Kryss und Malvina dagegen schienen davon nicht besonders beeindruckt zu sein. „Sieht nach Winterdepressionen aus“, murmelte Elaine für sich und war etwas überrascht, als Kryss ihr antwortete: „Ganz recht. Die meisten hier verhalten sich nicht anders als die Menschen deiner Welt. Die Selbstmordrate um den Jahreswechsel herum ist verdammt hoch. Aber das hast du ja schon bemerkt.“
Elaine nickte: „Ich frage mich nur, warum es euch beiden nicht so geht. Oder ist es nur, weil es etwas zu tun gibt?“
Malvina schmunzelte, Kryss ebenfalls: „Nein, es ist etwas anders. Wir sind anders, wie du ja schon weißt. Und – nun ja, es hat keinen Sinn, der Jahreszeit für etwas die Schuld zu geben, meinst du nicht auch? Ich für meinen Teil mag es sogar, wenn es dunkel ist, warum lebe ich sonst in den Katakomben? Für die Kleine hier kann ich natürlich nicht sprechen.“
Malvina lächelte und sah für einen Augenblick richtig sorglos und verträumt aus: „Ich liebe den Winter einfach. Sicherlich, es ist kalt, aber es ist auch sehr schön. Die klare Luft, der Schnee selbst und die Spiele, Schlitten fahren, Abende am Kamin und das alles.“
Elaine nickte. Vermutlich war es auf dem Land einfacher, den Winter mit mehr Freude zu sehen, oder zumindest dessen Schönheit.
Sie hatten das Blaue Viertel erreicht, wie man gerade noch an den Häusern erkennen konnte. Elaine erschauerte. Vermutlich konnte man so einen Ort wirklich nur dann lieben, wenn es die Heimat war und man Freunde dort hatte. Sie wäre bei der ersten besten Gelegenheit fortgezogen, wenn dem anders wäre – und sie die Erlaubnis bekommen würde, ermahnte sie sich. Die meisten Leute schienen hier regelrecht gefangen zu sein. Siren musste sich wohl glücklich schätzen, einen der wenigen Berufe zu haben, der einem das Herumziehen durch das Land leichter ermöglichte, dachte sich Elaine. Oder war dem nicht so und sie hatte immer erst viel Papierkram zu erledigen, bevor sie auf Tournee gehen konnte? Dann würde es wohl keinen wundern, warum sie bei Leo in der Hauptstadt blieb. Kneipen und Lokale gab es da sicherlich mehr als genug.
Aber vielleicht war Siren auch gar nicht der Typ für viele Reisen? Elaine stellte fest, dass sie Leos Frau eigentlich gar nicht kannte, obwohl sie sich mal in deren Verstand eingeklinkt hatte, um ihren Geist vor Cerebros mentaler Vergewaltigung zu heilen. Sie wusste lediglich, dass Siren ihre Lieder und die Musik dazu selbst schrieb, dass sie sich in Leo verliebt hatte und dass die beiden jetzt ein Ehepaar mit Kind waren. Was sie wohl dazu sagen würde, dass Leo jetzt vielleicht wieder auf Achse musste? Dann wiederum, es ging um seine besten Freunde, die für ihn mit Sicherheit auch einiges riskieren würden.
„Wir sind gleich da, Ellie“, unterbrach Kryss ihre Gedanken.
„Wie ist sie so?“
Kryss sah sie fragend an: „Wer?“ Er schien entgegen einer ihrer früheren Annahmen doch keine Gedanken lesen zu können.
Elaine lächelte: „Ich meine Siren.“
Kryss überlegte kurz: „Sie ist nett. Nicht mein Typ, aber sie ist nett. Hat eine schöne Stimme. Und so weit mir bekannt ist, hat sich Leo bisher auch nicht beschwert, also muss es mit den beiden nicht schlecht laufen.“
Elaine nickte: „Das ist schon mal was, aber das meine ich nicht. Was für eine Art Mensch ist sie?“
„Ach das. Ich schätze, da solltest du am besten Leo fragen, er kennt sie sicherlich besser als ich. Was ich dir sagen kann, sie ist ziemlich selbstbewusst, aber dennoch kein Drachen, wenn du verstehst was ich meine. Vielleicht hat die moderne Erziehung ja doch ihre Vorteile.“
Elaine zog eine Augenbraue hoch: „Wie meinst du das?“
Kryss grinste: „Ich rede von der ehemaligen und teilweise immer noch aktuellen Unterdrückung der Frau. Ich meine, wen wundert es, dass ein Mensch, der nur im Privaten etwas zu sagen hat, dann dort diese Macht auch bis ins Extreme entwickeln will? Wenn eine Frau sagen wir mal im Beruf etwas zu sagen hat oder angesehen ist oder wie auch immer, dann kann sie zu Hause sicherlich – sagen wir mal humaner sein.“ Er zwinkerte ihr zu.
Elaine schüttelte den Kopf: „Eine seltsame Philosophie, aber sie hat was, zugegeben.“
Malvina kicherte: „Aber eigentlich können wir es den Männern doch nie recht machen, wenn wir auch an uns selbst denken wollen, stimmt’s, Kryss?“
Er sah sie fragend an: „Ich bin eigentlich ein überzeugter Junggeselle, kleine Miss. Mich brauchst du da nicht zu fragen.“
Malvina schmunzelte wieder: „Ach? Und warum bist du so ein überzeugter Junggeselle? Abgesehen davon, dass die Frau, in die du verliebt bist, einen anderen liebt.“
Er verzog den Mund: „Habe ich dir nicht schon oft genug gesagt, dass du das Thema lassen sollst? Meine Aufgabe hat wohl keinen Platz für eine Frau an meiner Seite. Oder würdest du gerne in den Katakomben hausen?“
Malvina rollte die Augen: „Das sicherlich nicht. Aber wer weiß, vielleicht gibt es da draußen jemanden, der deine Interessen teilt?“
Kryss grinste: „Willst du mich unbedingt unter die Haube bringen, Kleine? Warum um alles in der Welt?“
Aber da hielt die Kutsche schon, der Kutscher öffnete die Tür und Malvina hüpfte als erste hinaus, nicht ohne Kryss noch kurz die Zungenspitze auszustrecken. Er schüttelte nur den Kopf über diese kindische Antwort und ließ Elaine noch den Vortritt. Der Kutscher war sehr hilfsbereit und Elaine war froh darüber. Dieser Pelzmantel war zwar warm, aber doch recht hinderlich. Sie wusste schon, warum sie sich nie selbst so etwas kaufen würde. Abgesehen davon, Pelzmäntel kamen ihr altmodisch vor und sie hielt auch nichts davon, dass man Tiere deswegen töten musste. Die Notwendigkeit bestand heutzutage nun wirklich nicht mehr. Aber es wäre unhöflich gewesen, Alexey – dem Grafen – das unter die Nase zu halten und damit seine Hilfe abzulehnen.
Kryss fragte den Kutscher noch, ob dieser denn nicht wenigstens hinein kommen würde, aber der Mann lehnte ab. Auf seinem Kutschbock war es ihm warm genug. Also gingen sie zu dritt hinein in den Block, vor dem sie gehalten hatten. Malvina rannte als erste die Treppen hoch, danach ließ Kryss Elaine wieder den Vortritt und bildete somit den Schluss. Das Mädchen war etwa eine halbe Etage vor ihnen im dritten Stockwerk und stand vor der Tür. Sie beschloss wohl, doch noch auf die anderen beiden zu warten. Kryss schüttelte den Kopf und klingelte.
Auch diesmal erwartete sie eine etwas ungewöhnliche Klingel. Sie klang sehr melodisch, was Elaine nicht wunderte. Schließlich lebte eine Musikerin in dieser Wohnung. Dann ging die Tür auf und sie sahen Leo, der ebenfalls kaum gealtert zu sein schien. Er hatte nur leicht an Umfang gewonnen, aber bei seiner Statur war das nicht allzu auffällig. Elaine wünschte sich, sie hätte einen Fotoapparat mitgenommen, um Leos einmaligen Gesichtsausdruck festzuhalten.
„Ellie!“, rief er nur sehr überrascht und offensichtlich auch sehr erfreut aus und dann umarmte er sie fest.
Jetzt bekam sie einen schwachen Eindruck davon, wie es wohl für Corry gewesen sein musste, als der Gendarm, von dem Leo besessen war, sie in den Schwitzkasten genommen hatte. Er hatte wohl nichts an Kraft eingebüßt in den zehn Jahren, das stand fest.
„Meine Güte, ich hätte nicht gedacht, dich je wieder zu sehen! Was machst du hier? Das ist mal eine Überraschung! Aber kommt doch rein!“ Er schien jetzt auch bemerkt zu haben, dass Elaine nicht alleine war, stellte sie wieder auf ihre Füße und gab den Weg frei. „Ihr wisst noch, wo’s zur Küche geht, nehme ich an?“
Kryss nickte, Malvina lächelte und sie traten ein, dann zog Leo Elaine ebenfalls hinein und schloss die Tür. „Siren, Schatz, wir haben Besuch. Rate mal, wer da ist!“
Siren kam gerade aus einem der Zimmer und lächelte: „Das hat vermutlich der ganze Block gehört, bei deinem Gebrüll. Und das ist in der Tat eine Überraschung!“, sie strahlte Elaine an. Was war nur das Jugendgeheimnis dieser Welt? Auch Siren schien nicht älter geworden zu sein. Vielleicht war es nur das Familienglück?
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