»Aber warum denn?«, fragte Wolf. Er war inzwischen sicher, dass Pfeffer kein Geist oder Ghul war, sondern einfach ein ganz normaler Mensch, der einfach nur stank, weil er sich nicht oft genug wusch!
Pfeffer lehnte sich zurück. »Nach allem, was ich erlebt habe, bin ich überzeugt, dass sich hier auf dieser Lichtung regelmäßig Geister- und Gespenstertänze gibt!«, erklärte er.
»Ach, Geister?«, kicherte Lea. »Wirklich?« Wolf knuffte sie in die Seite.
»Es war vor genau sechs Wochen, als ich meine Beobachtung gemacht habe«, fuhr Pfeffer fort. »Ich hatte bis in den späten Abend auf meinem Hof gearbeitet. Eine seltsame Unruhe hatte mich schon bei Einbruch der Dunkelheit ergriffen. Ich glaubte zuerst, dass es mit dem Vollmond zusammenhing, der in dieser Nacht schien und alles in helles, silbriges Licht tauchte. Um mich zu beruhigen, machte ich einen kleinen Spaziergang durch den Wald. Dabei kam ich zu dieser Lichtung, und als ich da vorn am Rand unter den Bäumen stand, fiel mir zum ersten Mal auf, dass sie ein perfekter Kreis ist. Der Mond beleuchtete das Gras, als ich ein leises Sirren hörte und sich eine weiße Gestalt über den Wipfeln der Bäume dort drüben näherte und in der Mitte der Lichtung geräuschlos landete. Es dauerte nicht lange und es erschien schon die nächste Gestalt, und noch eine und noch eine, bis schließlich ein Dutzend Geister da waren, die auf der Lichtung standen.«
»Richtige Geister?«, fragte Lea ungläubig. Sie war sich sicher, dass Pfeffer Blödsinn erzählte, denn echte Geister verließen ungern bei Vollmond die Burgruinen, in denen sie spukten. Außerdem mieden Geister generell die Anwesenheit von Menschen. »Ja, es waren große Figuren mit wehenden Tüchern und schwarzen Augenhöhlen!«, bestätigte Pfeffer ernsthaft. »Mit kichernden und kreischenden Stimmen. Sie sangen seltsame Lieder und führten einen Tanz auf, der ... wie soll ich es sagen...«
»Gruselig war?«, half Wolf aus und zwinkerte Lea zu.
»Genau«, sagte Herr Pfeffer. Herrn Schneider hatte es offenbar die Sprache verschlagen. »Also«, fuhr Ludwig Pfeffer fort, »deshalb kann ich Ihnen den Platz nicht mehr für Ihre Zeltlager zur Verfügung stellen. Ich muss diesen heiligen, mystischen Ort schützen und möchte hier ein kleines Museum bauen.« Herr Pfeffer erhob sich. »Das war es, was ich Ihnen sagen wollte, Herr Schneider!«, meinte er. »Es tut mir leid wegen des Zeltplatzes, aber ab sofort sind alle Zeltlager gestrichen.« Er wandte sich um und stapfte mit schweren Schritten davon. Gleich darauf war er am Waldrand zwischen den düsteren Bäumen verschwunden.
»Na also, was sagt denn ihr dazu, dass der uns einfach den Zeltplatz wegnehmen will - und dazu noch mit so einer seltsamen Begründung!«, fragte Herr Schneider mit einem ungläubigen Gesicht.
»Ich glaube, Herr Pfeffer will uns einfach loswerden!«, fuhr Lea auf. »Die Geschichte mit den Geistern hat er sich nur ausgedacht. Denn dass er lügt, ist ja mal so was von klar!«
Was stimmte an Herrn Pfeffers Geschichte nicht?
Lösung:
Es herrschte Vollmond, als Herr Pfeffer seine Geschichte am Lagerfeuer erzählte, und er behauptete, dass bei seiner Beobachtung der Hexen, die vor sechs Wochen stattgefunden hatte, ebenfalls Vollmond geherrscht habe. Eine Mondphase - von Vollmond zu Vollmond - dauert aber nur rund vier Wochen, und sechs Wochen nach Vollmond herrscht Neumond.
08. Ein Fall für Wolf und Lea
Wer ist das Chamäleon?
Die Dämmerung lag über dem Wald rund um Schloss Schwarzenstein, als Lea und Wolf mit ihren Rädern aus dem Örtchen Hexenwinkel zurück zum Internat fuhren. Die Nebelgeister auf dem Boden störten sie nicht, auch die Wölfe nicht, die im Wald herumschlichen. Als Vampir pflegte Wolf eine enge Freundschaft mit den Tieren, die über fast ebenso scharfe Sinne verfügten wie er.
Aber als sie mitten im Wald waren, spürte Lea auf einmal, dass da noch etwas anderes war. Etwas Gemeines, Schreckliches. Sie bekam eine Gänsehaut.
»Ja, ich spüre es auch!«, sagte Wolf und blähte die Nasenflügel. »Hier ist irgendwo ein...«
»Ein Gestaltwandler!«, flüsterte Lea erschrocken. Die Geister, die blitzschnell jede Gestalt, auch die von Menschen, annehmen konnten, waren gefürchtet wie sonst kaum ein anderes Wesen in der Geisterwelt.
Wolf griff automatisch nach dem Amulett, das er an einer Kette um den Hals trug. Sein Vater hatte es ihm gegeben. »Das Amulett hat starke Kräfte - es kann unter anderem einen Gestaltwandler lähmen, so dass er sich nicht mehr verwandeln kann!«, hatte er zu Wolf gesagt. »Sobald er einen Blick darauf geworfen hat, verliert er für kurze Zeit seine Kräfte!«
Wolf spürte, wie der böse Geist immer näher kam.
»Was ist denn da?«, entfuhr es Lea, als sie um eine Kurve kamen. Der Streifenwagen von Polizeiobermeister Andersen vom Revier Hexenwinkel stand quer auf der Straße, direkt unter einem Plakat für »Graf Ochsenknechts Pferdehof«. Der Pferdehof lag direkt hinter dem Wald, und im Sommer verbrachten viele Kinder aus der Großstadt ihre Ferien hier. Sie konnten Reitstunden nehmen und lernten, wie man mit Pferden und Ponys umging.
»Wir haben eine Großfahndung!«, erklärte der Polizist, als Lea und Wolf an der Sperre von den Rädern stiegen. »Meine Kollegen und ich suchen Xaver Magirus, einen gewieften Betrüger. Wir haben die Personenbeschreibung vor einer halben Stunde bekommen und die Sperre sofort errichtet.« Seine beiden Kollegen, die im Streifenwagen saßen, nickten zur Bestätigung.
Wolf runzelte die Stirn. »Gibt es ein Foto von Magirus«
»Nein, er wurde noch nie verhaftet!«, sagte Obermeister Andersen. »Immer wieder ist es ihm gelungen, in den verschiedensten Verkleidungen zu entkommen. Magirus ist auf diesem Gebiet wirklich ein Chamäleon.«
»Nein, ein Gestaltwandler!«, flüsterte Lea ihrem Bruder zu.
»Einmal ist er aus einem Hotel geflohen, das schon von der Polizei abgeriegelt war, indem er sich verkleidet hat«, sagte der Polizist. »Niemand weiß, wie er das geschafft hat! Aber jetzt hat zum Glück ein Geschäftsmann in der nächsten Stadt rechtzeitig bemerkt, dass der Kunde, der bei ihm war, ihn betrügen wollte. Mit falschen Diamanten - das ist die Masche, mit der Magirus arbeitete. Der Geschäftsmann informierte die Polizei, doch alles was die Kollegen noch sahen, war der schwarze Bentley, in dem Magirus davonraste - Richtung Hexenwinkel!«
Obermeister Andersen zog das Fax mit der Fahndungsmeldung hervor. »Aber zum Glück konnte der Geschäftsmann eine präzise Personenbeschreibung liefern. Magirus ist einssiebzig groß, schlank, hat ein schwarzes Schnauzbärtchen und trägt eine Brille. Sein Haar ist kurz geschnitten und gescheitelt, das Gesicht oval, mit schmalen Augen.«
Lea spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam. Nicht wegen der Beschreibung - denn inzwischen hatte der Wandler sicher schon wieder seine Gestalt gewechselt - sondern weil sie spürte, wie der Gewaltwandler, der sich hier herumtrieb, immer näher kam. Und da rollte auch schon auf der Straße ein schwarzer Bentley heran und stoppte vor der Straßensperre. Der Fahrer ließ die Seitenscheibe herunter. Er war etwa einssiebzig groß, blond und trug eine dunkle Brille. Wer er der Gestaltwandler? Lea konnte es nicht genau sagen. Aber alle ihre Haare sträubten sich. Wolf dagegen blieb ganz ruhig.
»Was ist denn los?«, fragte Autofahrer, während er seine Papiere herausreichte.
»Reine Routinekontrolle«, sagt Wachtmeister Andersen und studierte den Führerschein. »Herr Knippschild, Edwin Knippschild?«
»Wie es da steht!«, lächelte der Mann. »Geboren am 19. Oktober im schönen München, also Sternzeichen Waage!«
»Und was führt Sie in unsere Gegend?«
»Ich wollte mich auf Graf Ochsenknechts Pferdehof umsehen«, meinte Knippschild. »Wenn es mir gefällt, schenke ich meiner Tochter einen Urlaub dort. Meine Tochter Susanne ist verrückt nach Pferden.« Er lächelte Lea an. »Du wirst das sicher verstehen, junge Dame!«
Читать дальше