mit Abhängigkeit gesehen, mit vielen gesprochen und vielen
helfen können.
Immer wieder stellt sich die Frage, ob und warum so viele
Menschen den Weg bis in die Abhängigkeit gehen müssen.
Warum können sie nicht früher erreicht werden? Das Leiden
der Menschen, vor allen Dingen der mitbetroffenen Fami-
lien, zu verkürzen, diesen Wunsch verspüren viele Thera-
peuten in ihrer täglichen Arbeit. Günter Faßbender ist einer
der Therapeuten, der seine Erfahrungen aufgeschrieben
hat, um sie anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Es
ist seine Sichtweise, es ist seine Herangehensweise, die im
gesamten Buch durchschimmert. Hier schreibt kein Schrift-
steller, kein Autor, sondern ein Therapeut, dem es um die
Menschen ging, und um die Menschen geht.
Dabei ist es sehr hilfreich, auf Beispiele aus der täglichen
Arbeit zurückzugreifen, denn es gibt ein Paradox in der Ar-
beit: Jeder Abhängige berichtet von sich unter der Prämisse,
dass bei ihm doch alles anders gewesen sei. Im Gespräch,
zum Beispiel in der Selbsthilfegruppe, wird dann aber deut-
lich, dass es entscheidende Gemeinsamkeiten gab, wie sie
Professor Wanke einmal auf den Punkt gebracht hat „Wie
ein Fluss aus zahlreichen Quellen seinen Ursprung nehmen
kann, dann aber einen unverwechselbaren Verlauf zeigt,
bieten Abhängigkeiten eine unterschiedliche Krankheitsent-
stehung und münden schließlich in eine gemeinsame End-
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strecke ein, in der die „Typen bildende Kraft der Krankheit“
wirksam wird.“
„Dieses Buch kann helfen, mehr Menschen mit Alkoholprob-
lemen früher zu erreichen und sie besser zu behandeln.
Mögen es viele Menschen lesen und davon profitieren.“
(Hamm, Rolf Hüllinghorst, ehemaliger Geschäftsführer
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e. V.)
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In der Gesellschaft besteht immer noch ein Tabu, über Al-
koholprobleme zu sprechen. Alkoholabhängigkeit wird von
vielen immer noch als Charakterschwäche angesehen. Ein
Problem, das nur willensschwache, labile Menschen haben.
Oft wird der Obdachlose, der morgens am Kiosk steht und
sein Bier trinkt, als typischer Alkoholiker gesehen. Dabei
sind in Deutschland 1,6 Millionen Menschen alkoholabhän-
gig (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Jahrbuch Sucht
2019). Jeder zehnte Erwachsene gilt als alkoholgefährdet.
Mehr als 2,5 Millionen Kinder unter 18 Jahren wachsen mit
mindestens einem suchtkranken Elternteil auf. Die Gefahr,
durch den Konsum von Alkohol abhängig zu werden und die
Folgen für den Betroffenen sowie für Angehörige, werden in
der Gesellschaft unterschätzt. Suchtkranke leben in allen
gesellschaftlichen Schichten, Berufen und Altersklassen.
Die hohe Zahl der Alkoholabhängigen sagt nichts über die
Einzelschicksale, die dahinter stehen, und das Leid der Be-
troffenen und der Angehörigen aus. Zählt man zu jedem
Suchtkranken nur drei Angehörige, ergeben dies etwa zehn
Mil ionen Partner, Kinder und Eltern, die als „Mitleidende“
gesehen werden müssen.
Nur etwa drei Prozent der Betroffenen finden den Weg in
eine Suchtberatungsstelle. Ich hoffe daher, dass ich mit die-
sem Buch möglichst vielen Menschen helfen kann über ih-
ren Umgang mit Alkohol bzw. den Umgang mit den Alkohol-
problemen ihres Partners nachzudenken und hierdurch viel-
leicht schneller den Weg zu einer Suchtberatungsstelle fin-
den.
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Dieses Buch soll in erster Linie ein Ratgeber für Menschen
sein, die Probleme mit Alkohol haben (im Buch „Betroffene“
genannt), oder als Angehörige mit betroffen sind. Darüber
hinaus kann der interessierte und selbstkritische Leser sei-
nen Umgang mit Alkohol hinterfragen, um vielleicht einer
Alkoholabhängigkeit vorzubeugen.
Meine Erfahrungen und Kenntnisse, die ich in diesem Buch
wiedergebe, stammen aus meiner achtunddreißigjährigen
Arbeit in der Fachambulanz für Suchtkranke der Caritas
Sozialdienste Rhein-Kreis Neuss GmbH. Im Rahmen der
Beratung und ambulanten Behandlung von alkoholgefährde-
ten und alkoholabhängigen Menschen und deren Angehöri-
ge, habe ich in dieser Zeit über 16.000 Einzel- Paar- und
Familiengespräche geführt. Im Rahmen meiner beruflichen
Tätigkeit hatte ich im Laufe der Jahre mit über 2.000 Men-
schen Kontakt, die sich an die Fachambulanz um Hilfe
wandten. Zu etwa 80 % waren dies Menschen mit Alkoholp-
roblemen oder deren Angehörige. Einen Teil dieser Perso-
nen habe ich innerhalb einer ambulanten Behandlung bis zu
18 Monate auf dem Weg der Bewältigung ihrer Alkoholprob-
leme begleitet. Zu manchen Betroffenen hatte ich über Jah-
re Kontakt, da sie mehrere Versuche unternahmen, ihre
Suchtprobleme zu überwinden. Viele dieser Betroffene ha-
ben es geschafft und sind „trocken“. Einige haben es nicht
geschafft oder sind zwischenzeitlich an den Folgen ihres
Alkoholmissbrauchs verstorben.
Je eher jemand es schafft, sich seine Alkoholprobleme bzw.
als Angehöriger sein Co-abhängiges Verhalten einzugeste-
hen, desto höhere Erfolgsaussichten hat er, sie mithilfe ei-
ner Beratung oder einer Behandlung zu überwinden. Ich
hoffe daher, mit diesem Buch sowohl Menschen, die Prob-
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leme im Umgang mit Alkohol haben als auch Angehörigen,
die von den Suchtproblemen ihres Partners betroffen sind,
hilfreiche Informationen und Anregungen zu geben, ihre
Schwierigkeiten überwinden zu können.
Die meisten Inhalte dieses Buches können auf andere For-
men der Suchterkrankung wie Medikamentenabhängigkeit,
Glückspielabhängigkeit oder die Abhängigkeit von illegalen
Drogen übertragen werden.
Im ersten Kapitel geht es um die Beschreibung und Unter-
scheidung von Genuss, kritischem Konsum und Abhängig-
keit von Alkohol. Der Leser mag selbst entscheiden, wo er
seinen Umgang mit Alkohol einordnen kann.
Im zweiten Kapitel versuche ich einige der häufigsten Ursa-
chen bzw. Hintergründe für die Entwicklung von Problemen
im Umgang mit Alkohol bzw. einer Alkoholabhängigkeit auf-
zuzeigen. Die hier dargestellten Problemfelder können na-
türlich genauso zu anderen Formen der Abhängigkeit, zu
psychischen, psychosomatischen und physischen Proble-
men führen.
Im dritten Kapitel werden die verschiedenen Hilfsmöglichkei-
ten zur Überwindung von Problemen im Umgang mit Alkohol
und Alkoholabhängigkeit beschrieben. Darüber hinaus habe
ich versucht, die wesentlichen Inhalte und Ziele einer Bera-
tung und der ambulanten wie stationären Behandlung auf-
zuzeigen.
Im vierten Kapitel „Lebensgeschichten“ schildern Betroffene
selbst ihre Entwicklung bis hin zur Alkoholabhängigkeit und
deren Überwindung mithilfe einer stationären oder ambulan-
ten Behandlung. An dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank
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an die Betroffenen, die mir ihre „Lebensgeschichte“ zur Ver-
fügung gestellt haben, um sie in diesem Buch zu veröffentli-
chen.
Im fünften Kapitel habe ich die nach meiner Erfahrung häu-
figsten Rückfallgefahren und Möglichkeiten der Rückfallvor-
beugung aufgezeigt.
Im sechsten Kapitel wird das „Co–abhängige Verhalten“
vieler Angehöriger beschrieben und im siebten Kapitel wer-
den Hilfestellungen aufgezeigt, wie Angehörige mit der Al-
koholproblematik ihres Partners umgehen können. Darüber
hinaus wird beschrieben, wie sie ihren suchtkranken Partner
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