weniger trinken, aber suchtkrank sein und abstinent leben,
nein, soweit ist das bei mir noch nicht“. Dieses Beispiel
zeigt, wie subjektiv es ist und wie unterschiedlich lange es
dauern kann, bis jemand zur Einsicht kommt, mit Alkohol
nicht mehr umgehen zu können.
Ich hatte nicht selten Menschen in der Beratung, die durch
ihren Hausarzt oder andere Personen die Diagnose Alko-
holabhängigkeit erhalten haben. Für sich selbst jedoch wa-
ren sie überzeugt, noch kein Problem mit Alkohol zu haben
bzw. noch kontrolliert mit Alkohol umgehen zu können. Die
persönliche Kapitulation, das Eingeständnis: Ich kann nicht
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mehr mit Alkohol umgehen, ich bin Alkoholiker, wird von
Betroffenen so lange wie möglich vermieden. Es würde ja
auch nicht nur bedeuten, zukünftig auf Alkohol verzichten zu
müssen, sondern auch, sich seinen persönlichen Schwierig-
keiten zu stellen. Genau dies versuchen Alkoholiker lange
Zeit durch den Alkohol zu vermeiden. Dies ist nach meiner
Einschätzung einer der Hauptgründe, warum alkoholgefähr-
dete und suchtkranke Menschen, trotz massiver Probleme
durch ihren Umgang mit dem Suchtmittel, solange warten,
bis sie Hilfe in Anspruch nehmen.
So kommt es, dass bei manchen Betroffenen über Jahre
Phasen des überhöhten Alkoholkonsums wechseln mit Pha-
sen der Abstinenz oder des reduzierten Konsums von Alko-
hol. Etwa 40 % der Personen, die mit einer Suchtberatung
Kontakt aufnehmen, brechen diesen Kontakt nach einem
oder mehreren Gesprächen wieder ab. Dies ist nicht nur
nach meinen Erfahrungen so, sondern auch bundesweit in
allen Suchtberatungsstellen zu beobachten. Manche Hilfe-
suchende melden sich erst nach Jahren wieder und erklären
meist schon am Telefon, dass sie zwischenzeitlich durch
entsprechende Erfahrungen erkannt haben, mit Alkohol
nicht mehr umgehen zu können bzw. dass sie eine Behand-
lung absolvieren möchten, um ihre Alkoholprobleme zu
überwinden.
Selbst nach wiederholter stationärer Behandlung und länge-
ren Zeiten der Abstinenz zeigt sich manchmal, dass die abs-
tinente Lebensführung des Betroffenen nicht gegründet ist
auf der persönlichen Einsicht, nicht mehr mit Alkohol umge-
hen zu können bzw. dem persönlichen Entschluss, auf Dau-
er ohne Alkohol leben zu wollen. Alkoholiker äußern dann
nach einem „Rückfall“ oft: „Ich habe die Therapie nur ge-
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macht, um meine Arbeitsstelle nicht zu verlieren“ – „Ich ha-
be abstinent gelebt, weil mein Partner gedroht hat mich zu
verlassen, wenn ich noch mal Alkohol trinke“, „ich habe abs-
tinent gelebt, um meinen Führerschein zurückzuerhalten“,
„ich habe die Therapie gemacht, um nicht in Haft zu müs-
sen“.
Die meisten Menschen, die zur Suchtberatung kommen,
haben bereits seit Jahren, oft schon Jahrzehnte vermehrt
Alkohol konsumiert. Die „Suchtspirale“, die sich meist über
10 bis 15 Jahre entwickelt, wird von Betroffenen so lange
wie möglich nicht gesehen bzw. geleugnet.
Alkoholiker versuchen oft auch durch ein Trinksystem sich
und der Umwelt zu beweisen, dass sie mit Alkohol kein
Problem haben. Sie trinken Alkohol nur zu bestimmten Zei-
ten, z. B. nur am Wochenende oder nur in Gesellschaft und
versuchen eine bestimmte Menge nicht zu überschreiten.
Selbst wenn dies jemand über einige Wochen und Monate
schafft, hat dies wenig mit gesundem bzw. kontrolliertem
Alkoholkonsum zu tun.
Kontrolliert mit Alkohol umgehen zu können bedeutet nicht,
eine Strichliste über die Häufigkeit und die Menge des Alko-
holkonsums führen zu müssen, um keine Probleme durch
Alkohol zu bekommen.
Es gibt zahlreiche Fragebögen, sogenannte Selbsttests zum
Umgang mit Alkohol, die Ihnen helfen können, Ihr eigenes
Trinkverhalten kritisch zu hinterfragen. Es handelt sich hier-
bei meist um eine Auflistung der bekannten körperlichen,
psychischen und sozialen Folgen sowie Kennzeichen der
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verschiedenen Phasen in der Entwicklung einer Alkoholab-
hängigkeit (siehe Arenz-Greiving).
Selbst, wenn viele der beschriebenen Faktoren auf Sie zu-
treffen, bleibt immer noch die entscheidende Frage:
„Sind Sie noch in der Lage Ihr Trinkverhalten dauerhaft auf
ein Maß und auf eine Häufigkeit des Konsums von Alkohol
zu reduzieren, sodass Sie hierdurch keine physische, psy-
chische oder soziale Probleme bekommen“?
Sind Sie hierzu dauerhaft, das heißt, nicht nur einige Wo-
chen lang, nicht mehr in der Lage, dann müssen Sie sich
eingestehen, dass Sie Ihren Alkoholkonsum nicht mehr kon-
trollieren können.
Dieser „Kontrollverlust“, seinen Umgang mit Alkohol nicht
mehr willentlich steuern zu können, ist der Übergang zwi-
schen Alkoholgefährdung und Alkoholabhängigkeit.
Der Kontrollverlust setzt meist nicht bereits beim ersten Glas
Alkohol ein und tritt auch bei den meisten Alkoholikern nicht
jedes Mal ein, wenn Alkohol konsumiert wird. Jedoch, wie
man bei den Anonymen Alkoholikern sagt: „Wenn der Alko-
holkonsum immer wieder zu Problemen führt, dann ist Alko-
hol das Problem“.
Der Konsum von Alkohol wird immer mehr zum zwanghaf-
ten Verhalten. Das Denken und Handeln konzentriert sich
irgendwann nur noch auf den Alkohol. Andere Interessen,
Freunde, Familie und Beruf werden immer mehr vernach-
lässigt. Gedächtnislücken, so genannte „Filmrisse“ nehmen
immer mehr zu. Auch die Anlässe, bei denen der Betroffene
glaubt, Alkohol zu brauchen, werden immer häufiger und
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nichtiger. Selbst „das schlechte Wetter“ muss dann dafür
herhalten, dass ein Alkoholiker glaubt, das Leben sei nur
noch mit Alkohol zu ertragen.
So frage ich in der Beratung den Hilfesuchenden zunächst,
ob er bereits einmal ernsthaft versucht hat, seinen Alkohol-
konsum zu reduzieren und welche Erfahrungen er hierbei
gemacht hat.
Nicht erst derjenige, der täglich eine bestimmte Menge Al-
kohol braucht, um sich wohlzufühlen, bzw. der glaubt, den
Schwierigkeiten des Alltags ohne den täglichen Konsum von
Alkohol nicht mehr gewachsen zu sein (sogenannte Spiegel-
trinker), ist Alkoholiker. Auch jemand, der tage- und wochen-
lang auf Alkohol verzichten bzw. scheinbar kontrolliert damit
umgehen kann, jedoch immer wieder phasenweise vermehrt
Alkohol konsumiert (sogenannte Phasentrinker, früher
„Quartalssäufer“ genannt) ist alkoholabhängig. Mit der Zeit
werden die Phasen der Abstinenz bzw. des scheinbaren,
kontrollierten Umgangs mit Alkohol immer kürzer und die
Phasen des massiven Alkoholkonsums werden immer län-
ger.
Auch die sogenannte Alkoholverträglichkeit kippt irgend-
wann. Zunächst kann jemand mit wachsender Gewöhnung
an Alkohol körperlich immer mehr „vertragen“, aber später
reichen geringe Mengen Alkohol, um einen Rauschzustand
auszulösen.
In der Gesellschaft hält sich trotz vermehrter Aufklärung
über Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit immer
noch das Bild vom Alkoholiker, der morgens am Kiosk steht,
seinen Flachmann oder eine Flasche Bier trinkt, körperlich
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runtergekommen, obdachlos und ohne Arbeit und Familie
ist. Dieses Bild eines Alkoholikers trifft nach meiner Erfah-
rung lediglich auf etwa fünf Prozent der Suchtkranken zu.
Den wenigsten Menschen, die ich in der Suchtberatung
kennengelernt habe, würde jemand ansehen, dass sie Alko-
holprobleme haben. Wie es auf einem Plakat des Caritas-
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