Malvina schmunzelte boshaft, wieder war da ein goldenes Glitzern in ihren Augen: „Aber, aber, Graf, was ist mit Eurem Gedächtnis, Ihr werdet doch nicht etwa alt? Habt Ihr jetzt auch vergessen, dass ich ganz gut auf mich selbst aufpassen kann?“ Damit drehte sie sich um und spazierte schnurstracks zur Tür, wo sie sich in ihren Wintermantel helfen ließ. „Bis morgen, ihr Turteltäubchen“, flötete sie und ging kichernd aus der Tür hinaus.
Der Graf lachte kurz und schüttelte den Kopf. „Sie ist zwar keine geborene Adlige, aber ihrem Benehmen nach könnte sie sehr wohl eine sein, findet Ihr nicht?“ Er sah Elaine an und legte sanft einen Arm um sie.
Sie lächelte: „Irgendwie schon. Aber habt Ihr nicht selbst mal gesagt, jemand mit ihren Fähigkeiten würde einen Titel verdienen?“
Er nickte: „Das habe ich in der Tat.“ Dann sah er ihr tief in die Augen: „Was meint Ihr, könnt Ihr noch einige Augenblicke entbehren, bevor wir aufbrechen, oder ist es eine Angelegenheit, die nicht mal den geringsten Aufschub duldet?“
Sie lächelte: „Ich denke nicht, dass einige Momente so viel ausmachen.“
Er flüsterte: „Und ob sie das tun“, dann küsste er sie. Dieser Kuss hatte in der Tat nicht allzu lange gedauert, der Minutenzeiger hatte sich nicht bewegt, und dennoch hatte sie das Gefühl, dass die Uhr sie belog und mindestens Stunden unterschlagen hatte.
Elaine sah ihn fragend an, aber er schmunzelte und sagte nur: „Wollen wir?“ Er wollte es ihr also nicht erklären, also machte es keinen Sinn, ihn zu fragen. Sie nickte und jetzt verließen auch sie das Haus.
Die Kutsche brachte sie zu einem Palast, der zwar nicht ganz mit dem Wohnsitz des Fürsten von Südland mithalten konnte, aber er war dennoch überwältigend.
„Fürstin von Nordland ist hier zuhause“, flüsterte der Graf ihr zu, „sie war wie der Fürst von Westland nicht an der Verschwörung beteiligt. Ihre Mutter ist unter mysteriösen Umständen verschwunden und ich schätze, darum steht ihr der Sinn nicht nach Verschwörungen, gegen wen auch immer. Sie hat sich einfach rausgehalten. Und heute ist sie die Gastgeberin.“
Spiegel und Kristall bestimmten die Einrichtung dieses Palastes, ebenso wie die Farbe weiß. Es wirkte, als hätte der Winter auch in diesen prächtigen Sitz Einzug gehalten. Vielleicht, weil der Norden schon immer mit dem Winter und dem Schnee in Verbindung gebracht wurde?
Der Graf schmunzelte wieder: „Euer Kostüm passt von der Farbe her perfekt ins Bild. Die Gastgeberin wird sich sicherlich geschmeichelt fühlen.“
Elaine lächelte, wenigstens würde sie diesmal nicht anecken, wie damals mit ihrem roten Kleid bei der Herzogin von Herz, die diese Farbe anscheinend für sich in Besitz genommen hatte.
Sie kamen in einem großen Ballsaal an, wo sich schon viele geschmückte Gäste befanden, die Kostüme so vielfältig, wie die Phantasie nur zuließ. Sie sah phantastische Kreaturen, einzigartige Kleider, aber ebenso auch Kostüme, die ihr von Zuhause nicht unbekannt waren, allerdings mit viel mehr Stil und Pracht aufgemacht. Nur einmal tauchte der Gedanke in ihrem Kopf auf, dass sie diesmal auf sich allein gestellt war, aber er verschwand schnell wieder, da sie sich offensichtlich mühelos in diese Situation einfügen konnte, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
Man stellte sie vor als den Grafen von Karpat und Ellie, die Träume¬rin, und erneut war ihre Anwesenheit der Stoff aller Gespräche. Man fragte sich, warum sie wieder hier war, ob der Prinz diese Träumerin für irgend etwas brauchte – und was es denn überhaupt sein könnte, war denn nicht alles in bester Ordnung? Aber, wenn alles in bester Ordnung war, warum war sie dann hier? Und hatte der Prinz denn nicht sogar verboten, sie wieder hierher zu bringen? Die Gerüchteküche war am überkochen.
Aber das interessierte Elaine nicht. Sie vergaß alles, was ihr Gefühl ihr zur Etikette sagte und sie beachtete auch nicht den Grafen, der sie irritiert ansah, sie sah nur eines: Das riesige Bild einer wunderschönen Frau, die der Gastgeberin sehr ähnelte, in einem grünen Kleid, das eine Passagierin der Titanic hätte getragen haben können. Es war das Kleid, das Kryss ihr damals gab, das Kleid, in dem sich der Geist befunden hatte. Der Geist, der ihr vom Verschwinden seiner Herrin erzählte. Was um alles in der Welt konnte eine Fürstin verschwinden lassen?
***
In einem kleinen, spartanisch eingerichteten und irgendwie steril und unpersönlich wirkenden Appartement hatte ein Mann mittleren Alters einen Alptraum, der ihn schon seit einigen Jahren heimsuchte. Schwarze Gestalten waren da, die ihn verfolgten, die ihm keine Ruhe gaben und die ihm schreckliche Angst einjagten. Immer wieder, Nacht für Nacht wachte er auf und fragte sich, warum er so etwas träumte. Doch in dieser Nacht wurde es noch schlimmer.
Plötzlich jagten ihn nicht nur diese schwarzen Gestalten, sondern auch Raben, Krähen und Katzen. Und sie alle wurden von einer Hexe angeführt, einer Untoten mit langen Krallen und Katzenaugen, mit den Zähnen eines Vampirs, der Zunge einer Schlange und giftigen Stacheln anstatt ihres Haars. Sie hatte noch andere Ungeheuer im Gefolge, aber er hatte zu viel Angst, um sie sich genauer anzusehen und so bleiben sie nur schreckliche Schemen.
Doch am meisten Angst jagte ihm immer noch dieser seltsame Schatten ein, der hinter dieser Hexe stand, eine Macht, die ihm den Verstand raubte. Er lief und lief und wünschte sich nichts sehnlicher, als das Ende dieses Grauens – aber erst die Sonnenstrahlen, die sein Fenster berührten und das schrille Klingeln des Weckers erlösten ihn von seiner Tortur.
Er ging ins Bad, um sich für den nächsten Arbeitstag fertig zu machen und erschrak sogar kurz vor dem Bild, das er im Spiegel sah. Für einen Augenblick sah er wieder diesen Schatten hinter sich, aber dann nur sein eigenes Gesicht, blass, mit Augenringen und fahler Haut. Er fühlte sich wie gerädert und fragte sich, wie er eine weitere Nacht durchstehen soll. Sein unruhiger Blick schien im Spiegel zu zittern, als sich ein beunruhigender Gedanke in seinen Kopf schlich, der Gedanke, dass etwas nicht stimmte. Dieser Gedanke sollte ihn für den Rest des Tages nicht mehr loslassen, an dem er es gerade noch schaffte, seine Arbeit als Beamter auszuführen.
Elaine stupste ihren Begleiter leicht an und bewegte sanft ihre Lippen, als er sie ansah: „Kommt Euch das Kleid auf dem Bildnis nicht irgendwie bekannt vor?“
Der Graf sah zum Bild und da war tatsächlich so etwas wie Überraschung auf seinem Gesicht zu sehen, auch wenn er seine Mimik sehr gut unter Kontrolle hatte. Er nickte und antwortete ebenso kaum merklich: „Ist es etwa das Kleid, in dem ich Euch kennengelernt habe?“
Sie nickte leicht: „So ist es. Und seine ehemalige Eigentümerin, wie der Geist aus dem Kleid mir erzählte, ist verschwunden.“
Er zog kaum merklich eine Augenbraue hoch: „Tatsächlich? Das Kleid hattet Ihr von Kryss, nicht wahr?“
Sie lächelte: „So ist es. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie er daran kam.“
Der Graf nickte: „Ich denke nicht, dass er an ihrem Verschwinden Schuld ist, das ist nicht sein Stil, aber Ihr solltet Ihn vielleicht fragen, wo er das Kleid her hat. Könnte interessant sein.“
Elaine nickte. Sie war froh, dass sie Lippen lesen konnte – die Musik war so laut, dass man sich vermutlich ohnehin nicht hätte normal unterhalten können und sie hatte keine Lust zu schreien.
Die Fürstin hatte offenbar ihre Pflichten als Gastgeberin so weit erledigt, da sie auf einmal beim Paar auftauchte. Sie sah wie eine Winterkönigin aus, ihr Kostüm aus Kristallen und feinen Federn schien wie Eis und Schnee. Ihre Maske war ebenso kunstvoll aus Kristall gearbeitet wie das Kostüm selbst und ging in eine Krone über.
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