>>So, jetzt vergessen wir mal schön die Alte und entspannen uns. Immerhin habe ich gerade Urlaub und den will ich nicht damit verbringen, dir dabei zuzusehen, wie du dich von einer verrückten kirre machen lässt. Wer baut der haut.<<
Dann zündete er den Joint an.
Sie hatte noch ein wenig Arbeit vor sich. Sie begab sich in ihr Arbeitszimmer und setzte sich vor ihr MacBook. Nachdem sie drei Tassen Kaffee getrunken und zwei Stunden programmiert hatte, zog sie sich nackt aus und legte sich auf ihr Bett. Was dieser Robert nicht bemerkt hatte, war, dass sie, während er vergeblich versucht hatte aus ihr schlau zu werden, etwa ein halbes Gramm von seinem Gras geklaut hatte. Es war einfach neben dem Tabak gelegen. Sie sah das als Ausgleich dafür an, dass sie seine Kotze entfernen musste, die bereits leicht angetrocknet war und gestunken hatte. Natürlich hatte sie das keineswegs lustig gefunden, aber sie hatte beschlossen, ihn nicht zu sehr zu verunsichern, nachdem sie in seine völlig überfordert drein blickenden braunen Augen gesehen hatte.
Sie drehte sich eine Joint, der zu nahezu drei Vierteln aus Gras bestand und ließ sich ein Bad ein. Das Zusammenspiel zwischen warmen Wasser, was die Durchblutung anregte und Marihuana, was die Muskeln entspannte und die Dinge klarer erscheinen ließen, als sie waren, oder eben nicht, war ja sowieso egal, war für sie das Größte. Besser noch als ein guter Fick. Tief entspannt und mächtig high stieg sie aus der Badewanne. Bekifft zu sein war etwas, was sie manches mal daran zweifeln ließ, wie sie ihr Leben lebte. Es gab Momente, in denen sie sich danach sehnte, mit jemand anderem, jemanden, der sie verstand, in jenem Zustand sinnlos über die Welt zu sinnieren. Entsprechend ambivalent war ihr Verhältnis gegenüber dieser Droge. Sie hatte jedoch für sich den Weg gefunden, nicht öfter, als drei bis viermal im Monat zu konsumieren. Dadurch bewahrte sie sich diesen Moment, den sie nahezu sakral feierte. Entsprechend war es für sie auch immer wieder aufs neue ein Erlebnis, dass sie in vollen Zügen genießen konnte, auch wenn es ab und an bei ihr Zweifel sähte.
Während sie nackt auf dem Teppich in ihrem Wohnzimmer liegend trocknete und die Wirkung des Dopes langsam angenehm nachließ, war sie sich sicher, was zu tun war. Es war wohl so etwas wie Neugier gewesen, weshalb sie Robert besucht hatte. Er war anders, als die meisten Typen, mit denen sie was gehabt hatte. Das war ihr bereits in der Nacht aufgefallen, auch wenn er, dadurch dass er so viel getrunken hatte, entsetzlich gewöhnlich gewirkt hatte. Sie beschloss ihren eigentlichen Plan, ihn wieder zu vergessen, sich an seinen CDs zu erfreuen und ihm möglichst nie wieder zu begegnen, zu verwerfen. Dabei kam ihr, dass sie diesen Plan eigentlich schon verworfen hatte, als sie bei ihm in der Wohnung gestanden hatte.
Sie war unabhängig. Das war das Erste, was sie lernen musste. In dieser Welt war kaum Platz für Mitgefühl und wenn man auf welches stieß, dann nur, weil derjenige, der es einem spendete damit eigene Interessen verfolgte, besser dastehen wollte, oder die Mutter des armen Mädchens bumsen wollte. Sie hatte das schnell gelernt und den Schmerz, der damit verbunden war, schnellstmöglich in Ehrgeiz kanalisiert. Sie wollte niemals auf irgendeinen dieser widerlichen Menschen auf diesem Planeten angewiesen sein. Niemals.
Er rauchte. Tim war verschwunden um was essbares zu besorgen und seit geraumer Zeit nicht zurück gekommen. Jetzt war es sowieso egal. Er drehte sich einen weiteren Joint von seinem Gras, von dem er glücklicherweise noch ein wenig hatte.
Sie war das erste Mädchen gewesen, dass in seinem Leben aufkreuzte, seit langer Zeit. Sehr langer Zeit. Er musste an damals zurück denken, doch das deprimierte ihn so sehr, dass er sich, obwohl er sich davor ekelte, ein Bier aufmachte. Bekifft, arbeits- und antriebslos, nahezu pleite und obendrein noch beklaut worden – Er war sich sicher, nicht mehr tiefer fallen zu können. Diese Schlampe. Was sollte das? Von wegen, ihn kennenlernen. 'One Night Stands' beruhten doch darauf, dass man den Anderen nicht kannte, dass mich sich zu nichts verpflichtet fühlte. Er hatte das Spiel vielleicht zum ersten Mal gespielt, aber von den Regeln hatte er schon einiges gehört. Sie wurden einem ja in nahezu jeder Serie, jedem Film und jedem Buch entgegengeschleudert. Von der Verwirrung und dem Schmerz danach schienen nur Songs zu erzählen. Verdammtes Gras. Er saß dort, wo sie gesessen hatte. Er drückte den Joint in dem Brandloch aus, das sie hinterlassen hatte.
Er fühlte sich mies, vielleicht sogar so mies, wie seine Lage eigentlich war.
Er hatte zuletzt als Fahrer für einen Gemüsehändler gearbeitet. Er hatte es gehasst alleine über die Dörfer zu fahren und bei irgendwelchen Biobauern modrig stinkendes, frisches, mit feuchter Erde beklebtes Gemüse abzuholen. Das einzige, was ihm dabei Spaß gemacht hatte, war die Landschaft zu betrachten. Es war Frühling gewesen und der Geruch des Taus am Morgen, der das Land in Beschlag nahm und alles in eine gedämpfte Hülle verpackte, die eine ganz besondere Akustik ergab, das war wahrhaft schön. Doch dann hatte er sich wieder in seinen VW Bus setzen und Termine einhalten müssen, die kaum einzuhalten waren und den Bauern erklären, wieso er eine halbe Stunde zu spät kam. Wenn er Mittags im Laden ankam musste er dem Besitzer dann erklären wieso er zu spät kam, musste alles entladen und verräumen und durfte anschließend noch im Laden aushelfen.
Er hasste all die Snobs, all diese Gutmenschen, diese Typen, die mit selbstgerechtem Grinsen ihren Biofrass kauften, von dem sie sicher Dünnschiss bekamen. Als würde sich die Welt ändern, als würde das irgendwelche Großkonzerne davon abhalten diesen Planeten zu vergewaltigen. Er hatte eine äußerst zynische Sichtweise, das wusste er, doch er redete sich ein, dass er nun mal ein Realist sei und die Dinge so sehen würde, wie sie eben waren.
Wie er so da saß und sich fragte, ob er immer schon so ein negativer Wichser gewesen war, oder ob die schmerzhaften Ereignisse der letzten Jahre daran schuld waren, beschloss er, dass diese Marie so nicht davonkommen sollte. Auch wenn er sie attraktiv und faszinierend fand, war es doch so, rein objektiv betrachtet, dass sie sich ihm gegenüber komisch – um nicht zu sagen beschissen verhalten hatte. Er beschloss sie aufzusuchen.
Herr Zimmermann hatte das Mädchen mit der Vespa schon vom ersten Moment an bemerkt. Sie war damals zwei Stockwerke unter ihm eingezogen. Das war in dem Herbst in dem seine Frau ihn für immer verlassen hatte, der Herbst in dem er den Glauben verloren hatte. Der Krebs hatte sie zerfressen, hatte an ihr genagt, als sei sie bereits lange tot. Zuletzt hatte sie noch knapp über vierzig Kilo gewogen und ihr Verstand war von den Therapien und Schmerzmitteln derart vernebelt, dass sie nichts mehr wahrnahm. Er hatte es gehasst. Er hatte gehasst, dass er machtlos war und er hatte es gehasst, dass seine Frau starb und dass, ohne einen letzten klaren Gedanken fassen zu können. Die Vorstellung, dass seine Frau ging, ohne dass er sich von ihr auf eine Weise verabschieden konnte, bei der er sicher sein konnte, dass seine Worte bei ihr ankommen würden, das hatte ihn über Monate verfolgt.
Er hatte begonnen eine Abneigung gegen die Menschen zu entwickeln. Die Ärzte, für die seine Frau ein Routinefall war, die ihm mit abgestumpften Augen erklärten, dass sie nicht leiden würde. Er kannte seine Frau. Er wusste, dass sie am Ende nicht mehr litt. Das brauchte ihm keiner dieser Ärzte zu erzählen. Wie es ihm ging, danach wurde er nie gefragt. Er hatte nur noch sie. Die Verwandten und ehemaligen Kollegen hatten sich in ihrer Hilflosigkeit darauf beschränkt ihm Karten zu schicken. Karten voller Anteilnahme. Das war das Letzte, was er brauchte. In seinem Groll hatte er sich komplett isoliert.
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