>>Also, mal unabhängig davon, ob du mir das jetzt glaubst, oder nicht, ich passe denke ich nicht in die Kategorie Typ, die du da gerade beschrieben hast. Ich wollte mich ja auch nicht dafür entschuldigen, dass du mich mitgenommen hast, denn das wäre schon sehr unterwürfig. Es tut mir viel mehr Leid, dass ich mich heute Morgen einfach verpisst habe.<<
>>Schon Okay. Hätte ich nicht anders gemacht. Das mit der Spüle war übrigens verdammt lustig.<<
>>Du verarschst mich?<<
>>Nein, du musstest kotzen, hast aber das Bad nicht gefunden. Dann bist du gegen meinen Kühlschrank gerannt, zurück getorkelt und mit deinem Gesicht quasi in meiner Spüle abgetaucht.<<
>>Freut mich, dass es dich amüsiert hat. War das kein Stress das alles sauber zu machen.<<
>>Nicht wenn man eine Spülmaschine hat.<<
>>Hast du denn eine?<<
>>Nein. Aber als ich das Geschirr heute in der Badewanne von deinen Magensäften befreit habe, musste ich die ganze Zeit lachen. Du hast verdammt witzige Sounds von dir gegeben. Das hat mich ausreichend entschädigt.<<
Er wollte etwas witziges sagen, wollte schlagfertig sein. Sie war ein tolles Mädchen, das stand für ihn sofort fest. Ihm fiel auf, dass er noch immer neben der halboffenen Tür stand. Er schloss sie und setzte sich an den Tisch neben der Kochnische. Nun saß er ihr gegenüber. Er hatte jedoch die Tischplatte vor sich. Dadurch fühlte er sich sicher, bis ihm aufging, dass sie scheinbar überhaupt kein Interesse daran hatte ihn zu mustern. Dazu hatte sie ja eigentlich letzte Nacht bereits genug Zeit gehabt. Sie drehte sich eine Zigarette, von dem Tabak, der auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Sofa stand. Er hatte das Rauchen bereits vor Jahren aufgegeben, den Tabak benutzte er ausschließlich um ihn mit Gras zu mischen. Dass er weder Zigarettenfilter, noch normale Papers hatte, schien sie nicht zu stören. Sie nahm einfach ein Longpaper, mit denen man ja ausschließlich Joints drehte, riss etwa ein drittel davon ab und rauchte das Ganze ohne Filter. Als er noch geraucht hatte, hatte er es gehasst, wenn er keine Filter mehr gehabt hatte. Ohne Filter zu rauchen war einfach scheiße, ständig fusselte der Tabak hinten heraus und klebte einem an den Lippen. Sie schien damit keine Probleme zu haben, bei ihr fusselte auch nichts. Vermutlich war sie filigraner, was das Drehen anging.
Ihm war das Schweigen unbehaglich, er wusste aber andererseits auch nicht, was er sagen sollte, ohne, dass dabei durchdringen würde, dass er total verunsichert war.
>>Wie hast du überhaupt hierher gefunden?<<
>>Das weißt du nicht mehr? Du hast mir lang und breit erzählt wo du wohnst.<<
Das machte Sinn. Er konnte sich zwar nicht mehr daran erinnern, aber er konnte sich ja auch sonst kaum an Dinge erinnern, die er ihr erzählt hatte.
>>Und woher weißt du meinen vollen Namen?<<
Sie blies den Rauch gelangweilt von sich und legte den Kopf dabei auf die Seite. Sie sah unheimlich verträumt aus.
>>Mein lieber, jede Wohnung, sogar deine, hat ein Klingelschild, auf dem in der Regel der Nachnahme steht. Da du mir gestern freundlicherweise mitgeteilt hast, dass du Robert heißt und in diesem Haus unter dem Dach wohnst, musste es wohl die oberste Klingel an der Haustür sein. Und da stand 'Schwarz'. Was sagst du nun, Watson.<<
>>Nicht übel. Und, ich meine, also, wie geht es jetzt weiter?<<
Er bereute es sofort etwas derart dämliches gefragt zu haben. Er wollte nicht den Anschein erwecken sich zu irgendetwas verpflichtet zu fühlen.
Sie lächelte wieder und ehe sie etwas erwidern konnte schob er >>ich meine, was willst du eigentlich hier?<< nach.
Kaum hatte er das gesagt bereute er es erneut. Das klang nun unfreundlich. Es war sicher nicht seine Absicht das Mädchen, mit dem er letzte Nacht geschlafen hatte und die, wie er jetzt nüchtern und bei guten Lichtverhältnissen festgestellt hatte, auch noch äußerst attraktiv war, wieder zu vergraulen. Aber er war sich immer noch nicht sicher, was sie eigentlich wollte.
>>Was soll ich schon wollen? Kannst du dir das nicht denken? Ich will denjenigen kennen lernen, der mir in meine Spüle gekotzt hat. Gestern hast du zwar viel von dir erzählt, aber das machen ja alle Besoffenen.<<
>>Warst du etwa nicht besoffen?<<
>>Nicht so sehr wie du.<<
Was sollte das heißen? Er für seinen Teil war natürlich total betrunken gewesen. Das war aber auch normal, wenn er mit seinen Kumpels los zog.
>>Trinkst du eigentlich immer so viel?<<
>>Wieso, ich konnte dir doch scheinbar noch auf verständliche Weise erklären, wo ich wohne. Das spricht ja wohl für mich.<<
>>Ja, aber gegen dich spricht, dass du in meine Wohnung gekotzt und ewig keinen hoch gekriegt hast.<<
Sie sagte das ganz nebenbei, als ginge es darum, welche Pizza sie gestern gegessen hätte. Er spürte, wie er errötete und ihm die bereits wieder erlangte Fassung erneut entglitt.
>>Okay. Also ich heiße Robert und ich wohne hier. Nicht besonders toll, wie du siehst. Gestern Nacht hatte ich zum ersten mal einen 'One Night Stand' und wenn ich zu viel getrunken hab, habe ich anscheinend Errektionsprobleme. Jetzt weißt du mehr und intimere Details von mir, als die meisten anderen Menschen mit denen ich so zu tun hab. Weißt du, das ist mir jetzt wirkliche peinlich, wobei, schlimmer, als die Nummer mit meinem schlaffen Schwanz kann es ja eigentlich nicht mehr werden, aber ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht wie du heißt.<<
Jetzt hatte er also sämtliche One Night Stand Klischees erfüllt. Gebumst, gekotzt, geflohen. Und das alles ohne den Namen der Person zu kennen, um die es eigentlich ging.
Sie legte den Kopf auf die andere Seite und streckte ihre Beine von sich. Es erweckte den Anschein, als wäre sie nun bereit sich ihm zu öffnen.
>>Ich heiße Marie. Komisch, aber du hast mich gestern wirklich nicht danach gefragt. Ist mir gar nicht aufgefallen.<<
>>Hallo Marie. Ein schöner Name.<<
Sie musste studieren. Vermutlich Sozialpädagogik, oder etwas in diese Richtung. Zumindest Sozial- oder Geisteswissenschaften. Oder Kunstgeschichte. Es war Donnerstag um 13 Uhr, wie er anhand der billigen Ikea Wanduhr, die hinter ihr hing zu erkennen glaubte. Einen Job hatte sie also vermutlich nicht. Zumindest keinen festen, eventuell kellnerte sie nebenher, oder arbeitete an der Kasse in irgendeinem Supermarkt. Ihr Äußeres, ein Style, der sich zwischen alternativ, aber keinesfalls zu Öko mäßig und angenehm normal einordnen ließ, sprach deutlich dafür, dass sie Studentin war.
>>Und Marie, was machst du so? Studierst du? Hast du einen Job? Bist du Versicherungsfachfrau?<<
Er musste zum ersten mal lächeln, glaubte er doch sich nun auf sicherem Terrain zu befinden und sie zumindest dahingehend, was sie so trieb, durchschaut zu haben.
Mit ihrer Reaktion jedoch hatte er in keinster Weiser gerechnet. Sie drückte die Kippe auf der Lehne seines Ledersofas aus. Ohne mit der Wimper zu zucken. Okay, das Sofa war alt und es sah ehrlich gesagt auch aus, als käme es direkt vom Sperrmüll, aber das ging dann doch zu weit. Wollte sie ihn provozieren?
>>Ich hab dich nicht gebeten mich auszufragen. Ich wollte dich kennen lernen. Wenn ich was von mir erzählen will, dann suche ich mir einen Therapeuten.<<
Er überlegte kurz, ob er zur Tür gehen und sie ihr demonstrativ öffnen sollte, so dass sie verschwinden würde. Dann fiel ihm jedoch ein, dass er total aufgeschmissen wäre, wenn sie seiner Aufforderung nicht nachkäme. Er fühlte sich ihr total unterlegen, dabei saß sie einfach nur auf seinem Sofa. Von wegen Heimvorteil.
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