Elaine nickte und trank wieder ihren Tee. Er war immer noch warm, fast zu warm, um zu trinken, aber eben nur fast. Eigentlich war er genau richtig temperiert. Ihr fiel auf, dass es ziemlich warm im Raum war, aber es war nicht die Art Wärme, wie man sie vom Sommer kannte. Und es war dunkel draußen, im Sommer zu dunkel für die Uhrzeit, wie sie auf der Standuhr abzulesen war. Sie warf einen Blick durch das Fenster, das nicht ganz von den schweren Vorhängen verschlossen war und sah überrascht auf den verschneiten Garten.
Malvina folgte ihrem Blick und lächelte: „Ja, wir haben Winter. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Jahreswechsel und dem großen Maskenball. Wenn es sich hinziehen sollte oder du dann noch etwas bleiben willst, dann wirst du ein erstaunliches Schauspiel miterleben.“
Trotzdem war da keine Begeisterung aus der Stimme des Mädchens herauszuhören, ganz im Gegenteil. Sie war an so einem Ball entführt worden, man hatte ihr eine üble Gehirnwäsche verpasst und sie auf ihre eigene Familie gehetzt. So etwas konnte man nicht einfach so vergessen.
Elaine wunderte es nicht mehr, dass sie in der falschen Jahreszeit gelandet war, schließlich war das nichts im Vergleich zu über zehn Jahren, die in einer Stunde verflogen waren. Sie sah noch mal zum Fenster. Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht beim Anblick von Eisblumen auf dem Glas und als sie genauer hinsah, stellte sie fest, dass sie meist weibliche Formen hatten. Sie zog verwundert beide Augenbrauen hoch.
Der Graf folgte ihrem Blick und grinste: „Es ist mein Haus, so etwas sollte Euch nicht wundern.“
Sie schloss für einen Augenblick die Augen. Natürlich, wie konnte sie das vergessen. Der Graf und seine zahlreichen Affären. Es würde sie nicht wundern, sollte er sich in diesen zehn Jahren bestens amüsiert haben, obwohl oder gerade weil er sie vermisst hatte. Dann wiederum, Eifersucht war hier wirklich unangebracht und Elane war froh, dass sie nichts dergleichen spürte. Sie war lediglich etwas enttäuscht drüber, dass er seinen Lebenswandel wohl kaum geändert hatte.
Kryss grübelte vor sich hin und auch Malvina wirkte nachdenklich. Elaine sah zu ihnen und stellte einfach eine Idee in den Raum, die ihr spontan in den Sinn kam: „Ich bin eine Träumerin. Ich habe es letztens geschafft, allein durch Wünschen alles in Ordnung zu bringen. Würde es nicht reichen, wenn ich mir einfach wünsche, dass die vier wieder die alten werden und in Zukunft auch so bleiben?“
Kryss sah zu ihr und wirkte nicht allzu begeistert von diesem Vorschlag. „An sich keine schlechte Idee, ich sehe allerdings zwei Probleme dabei. Erstens, ich bin mir nicht sicher, ob das klappt. Die Situation heute ist doch etwas anders als damals. Der Stressfaktor fehlt zum Beispiel völlig. Und es ist eine Sache, jemanden körperlich zu verändern oder zu heilen, und eine andere, wenn es sich um das Wesen der Person geht. Abgesehen davon wissen wir immer noch nicht, was genau los ist.“
„Und zweitens, Wünsche können auch nach hinten losgehen. Es hat zwar bisher geklappt, aber nur weil du im Großen und Ganzen einen gewaltsamen Eingriff verhindert oder rückgängig gemacht hast. Jetzt aber würdest du einen gewaltsamen Eingriff vornehmen, denn was den vier auch immer zugestoßen ist, es ist sozusagen mehr oder weniger auf natürlichem Weg passiert, sie haben sich zumindest nicht dagegen gewehrt, scheint es. Und abgesehen davon, wenn es tatsächlich klappt und sie für immer so bleiben, wie du sie in Erinnerung hast – vielleicht wird es ihnen mehr schaden, als nutzen. Manchmal muss man sich an die Gegebenheiten anpassen.“
Elaine nickte: „Das ist mir klar. Und warum bin ich dann hier? Wenn es ein mehr oder weniger natürlicher Vorgang der Anpassung ist?“
Kryss atmete tief durch: „Weil da noch etwas anderes dahinter steckt. Wenn du die vier jetzt manipulierst, dann wäre das nur die Behandlung von Symptomen, aber die Krankheit bleibt immer noch bestehen.“
Elaine erinnerte sich daran, dass Corry schon einmal die Stadt als krank bezeichnet hatte. Damals spielte sie vermutlich auf die Verschwörung an, aber anscheinend gab es da noch mehr Probleme. Sie schloss kurz die Augen und lehnte sich zurück. Es würde wohl etwas länger dauern. Hoffentlich würde das mit der Zeit ihrer Rückkehr klappen.
„Andere Vorschläge?“, hörte sie Kryss wenig später sagen und öffnete die Augen wieder.
Malvina sah zu ihm: „Vielleicht sollten wir aber tatsächlich damit anfangen, die Symptome zu behandeln. Es mag sein, dass wir vier schon einiges ausrichten könnten bei diesem Problem, aber ich denke nicht, dass die Hilfe meiner Familie schaden könnte. Zudem bin ich in erster Linie ihretwegen hier. Die Hauptstadt ist mir ziemlich egal“, sie zuckte die Schultern.
Kryss sah das Mädchen leicht missmutig an: „Vielleicht wirst du mich verstehen, wenn du etwas älter bist, aber du hast nicht ganz unrecht. Wir sollten bei ihnen anfangen. Allerdings wird es wohl mehr brauchen, als sich nur zu wünschen, dass sie wieder wie früher sind. Wir müssten Kontakt aufnehmen, damit Elaine wirklich Bescheid weiß.“
Elaine sah ihn fragend an: „Weiß ich denn nicht schon das Wichtigste?“
Kryss lächelte: „Das schon, aber ich denke, es wäre sicherer, wenn du dir ein eigenes Bild von der Situation machen kannst. Damit du die Unterschiede zwischen dem Jetzt und dem Früher genauer eingrenzen kannst. Und vielleicht haben wir so viel Glück und allein die Konfrontation mit dir wird sie wachrütteln. Wenn du plötzlich wieder vor mir stündest, würde ich mir schon denken, dass etwas gewaltig nicht stimmt.“
Da war etwas dran. Man hatte ihr immer wieder gesagt, dass Ausländer nicht einfach so auftauchten, sondern dass da immer ein wichtiger Grund dahinter steckte, und wenn es nur war, dass sie Glück bringen sollten wie Boo. Elaine lächelte und widersprach trotzdem: „Und es könnte nicht einfach nur ein Freundschaftsbesuch sein?“
Er grinste: „Du weißt es doch schon, zu einer anderen Zeit war es üblich, heute verschlägt es die Träumer nur unter außergewöhnlichen Umständen hierher, leider.“
Sie nickte. Dieser Zweifel konnte also ausgeräumt werden. „Und mit wem sollen wir anfangen, mit Boo?“
Kryss schüttelte den Kopf: „Nein, ich denke, wir sollten als erstes Leo einen Besuch abstatten. Er hat am wenigsten mit dem Hof zu tun, darum wird es wohl auch am leichtesten sein, ihn aufzuwecken. Die Frage ist nur, ist Leo der Familienvater ebenso bereit, sich auf ein Abenteuer einzulassen, wie Leo der Junggeselle?“
Malvina kicherte: „Ach, ich denke, wenn wir ihn an die bevorstehende Midlifecrisis erinnern, wird er schon in die Gänge kommen.“
Der Graf zog eine Augenbraue hoch: „Glaubt Ihr, ja? Leo ist doch noch lange nicht so alt.“
Malvina rollte die Augen: „War nur ein Vorschlag. Vielleicht wird er sich ja auch denken, bei seiner Ehre als Mann sollte er uns helfen,“ sie zwinkerte Elaine zu.
„Oder vielleicht reicht es, ihn um Hilfe zu bitten?“, sagte Elaine einfach.
Alle lächelten. Kryss nickte: „Vielleicht reicht das, wenn du ihn um Hilfe bittest. Es würde mich nicht wundern, wenn er sich dann dazu bereit erklärt.“
Elaine sah ihn fragend an und er lächelte: „Ich meine doch nur, dass du vermutlich eine große Rolle dabei gespielt hast, dass seine große Liebe jetzt seine Frau ist, sozusagen.“
Der Graf schmunzelte: „Manche Männer würden aber behaupten, dass er Elaine dafür auch verfluchen könnte. Die Ehe ist für viele ein Schreckgespenst.“
Elaine zog eine Augenbraue hoch: „Graf, Ihr solltet nicht von Euch auf andere schließen.“
Er grinste: „Touchée. Ihr habt recht, ich habe diesen jungen Mann als bodenständig kennen gelernt. Er ist sicherlich ein besserer Ehemann als ich jemals sein könnte und vermutlich kann er sich nichts schöneres vorstellen, als die Ehe, wenn es um Liebesdinge geht. Jedem das Seine, nicht wahr?“
Читать дальше