nach meinen Erfahrungen zu 95 % nicht um Fremde son-
ders um den eigenen Vater, den Stiefvater, den Bruder oder
einen sonstigen Verwandten.
Vom körperlichen und psychischen Missbrauch in der Kind-
heit sind Männer wie Frauen gleichwohl betroffen. Hierbei
handelt es sich nicht nur um massive, so genannte körperli-
che „Züchtigung“ durch Schläge und andere Formen körper-
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licher Gewalt, sondern auch um Vernachlässigung und psy-
chischer Misshandlung. Wie soll zum Beispiel ein Kind
Selbstbewusstsein entwickeln, dem in der Kindheit immer
wieder gesagt wird: “Du bist nichts, du kannst nichts, und
aus dir wird nie was werden“.
Vielleicht wäre es gut, auch einen „Elternführerschein“ ein-
zuführen.
Ungelöste Grundkonflikte in der Kindheit und dem Heran-
wachsen behindern nachhaltig die Entwicklung und Reifung
jedes Menschen. Viele Suchtkranke tragen ungelöste und
verdrängte Konflikte oft von Kindheit an mit sich herum.
Die Verbindung von Trauma und Suchtmittelabhängigkeit ist
häufig. Menschen mit Suchtproblemen berichten oft von
Gewalt- und Missbrauchserfahrungen in der Kindheit, im
Jugend-und Erwachsenenalter. Um negative Gefühle zu
betäuben, Übererregung abzubauen und traumatisierende
Lebensereignisse zu vergessen, greifen traumatisierte Men-
schen oft zu Suchtmittel. Suchtmittel helfen:
Negative Gefühle zu dämpfen
Positive Gefühle zu erleben
Kontakt mit Menschen auszuhalten
Fehlende Nähe zu kompensieren
Sexualität zu leben
Sich am Täter zu rächen
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Sich einigermaßen normal zu fühlen
Kontrolle zu bekommen
Zu zeigen, wie schlecht man sich fühlt wenn die Worte dafür
fehlen
Diese Art der Selbstmedikation führt auf Dauer zur Abhän-
gigkeit. Beide Störungen verstärken sich gegenseitig.
Studien zu Folge leiden 12 bis 35 % der Männer und etwa
40 bis 60 % der Frauen in Suchtkliniken unter einer post-
traumatischen Belastungsstörung (PTBS). Fasst man den
Traumabegriff weiter, kann man davon ausgehen, dass
noch bei weit mehr Suchtkranken die Abhängigkeit sich auf
dem Hintergrund einer multiplen traumatisierenden Lebens-
situation entwickelt hat. Man spricht hierbei von einer „sub-
syndromalen Form“ der PTBS.
So führen z. B. Bindungsstörungen in der Kindheit zu Stö-
rungen der Eigenregulation und der Selbstberuhigung. In
der Folge führt dies zu geringer Frustrations- und Stresstole-
ranz (Lüdecke u. a. „Sucht-Bindung-Trauma“, 2010). Hier-
durch kann sich eine hohe Alkoholgefährdung und Alkohol-
abhängigkeit entwickeln.
“Es steht mittlerweile außer Frage, dass Missbrauch bzw.
Abhängigkeit von psychotropen Substanzen zu den wich-
tigsten Folgestörungen nach Traumatisierung gehören” (Dr.
med. Luise Reddemann, Zeitschrift für Psychotraumatologie
und Psychologische Medizin 2005 Heft 3).
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“Der Zusammenhang zwischen Trauma und Sucht ist seit
Langem bekannt, dennoch wird entweder die Sucht oder
das Trauma behandelt. Für Betroffene ergibt sich hieraus oft
ein verhängnisvoller Teufelskreis. Der Betroffene kann seine
Sucht nicht überwinden, weil das Trauma nicht bearbeitet ist
und er kann das Trauma nicht bewältigen, weil die Sucht
nicht überwunden ist. Zudem erhöht eine Suchterkrankung
das Risiko weiterer seelischer Traumatisierungen. So wer-
den viele Betroffene zu „Drehtürpatienten“ und „fallen durch
die Maschen“.
Traumatherapeutische Angebote bzw. eine Kombibehand-
lung von Trauma und Sucht gibt es erst in etwa 10 % der
Suchtkliniken und 20 % der ambulanten Einrichtungen. Un-
ter http://www.trauma-und-sucht.de/ finden man Angebote
für Menschen mit traumatischen Erfahrungen und Sucht-
probleme.
Nicht immer muss Arbeitslosigkeit zu Alkoholabhängigkeit
oder einer anderen Form der Sucht führen. Der Anteil der
Arbeitslosen, insbesondere der Langzeitarbeitslosen ist je-
doch in der Suchtberatung wesentlich höher als in der übri-
gen Bevölkerung. Hierbei muss bedacht werden, dass der
Verlust der Arbeitsstelle nicht nur Ursache, sondern oft auch
Folge von gewohnheitsmäßigem, überhöhtem Alkoholkon-
sum sein kann.
Die hohe Zahl der Arbeitslosen in Deutschland und das im-
mer mehr sinkende Alter, ab dem es schwieriger wird, eine
neue Arbeitsstelle zu finden, lässt viele Menschen verzwei-
feln. Immer mehr Arbeitslose glauben bereits mit über 45
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keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt zu haben, ob-
wohl sie über eine Ausbildung und Berufserfahrung verfü-
gen. Trotzdem halten sich immer noch Vorurteile wie „wer
arbeiten will, der findet auch Arbeit“ oder „wer keine Arbeit
hat, ist nur zu faul zum Suchen“. Diese Vorurteile sind eine
zusätzliche psychische Belastung für jeden Arbeitslosen,
der sich in der Regel selbst genug eigene Vorwürfe macht,
arbeitslos zu sein. Es gehört schon eine hohe Frustrations-
toleranz dazu, nach der vierzigsten Absage nicht zu resig-
nieren und sich weiter um eine Arbeit zu bemühen. Arbeit
strukturiert den Alltag, trägt zum allgemeinen Wohlbefinden
bei und stärkt das Selbstwertgefühl. Fehlt diese Strukturie-
rung, kommt es bei vielen Arbeitslosen zur anhaltenden
Leere, zu Depressionen und zu Langeweile.
Nicht bewältigte sogenannte Lebensumbrüche, Schicksals-
schläge bzw. kritische Lebensereignisse
Der Übergang ins Rentenalter, Frühberentung, Trennung
des Partners, Auszug der Kinder aus dem Elternhaus, Ver-
lust des Partners durch Krankheit oder Unfall, plötzlicher
Verlust der Arbeitsstelle sind Beispiele für natürliche Leben-
sumbrüche und Schicksalsschläge, die jeden Menschen
treffen können bzw. von jedem Menschen bewältigt werden
müssen.
Viele Menschen sind auf eine Frühberentung oder auch auf
den natürlichen Wechsel vom Berufsalltag ins Rentenalter
nicht oder nur ungenügend vorbereitet. Der Wegfall der Ta-
gesstruktur und das Gefühl im Beruf etwas zu leisten, führt
bei vielen zur Leere, Lethargie und zu Depressionen. Plötz-
lich den ganzen Tagen den Partner um sich zu haben, stellt
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zudem viele Paare vor ungewohnte partnerschaftliche
Schwierigkeiten.
Vielen älteren Menschen gelingt es nicht alterstypische Kri-
sen, wie zum Beispiel das Nachlassen der körperlichen
Leistungsfähigkeit, des Konzentrationsvermögens oder
Probleme mit der Selbstversorgung, angemessen zu bewäl-
tigen. Dies führt bei älteren Menschen oft zu Resignation,
Lebensunlust, Depressionen und Ängsten und in der Folge
zur Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit.
Kinder werden erwachsen und verlassen irgendwann das
Elternhaus. Für die Eltern, insbesondere die Mütter fällt
hierdurch ein großer Lebensinhalt weg. Kann dieses „Loch“
nicht durch andere Aktivitäten bzw. neue Lebensinhalte ge-
füllt werden, führt dies unter anderem zu Langeweile und
dem Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden.
Auch Trennung und Scheidung scheinen immer mehr zu
ganz natürlichen Lebensumbrüchen zu werden. Begriffe wie
„Lebensabschnittspartner“ oder „Lebensgefährte“ zeugen
von der wachsenden Vorstellung, dass eine Ehe oder Part-
nerschaft nicht von Dauer sein kann.
Aus Angst bzw. Unfähigkeit, mit dem Alleinsein klarzukom-
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