Er zog die Augenbrauen hoch: „Es gibt ein Problem? Sag bloß, es gibt wieder ein Problem und ich weiß nichts davon!“
Sie sah ihn an und bewegte ihre Lippen, kaum merklich: „Spiel hier nicht den Einfaltspinsel, du weißt ganz genau, was das Problem ist.“
Er blinzelte: „Was hast du gesagt? Ich hab dich nicht verstanden.“
Sie wiederholte den Satz und bewegte ihre Lippen diesmal etwas deutlicher.
Er grinste: „Oh nein, Ellie, da irrst du dich ganz gewaltig. Ich habe keine Ahnung. Meinst du, unsere hohen Tiere erzählen mir auch nur eine Kleinigkeit?“
Sie seufzte und wieder sprachen ihre Lippen, aber nicht ihre Stimme: „Boo, ich habe mit Leo geredet. Ich weiß, was hier gespielt wird.“
Er schmollte wieder: „Na, wenn du eh schon alles weißt, was machst du hier?“
„Weil ich hierher kommen musste. Es ging nicht anders. Und Boo, ich würde gern irgendwo mit dir reden, wo wir wirklich reden können. Zu Hause, bei euch zu Hause, meine ich“, antwortete sie still.
Er erwiderte ihr mit einem eigenartigen Funkeln in den Augen, das seine Worte Lügen strafte: „Wenn du glaubst, ich verpasse das beste von dieser Party nur weil du glaubst, dass es da ein Problem gibt, von dem ich nicht mal weiß, dann vergiss es.“
Sie schüttelte den Kopf: „Mach es mir nicht schwerer, als es schon ist. Verstehst du denn nicht, dass es wichtig für mich ist, wirklich mit dir zu sprechen?“ Jetzt bewegte sie ihre Lippen wieder nur ganz leicht, aus Angst, jemand könnte sie dennoch beobachten.
Diesmal schien Boo sie dennoch verstanden zu haben. Er stand auf und ging auf sie zu, stellte sich vor sie hin und stütze sich mit den Armen seitlich von ihren Schultern an der Lehne der Couch ab: „Ellie, lass den Quatsch. Wenn du keine Lust hast, dann geh, aber verdirb mir nicht die Laune. Ich amüsierte mich bestens, bis du hier auf Spielverderberin gemacht hast.“ Er sah ihr in die Augen und etwas in seinem Blick machte ihr Angst.
„Du bist nicht du selbst,“ formten ihre Lippen.
Er grinste: „Aber sicher bin ich das, du glaubst gar nicht wie sehr! Also, was ist jetzt? Gehen oder bleiben?“
Elaine wollte aufstehen, aber so wie er sich vor sie gestellt hatte, war es gänzlich unmöglich. Sie strafte ihn mit einem bösen Blick.
Er grinste wieder, diesmal siegessicher: „Scheint so, als ob du bleibst.“
Er schien ihren Blick fixieren zu wollen, aber jetzt hatte sie keine Angst mehr. Sie sah ihm ruhig in die Augen. „Du glaubst, du würdest da Erfolg haben, wo der Graf versagt hat, wenn du noch nicht einmal die Höhe seiner Fähigkeiten erreicht hast?“, flüsterte sie.
Er fluchte und ging wieder zum Sessel. Dann drehte er sich auf halbem Weg um und sah sie an, seine Lippen bewegten sich hastig und lautlos: „Hast du auch nur die geringste Ahnung, worauf du dich eingelassen hast? Ich sollte eigentlich schon hundert Jahre alt sein, bei dem, was hier so alles abging. Du solltest besser von hier verschwinden, so schnell du kannst. Du bist zwar eine Träumerin, aber es gibt noch andere Dinge auf dieser Welt. Ich will nicht, dass dir etwas passiert. Zu Hause bist du sicher.“
Elaine blinzelte. Wovon sprach er überhaupt? Was konnte ihr denn gefährlich werden? Aber wenigstens war er endlich er selbst. Warum nicht gleich so? „Boo, warum kommst du nicht einfach mit? Ich meine, irgendwohin, wo wir ungestört reden können, nur wir beide.“
Er schmunzelte: „Nur wir beide? Klingt interessant.“ Und lautlos fügte er hinzu: „Das geht nicht. Ich kann hier nicht eher weg, bis die Party gelaufen ist. Können wir uns nachher treffen?“
Elaine spürte die Erleichterung in sich: „Wann wäre das?“
„Im Morgengrauen“, antwortete er knapp.
Sie nickte: „Und wo?“
„In der Wohnung. Komm bitte allein.“
Sie nickte. Dass sie allein kommen würde hieß nicht, dass sie es niemandem erzählen konnte.
Boo grinste: „Na, es geht doch, warum hast du denn so rumgezickt?“
Elaine stand auf: „Bis später, Boo.“ Sie wollte wieder gehen, da war er auf einmal wieder neben ihr und drückte sie an sich. Zuerst wollte sie ihn wegstoßen, aber dann merkte sie, so aufdringlich diese Umarmung auch aussehen sollte, er hatte sie einfach nur schrecklich vermisst.
Die Tür ging auf und Elaine trat heraus, ruhig lächelnd. Boo grinste den Grafen an, verbeugte sich betont übertrieben vor ihm, warf Elaine noch einen Luftkuss zu und verschwand in der Menge.
Der Drache sah sie an: „Und?“
Sie lächelte: „Alles bestens. Ich habe heute nichts mehr vor, was ist mit Euch? Wir können uns auch gerne hier noch etwas amüsieren.“
Der Graf grinste: „Ihr habt heute nichts mehr vor? Uns amüsieren? Aber doch nicht hier!“ Und während Elaine die Augen rollte, lachte er: „Nur ein Scherz, nur ein Scherz. Es wäre unhöflich, so früh die Feier zu verlassen. Die Fürstin wäre wohl nicht allzu begeistert.“
Elaine lächelte und schüttelte den Kopf: „Ihr tut das immer wieder. Na schön, und wie lange sollten wir noch hier bleiben?“
Er grinste: „Mitternacht ist doch ein schöner Zeitpunkt, um von einem Ball zu verschwinden, oder?“ Sie kicherte.
Dann kam ihr eine Idee: „Wenn Boo hier ist, könnte es nicht sein, dass wir auch Irony oder Corry auftreiben können?“
Der Graf schüttelte den Kopf: „Nein, ich denke nicht. Der Prinz ist nicht hier und zumindest Irony ist wohl dort zu finden, wo sich auch seine Hoheit aufhält. Und Corry könnte zwar hier sein – aber wenn sie es nicht will, dann werden wir sie auch nicht finden. Sie ist schließlich der Profi schlechthin.“
Elaine nickte, etwas enttäuscht. Dann wiederum, der Graf hatte recht. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Prinz seine Leute offensichtlich sehr gut zu beschäftigen wusste. Und diese beiden hatten sicherlich etwas besseres zu tun, als ihre Zeit auf einem Maskenball tot zu schlagen. Genau das stand allerdings ihr und dem Grafen jetzt bevor, auch wenn es nicht mehr lange bis Mitternacht war.
Sie kehrten in den großen Saal zurück und wieder umfing sie das Dröhnen der Bässe – dazu war es um einiges dunkler geworden. Nur noch wenige Kerzen spendeten jetzt Licht. Es war zwar immer noch zu hell, dafür, dass es Kerzen waren, aber zusammen mit dem würzigen Geruch und der wohligen Wärme erzeugte das Dämmerlicht eine ganz eigene Atmosphäre. Zumal die Luft selbst etwas anders wirkte, rauchig, neblig. Die Spiegel und das jetzt nur noch schwach funkelnde Kristall taten ihr übriges. Alles schien wie in einem Traum. Elaine musste sich ermahnen, dass das ja eine Welt der Träume war. Die Musik ebbte ab, wandelte sich, die Bässe waren kaum noch zu hören, aber sie waren spürbar, Vibrationen, die durch den ganzen Körper hallten und einen unruhig machten. Die Sequenzen schienen ebenfalls kaum noch existent, mehr wie eine Erinnerung der Musik, und dennoch im Hinterkopf präsent. Und der Rhythmus pulsierte regelrecht.
Elaine fühlte sich wie berauscht. Aber es war kein unangenehmes Gefühl, ganz im Gegenteil. Sie fühlte sich so entspannt, so wohl, wie nur selten in ihrem Leben. Es schien so, als würde es kein Morgen geben, die Nacht würde nie aufhören und alles würde für immer so wundervoll bleiben. Der Mann, der sie liebte, war neben ihr – und sie musste sich eingestehen, er war ihr alles andere als gleichgültig. Sie spürte sein Lächeln, seine Blicke, seine Nähe. Und dann spürte sie auch all die anderen in diesem Raum.
Seltsam, sie sah bisher keinen einzigen Adligen am Hof, der nicht gut aussah. Nur die wenigsten schienen älter als vierzig zu sein. Und hinter all den Masken glänzten Augen, Onyxe, Bernsteine, Saphire, Smaragde, Amethyste, Topase. Ihr Blick kreuzte immer wieder den Blick eines anderen oder einer anderen und die Szene wurde immer unwirklicher. Flüsterstimmen waren in der Luft, sanftes Lachen, aufgeregtes Atmen. Die Zeit schien immer langsamer zu werden. Es war, als würde etwas ihr Gesicht zum Grafen wenden und als sie ihn ansah und in seine stahlblauen, zugleich eisig kalten und heiß glühenden Augen blickte, schien die Zeit für einen Augenblick still zu stehen und der Augenblick wurde zu einer halben Ewigkeit.
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