So unangenehm es ihr war, so musste Elaine doch zugeben, Boo war brillant. Er hatte es tatsächlich geschafft, den Grafen zu übertreffen. Aber das war noch nicht alles. Wenn ihr Gefühl ihr nicht sagen würde, dass das in der Tat Boo war, dann hätte sie es nie geglaubt. Selbst seine Körpersprache hatte sich geändert. Sie hoffte nur, dass Leo recht hatte, dass das alles nur gespielt war. Dann wiederum, besonders stark war diese Hoffnung nicht. Der Gedanke daran, dass es nur eine Rolle war, beruhigte sie ebenso wenig.
Boo ging in einen kleineren Raum, gemütlich eingerichtet, und nahm auf einem Sessel Platz, betont lässig und irgendwie lasziv. „Also, was ist denn so wichtig?“
Der Graf sah zu Elaine und fragte sie mit seinem Blick und der kaum merklichen Bewegung seiner Lippen: „Soll ich dir helfen?“
Sie hätte eigentlich nichts dagegen gehabt, aber sie erinnerte sich an Leos Worte und schüttelte lächelnd den Kopf: „Das schaffe ich schon. Ich bin doch eine Träumerin und diesmal muss ich mich auch nicht verstecken. Aber danke.“
Er nickte und bewegte wiederum ganz leicht seine Lippen, darauf bedacht, dass Boo sie nicht sehen konnte: „Wenn etwas ist, dann ruft nach mir.“
Sie nickte und ging hinein, er schloss hinter ihr die Tür und stellte sich als Wache auf. Es war zwar nicht standesgemäß, aber der Graf musste sich eingestehen, dass er sicherlich noch weitaus weniger standesgemäße Aufgaben für seine Herzensdame übernehmen würde. Er hatte aufgehört, seine ritterliche Seite zurückzuhalten, jetzt war es wohl zu spät, um sie wieder zu unterdrücken. Dann wiederum, die Belohnung dafür wog einiges auf. Er schmunzelte bei dem Gedanken.
Als sich die Türen schlossen, setzte sich Elaine Boo gegenüber und sah ihn einfach nur an. Er schmunzelte: „Gefällt dir, was du siehst, Ellie?“
Sie verzog den Mund: „Wann bist du so ekelhaft geworden, Boo?“
Sie sah, dass ihre Worte ihn verwunderten und war erleichtert, weil es anscheinend schnell gehen würde. Doch seine Verwunderung wich im nächsten Augenblick dem Amüsement und ihre dafür dem Ärger. „Du bist wirklich verdammt witzig, hast es wohl von mir, hm?“
Sie atmete tief durch – nur nicht aus der Ruhe bringen lassen, denk an das, was Leo gesagt hat. „Hör auf mit diesem Unsinn, Boo. Das ist nicht die richtige Zeit dafür – ach was, du bist nicht der Typ dafür, schon vergessen? Was haben sie hier mit dir gemacht?“
Er grinste: „Nicht so laut, Ellie. Du weißt doch, das ist das Haus der Fürstin und sie hört sicherlich jedes Wort.“
Sie seufzte: „Weich mir nicht aus. Was ist hier los? Das mit dir ist ja noch schlimmer, als ich gehört habe.“
Er wirkte beleidigt: „Der Graf hat absolut keinen Grund, mich zu verpfeifen. Vielmehr, er sollte der letzte sein, der sich wegen mir aufregen sollte. Ist selbst ja kein unbeschriebenes Blatt, wie du ja bestens weißt. Wer hat mich verleumdet? Etwa dieses Gerippe Kryss?“
„Du weichst schon wieder aus, Boo. Und du solltest nicht in so einem Ton von Kryss sprechen.“
Boo rollte die Augen: „Warum nicht? Er ist doch selbst an allem Schuld. Wäre er Profi geworden, dann wäre er längst mit Corry zusammen gewesen, aber er hat’s vermasselt.“
Elaine seufzte: „Ich warte immer noch auf die Antwort darauf, was mit dir los ist. Kryss ist hier gänzlich uninteressant.“
Boo grinste: „Das glaubst aber auch nur du. Aber wenn du nicht willst, dann nicht. Mir geht es dagegen blendend!“ Er betonte jede Silbe in diesem letzten Wort, und grinste über das ganze Gesicht. „Ich meine, sieh mich doch an! Diese Klamotten, die Partys, die Weiber. Es ist das Traumland!“
Er breitete die Arme aus und grinste glücklich und für einen Augenblick sah er fast wieder so aus, wie damals auf der Straße, als er sie gefunden hatte. Aber nur fast. Die kindliche Unschuld, sie war weg.
Elaine seufzte: „So kommen wir nicht weiter. Weißt du, warum ich hier bin?“
Er zwinkerte: „Du wolltest mich, gib's zu.“
Sie schüttelte den Kopf: „Wem machst du hier etwas vor, Boo? Dem Adel etwa? Oder dir selbst?“
Er zog die Augenbrauen hoch und sah sie fragend an: „Wovon redest du bitteschön? Ich hab’ meinen Spaß, und falls es dir entgangen sein sollte, ich hab’s mir auch verdient. Malvina hat mich immer wieder foltern und von Ratten auffressen lassen. Das ist nicht witzig.“ Er setzte einen Schmollmund auf.
Sie seufzte wieder: „Und du redest immer wieder um den heißen Brei herum. Warum kannst du denn nicht einfach sagen, was du glaubst, weswegen ich hier bin?“
Er sah sie ruhig an: „Warum wohl – Kryss, die Vogelscheuche, ist neidisch. Er muss immer noch in seiner Kloake hausen, während meine Freunde und ich es uns verdammt gut gehen lassen. Weißt du, ich hab Corry noch nie so glücklich gesehen. Endlich hat sie das, was sie immer wollte. Und jetzt, wo Malvina auch da ist, wird alles perfekt. Sie wird sich bald an alles gewöhnen, dann den Prinzen heiraten und dann kann uns keiner mehr was anhaben. Ist das nicht klasse? Und ich kann den Prinzen was die Kleine angeht, verdammt gut verstehen“, er zwinkerte Elaine zu. „Ich meine, für mich ist sie viel zu mächtig, aber er wird mit ihr fertig, so als Prinz und künftiger König.“
Hatte er womöglich recht? Warum von Karpat sie hier haben wollte, das war klar. Malvina, sie hatte Schuldgefühle – die Kryss offensichtlich gut für sich ausnutzen konnte. Es war für sie alle gut gelaufen, außer für ihn. Malvina sagte zwar nicht genau, warum es ihm schlecht ging, aber dass dem so war, das hatte er selbst zugegeben. So wie früher, bedeutete das auch, dass Corry und Irony dann nicht mehr zusammen wären? Dass sie alle wieder in Armut leben würden, verbittert und vergessen? Es mochte sein, dass der Hof nicht voller Heiliger war, aber wenn der Graf in der Lage war, edel zu sein, konnten es die anderen vielleicht auch. Und der Prinz war offensichtlich jemand, der sich um sein Land kümmerte – und der ihren Freunden das alles erst ermöglicht hatte. Wieso sollte eine Belohnung denn so schlecht sein?
Boo sah sie immer noch an, fiel ihr auf. „Erde an Ellie! Was ist los? Bringe ich dich etwa so aus dem Konzept?“, er stand auf und ging zu ihr. Ihr fiel auf, dass er auch anders roch – wie ein Erwachsener. Er war hinter ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich glaube, der Graf wäre dir nicht wirklich böse, wenn du mal etwas schwach wirst. Und – wenn es denn gar nicht anders geht, habe ich auch nichts dagegen, dass er auch dabei ist.“
Sie schloss die Augen und seufzte: „Boo, ich muss dich enttäuschen, aber wie es scheint, musst du noch einiges lernen. Es mag ja sein, dass du damit bei Dienstmädchen erfolgreich bist, aber ich bin doch wohl jemand anderes.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und Elaine musste mit Entsetzen feststellen, dass da etwas war, das sie an den Grafen erinnerte: „Sei kein Frosch, Ellie. Ich dachte, du magst mich.“
Sie rührte sich immer noch nicht, auch wenn da ein leichter Anflug von Übelkeit war, gemischt mit einer angenehmen Empfindung: „Ich bin mir dessen bewusst, was du hier versuchst, Boo. Ich weiß nicht, von wem du das hast, aber so wie es schon beim Grafen war, es wird nicht funktionieren. Ich bin anders, schon vergessen?“
Boo ließ sie los und setzte sich wieder in den Sessel, in dem er vorhin gesessen hatte. Er schmollte: „Es ist ja wohl nicht meine Schuld. Ich gebe ja schon mein Bestes.“
Sie zog eine Augenbraue hoch: „Und wer hat dir eingeredet, dass du mich verführen musst?“
Er schmollte weiterhin: „Was interessiert dich das? Du hast ja deinen Grafen. Jeder hat seine große Liebe bekommen oder zumindest gefunden, nur ich nicht. Und wenn ich es versuche, wird mir auf die Finger geklopft. Aber ich bin nun mal kein Kind mehr.“
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