Sie, wenn Sie Probleme im Umgang mit Alkohol
haben, nur die Möglichkeit, aufgrund Ihrer persönlichen Er-
fahrungen sich darüber klar zu werden, alkoholgefährdet
oder bereits alkoholabhängig zu sein. Können Sie dies für
sich persönlich nicht akzeptieren, werden Sie weiter Alkohol
konsumieren.
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Jeder Mensch kann nur für sich persönlich entscheiden, wie
viele bzw. welche Probleme infolge des überhöhten Alko-
holkonsums entstehen müssen, bevor er bereit ist, ernsthaft
über seinen Umgang mit Alkohol nachzudenken bzw. sich
einzugestehen, mit Alkohol nicht mehr umgehen zu können.
2 Mögliche Ursachen der Sucht
Die Ursachen, die zur Entwicklung einer Alkoholabhängig-
keit führen können, sind so vielschichtig wie das Leben.
Auch den zeitlichen Übergang vom unproblematischen zum
überhöhten bzw. problematischen Alkoholkonsum können
Betroffene meist nicht genau benennen.
Zudem liegen Ursachen und Wirkungen des übermäßigen
Alkoholkonsums oft nahe beieinander. Körperliche, familiä-
re, berufliche, psychische und soziale Probleme sind mögli-
che Ursachen bzw. Hintergründe für die Entwicklung einer
Alkoholabhängigkeit. Bestehende Probleme werden durch
den gewohnheitsmäßigen und übermäßigen Alkoholkonsum
verstärkt. Die gleichen Probleme, die zur Abhängigkeit füh-
ren, entstehen oft erst durch den dauerhaften und übermä-
ßigen Alkoholkonsum.
Sucht und Abhängigkeit scheinen auch geschlechtsspezi-
fisch zu sein bzw. zu tun zu haben mit weiblicher oder
männlicher Prägung in der Kindheit und der Stellung von
Mann und Frau in der Gesellschaft überhaupt. So handelt es
sich bei der Alkoholabhängigkeit um eine Suchtform, von
der Zweidrittel Männer betroffen sind. Genau umgekehrt ist
dies bei der Medikamentenabhängigkeit, hier sind zu mehr
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als Zweidrittel Frauen betroffen. Bei den Glücksspielabhän-
gigen handelt es sich bei ca. 90 % der Betroffenen um Män-
ner. Von krankhaftem Essverhalten wie Anorexie (Mager-
sucht), Bulimie (Ess-Brechsucht) oder Adipositas (Fettsucht)
sind wiederum meist Frauen betroffen.
Kaufsucht, PC-und Internetsucht, Sexsucht, Arbeitssucht
sind Formen der Sucht, die noch nicht als Suchterkrankun-
gen anerkannt sind.
Alles, was man im Leben zu intensiv und zu einseitig be-
treibt, und was dazu dient, dem Alltag zu entfliehen, kann zu
zwanghaftem bzw. süchtigem Verhalten führen. Zu welchem
„Suchtmittel“ jemand greift, scheint eher zufällig zu sein
bzw. von den individuellen Lebensgegebenheiten abzuhän-
gen. So soll es in Amerika sogar Selbsthilfegruppen für
„flugsüchtige Ärzte“ geben.
Alkoholabhängigkeit ist wie jedes andere Suchtverhalten,
ein Versuch Probleme zu lösen, der nicht nur erfolglos ist,
sondern selbst zum Problem wird.
Das Suchtpotenzial des Alkohols
Alkohol hat durch seine Wirkung und durch die Gewöhnung
des Körpers an Alkohol ein sehr hohes, so genanntes
„Suchtpotenzial“. Man spricht auch vom Missbrauchs- und
Abhängigkeitspotenzial. Das bedeutet, dass jeder, der Alko-
hol konsumiert, potenziell gefährdet ist, sich hieran sowohl
psychisch als physisch immer mehr zu gewöhnen und mit
der Zeit hiervon abhängig zu werden. Je häufiger und je
mehr Alkohol jemand konsumiert, umso eher besteht die
Gefahr der körperlichen und psychischen Gewöhnung. Doch
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nicht jeder Konsum von Alkohol führt zur Gewöhnung und
zur Abhängigkeit, genauso wie nicht jede Einnahme von
Beruhigungsmitteln zur Abhängigkeit von Medikamenten
und nicht jedes Spielen an Glücksspielautomaten zur
Glücksspielabhängigkeit führen muss.
Nicht bewältigte Erfahrungen und Defizite aus
Der Mensch wird von Geburt an geprägt durch seine Erfah-
rungen in der Kindheit. Hier bildet sich, in erster Linie durch
den Kontakt mit den Eltern, das sogenannte „Urvertrauen“.
Dies bildet sich unter anderem aus der Erfahrung des Kin-
des, ich werde geliebt mit allen meinen Stärken und Schwä-
chen. Auch wenn ich Fehler mache, etwas nicht kann, mich
böse verhalte, ich werde trotzdem geliebt. Hieraus bildet
sich im Menschen das Urvertrauen in die eigene Person.
Fehlt dieses und kann man in der Jugend und im Erwach-
senenleben nicht zumindest ähnliche Erfahrungen durch
den Kontakt mit anderen Personen machen, sind z. B. Min-
derwertigkeitsgefühle und Versagensängste die Folgen.
Diese wiederum werden dann von vielen Menschen durch
Alkohol unterdrückt bzw. zumindest zeitweise ausgeglichen.
Ebenfalls in erster Linie im Elternhaus lernt man mit Gren-
zen, Frustrationen und Konflikten umzugehen. Werden Kin-
der alleine gelassen, vernachlässigt, zu streng erzogen oder
überbehütet und kann dies, z. B. durch die Erziehung im
Kindergarten, in der Schule oder in der Lehre, nicht ausge-
glichen bzw. korrigiert werden, dann haben es Kinder als
Erwachsene schwer mit dem Leben zurechtzukommen. Sie
entwickeln nur eine geringe Frustrationstoleranz, können
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natürliche Grenzen nicht akzeptieren und neigen dazu Kon-
flikte nicht zu klären. Die sogenannte Konfliktvermeidungs-
tendenz ist bei Alkoholikern nach meinen Erfahrungen sehr
häufig anzutreffen.
Unter sehr schlechten familiären Bedingungen wachsen
Kinder in Familien auf, in denen eines bzw. beide Elternteile
Suchtprobleme haben. Die sich hieraus entwickelnden Defi-
zite und psychischen Störungen führen bei Kindern aus
„Suchtfamilien“ im Erwachsenenalter oft ebenfalls zu Sucht-
problemen. Hieraus kann jedoch nicht geschlossen werden,
dass Sucht vererbbar ist. Dies hängt nicht nur mit dem „Mo-
del lernen“ zusammen, sondern vielmehr auch mit der feh-
lenden Unterstützung zur Entwicklung einer reifen Persön-
lichkeit.
Nicht selten ist die Alkoholabhängigkeit unter anderem eine
Folge nicht bewältigter, traumatischer Kindheitserfahrungen,
wie die des sexuellen, psychischen und körperlichen Miss-
brauchs.
Von sexuellem Missbrauch sind meist Frauen betroffen, in
einigen Fällen jedoch auch Männer. Ich habe in der Sucht-
beratung und ambulanten Behandlung sowohl Täter als
auch Opfer kennengelernt. Bei den Tätern handelt es sich
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