Sie sah ihn weiterhin an: „Und das ist alles? Wieso bist du überhaupt gealtert?“
Er sah sie nicht an, sondern sah auf den Boden und jetzt erinnerte er sie wieder etwas mehr an sein früheres Selbst: „Weil.... weil es nicht anders ging. Es gibt Dinge, die kann man nicht ewig aufhalten.“
Sie lächelte: „Na schön, aber warum musst du so übertreiben?“
Er sah sie wieder an und wieder schien er ihr fremd: „Übertreiben? Hast du auch nur eine Ahnung, was hier so passiert? Ich bin ein Chorknabe verglichen mit so manchen! Bleib noch bis nach Mitternacht hier und dann wirst du dein blaues Wunder erleben.“
Blaues Wunder. Dieser Ausdruck kam Elaine irgendwie bekannt vor. Sie hatte ihn selbst mal benutzt und damit letztlich den Stein ins Rollen gebracht. Doch jetzt ging es um etwas gänzlich anderes. „Was meinst du damit, Boo?“
Er setzte ein dreckiges Grinsen auf: „Na rate mal. Was sagt dir das Wort Dekadenz, hm? Und eines kannst du mir glauben, der gute Graf war während deiner Abwesenheit alles andere als abstinent. Ich bin hin und wieder sogar unfreiwilliger Zeuge geworden.“
Elaine stand auf, jetzt war sie wirklich sauer. Dieser Milchbubi vor ihr hatte tatsächlich die Frechheit, das zu sagen! Sie war von alleine darauf gekommen, dass der Graf wohl kaum trauernd auf sie gewartet hatte, es wäre naiv gewesen, das zu glauben. Aber dass Boo es ihr ins Gesicht sagte, vor allem, wie er es sagte, das war zu viel.
Der Jugendliche schmunzelte: „Setz dich wieder hin, Ellie. Es wäre dumm, ihm jetzt eine Szene zu machen.“
Sie sah ihn an und setzte sich tatsächlich: „Eigentlich wollte ich dir eine Szene machen – oder vielleicht sollte ich dich einfach mal übers Knie legen?“
Er formte einen Kuss mit seinen Lippen: „Nur zu, bitte sehr. Lass uns etwas spielen.“
Elaine ließ sich mit einem Seufzer der Enttäuschung nach hinten fallen. Sie hatte nicht gedacht, dass es so lange dauern würde. Sie hatte erwartet, dass allein ihre Anwesenheit genügen würde, wie Malvina es gesagt hatte. Aber das war offensichtlich noch lange nicht genug.
„Siehst müde aus, Ellie“, Boo stand wieder auf und ging zu ihr. Seine Hände legten sich auf ihre Schultern und massierten sie leicht. Und sie musste es ihm zugestehen, das konnte er. „Also, was ist denn so anstrengendes los, hm?“
Sie seufzte: „Wieso bist du so stur?“
Er lächelte, sie sah es zwar nicht, aber sie spürte es: „Ich war schon immer irgendwie stur, meine Ausdauer, schon vergessen? Übrigens, Lust auf eine Wette?“
Sie atmete tief durch: „Kein Bedarf, danke.“
Er beugte sich näher zu ihr und flüsterte in ihr Ohr: „Ich bin eigentlich schon 34, aber das vergessen die meisten. Ich sehe halt immer noch knackig jung aus.“
So gesehen hatte er sie überholt, dachte sich Elaine. Sie flüsterte: „Und was vergessen sie sonst noch?“
Sie hoffte, er würde darauf anspringen, aber auch jetzt wich er ihr aus: „Eine Menge Dinge, schätze ich. Gefällt es dir?“
Sie zuckte zusammen: „Ja – aber das hat nichts zu sagen.“
„Wirklich nicht?“, raunte er.
„Nein. Warum setzt du dich nicht wider hin?“
„Ich dachte, es gefällt dir.“
Sie verzog den Mund: „Es hat mir so lange gefallen, bis du gefragt hast. Was ist dein Problem?“
Er setzte sich tatsächlich wieder hin: „Du hast wirklich keine Ahnung?“ Dann brach er in schallendes Gelächter aus: „Und... und ich dachte... der Graf... hat dich eingeweiht...“
Sie tappte mehrmals mit dem Fuß auf den Boden: „Was ist so lustig?“
Boo schüttelte sich vor Lachen: „Man... man das ist... das ist krank...“
„Ich warte.“
Er hatte sich wieder halbwegs unter Kontrolle: „Okay... pass auf... diese ganzen Phantasien der Menschen über Liebe und Sex... hier können auch sie Realität werden. Diese unglaublichen Küsse, die Blicke, die einen verrückt machen – das ist hier real, wenn man weiß, wie es geht. Wenn man etwas besonderes ist. Und du musst zugeben, dass der Graf besonders ist, das weißt du sicherlich schon.“
Elaines Augen weiteten sich: „Willst du mir etwa sagen dass...“
Er schmunzelte: „Ich will dir gar nichts sagen. Denk mal nach.“
Jetzt machte einiges für sie Sinn, diese seltsamen Berührungen, die Blicke. „Und du übst inzwischen auch fleißig, ist das so?“
Boo grinste: „So ist es. Du würdest Augen machen, wenn ich dir erzähle, was ich inzwischen alles kann.“
Sie verzog das Gesicht: „Ich will es nur nicht hören, Boo.“
Er setzte ein fieses Grinsen auf: „Angst, es könnte dir gefallen?“
Sie seufzte: „Herrje, nein. Ich kann einfach nicht glauben, dass du an nichts anderes mehr denkst!“
Er zuckte die Schultern: „Ich kann nicht glauben, dass ich immer noch an etwas anderes denken kann! Und dabei werd' ich es wohl nie so weit bringen, wie der Graf oder unser lieber Barde“, er lächelte schelmisch und sah zu Elaine, gespannt auf ihre Reaktion.
„Irony etwa auch?“
Boo lachte: „Glaubst du, er hat seinen Ruf einzig und allein auf seinen schönen Worten aufgebaut?“
Elaine zog die Augenbrauen zusammen: „Sehr witzig. Was genau versuchst du hier?“
Er sah zur Decke: „Oh je, ich bin aufgeflogen! Schon gut, schon gut. Über Irony weiß ich nicht bescheid. Abgesehen davon, als Berater geht er allem aus dem Weg, was nicht gerade Corry ist.“ Er grinste wieder: „Dann wiederum, ich kann ihn verstehen. Corry hintergeht man nicht so einfach. Sie ist ziemlich rachsüchtig, musst du wissen.“
„Jetzt reicht es! Du solltest aufhören, deine Freunde mit Dreck zu bewerfen. Was soll denn das?“ Elaine sah nicht nur gekränkt aus, sie war es auch.
Boo zog eine Augenbraue hoch: „Ich? Sie? Mit Dreck? Also bitte, das ist doch nur die Wahrheit. Ist nicht meine Schuld, wenn du damit nicht leben kannst, dass deine Freunde auch nur Menschen sind, mit den dazugehörigen Schwächen.“
Elaine atmete tief durch. Es waren nur ihre Rollen, es waren nur die Rollen, musste sie sich wieder ermahnen. Aber was sollte sie nur mit Boo tun? Sie konnte jetzt nicht einfach so aufgeben, aber er war offensichtlich ganz und gar nicht dazu bereit, auf sie einzugehen, außer in einer ganz bestimmten Hinsicht. Musste sie ihn denn wirklich zu Leo bringen? Sie wünschte sich, sie könnte ihn einfach durch einen Gedanken zur Vernunft bringen, aber das ging nicht. Es war nicht nur die falsche Vorgehensweise, sie wusste nicht einmal, ob sie das wirklich könnte. Es war eine Sache, Boo von Malvinas Einfluss zu heilen, aber eine andere, auf ihn selbst einzuwirken. Er war eigentlich ein Mensch wie sie selbst, kein Bewohner dieser Welt, auch wenn er die größere Hälfte seines Lebens bereits hier verbracht hatte.
„Was ist, hat es dir die Sprache verschlagen? Ellie? Sag was!“ Sie sah ihn an und sah einen neugierigen, forschenden Blick. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.
Sie lächelte: „Schon gut, ich kann damit leben. Es kam nur etwas plötzlich und zu viel auf einmal.“
Er grinste: „Na siehst du. Aber warum bist du denn jetzt eigentlich hier? Du hast doch nicht etwa beschlossen, hier zu bleiben?“
Sie musste sich selbst eingestehen, der Gedanke war verlockend. Hier wurde sie respektiert, geliebt und geschätzt. Hier war sie etwas besonderes. Zu Hause war sie nur eine von vielen, nur eine Frau, weiter nichts. Sie schüttelte den Kopf – das war nicht der richtige Augenblick für so etwas. Und sie würde sicherlich nicht einfach so hier bleiben wollen, mit Sicherheit nicht, ohne sich erst von ihrer Familie und ihren Freunden zu verabschieden.
„Nein, ich bin aus einem anderen Grund hier – wegen euch.“
Er grinste: „Ich wusste es doch. Du hast mich vermisst.“
Ja, das hatte sie in der Tat. Diese acht Tage, die für sie keinen halben Tag und für ihre Freunde schon über ein Jahrzehnt her waren, waren so seltsam, so intensiv gewesen. Sie hatte das Gefühl, sie hätte ihre neuen Freunde schon ihr ganzes Leben lang gekannt. Sie seufzte: „Wenn das nur alles wäre.“
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